Das geschriebene Wort

von Wolfgang Bortlik.

Lachen, schreiben, sprechen für das Vergnügen und die Schönheit

Als wir endlich auf der richtigen Seite des Hauptbahnhofs aus der Unterführung hochfuhren, kam uns plötzlich ein etwas derangierter Herr auf der Rolltreppe entgegen. Er hatte Blut im Gesicht und lallte Unverstþndliches, so dass sich meine Tochter entsetzt zur Seite drückte, als der Mann mit torkelnden Sprüngen versuchte, die aufwþrts laufende Rolltreppe hinunter zu kommen. Trotz aller Mühen gelang ihm dies nicht, denn er musste sich immer wieder mal am Gelþnder festhalten, worauf er lamentierend wieder ein Stück hochfuhr. Doch gleich darauf machte er wieder einen Satz und teufelte vier Stufen auf einmal nach unten, um doch nur gleich wieder in die Gegenrichtung transportiert zu werden. Meine Tochter, manchmal Lenin genannt, und ich sahen uns das Spektakel andþchtig an.
"Der mit dem Blut im Gesicht mit der Rolltreppe tanzt", sagte ich respektvoll.
Und Lenin fragte, ob die in dieser Stadt hier so was für die Touristen veranstalten würden.
"Nein, meine Tochter", sprach ich salbungsvoll und schenkte dem gerade wieder abwþrts jenzenden Rolltreppenmann einen letzten Blick. "Wir sind hier in Sankt Georg, in Hamburgs wildestem Viertel."
Wir waren auf dem Weg in ein ehemaliges Kino, das nun ein linkes Theater ist. Dort sollte der Festakt zum dreissigjþhrigen Bestehen meines Lieblingsverlages stattfinden. Und ich war ausersehen, das musikalische Zwischenprogramm zu gestalten. Lenin begleitete mich als gute Fee.

hell is in hello
darmkatharrakte zügellose museen
die gþste zersprangen in todesangst
gegen proll und andere
wegen krisenentführung
ein brennender richter
fragt
nach feuer
gib der neuen linken
eine mitfahrgelegenheit
the new left a lift
aktion statt auktion
gift und gallerie wer kommt
orgasmus der gasmann
(thorwald proll in: "den taten auf der spur", 1977)

Das Kinotheater war voll und etliche Menschen tranken aus vollen Glþsern. In der Garderobe, wo Lenin alsbald schlafen wollte, rauchten Radioleute und Schauspieler um die Wette. Mit einer Mischung aus Chumbawamba, Nina Simone und Gene Vincent verband ich die Vortrþge der verschiedenen Verlagsautorinnen und -autoren, die den Festakt bestritten. Das Prþtentiöse paarte sich mit dem Unprþtentiösen. Am unterhaltsamsten waren die Verlegerin und der Verleger selber. Und Kerim Pamuk, der den Verleger imitierte. Da lacht der Hanseat.

Es gibt in Deutschland ja nur drei Stþdte. Die eine ist selbstverstþndlich Berlin, Hauptstadt und selbstreferentiell wie zu Mauerzeiten. Und wenn sich Schweizer von gewisser Prominenz und Provenienz (Merdien!) in einer deutschen Stadt anklumpen und diese als "total spannend" bezeichnen, dann kann mit dieser Stadt etwas nicht stimmen. Also Obacht, Berlin, dein Tþnzer ist der Tod und nicht Frank A. Meyer oder Roger Schawinski! Dann ist da auch noch München, das allerdings wie ein vollgesogener Bierdeckel in nacheiszeitlicher Landschaft liegt. Dort hilft nur ein gepflegter katholischer Alkoholismus. Und dann gibt es eben noch Hamburg. Die Heimat der Pfeffersþcke. Backsteinrote Steifheit, subversiv unterspült von ewig sich bewegenden Wassern. Aufstþnde allüberall. Bye bye, kleines Glück!

Ein Buchhþndler
Er könne nicht über die Leute klagen, und er habe viele Kunden aus der Hafenstrasse. Sie seien ausnahmslos freundlich und nett. Auch zu ihren Hunden, fügt er hinzu. Die hiessen nicht Greif oder Cþsar, sondern Janosch oder Puschel oder Blümchen und tþten keiner Seele etwas zuleide. Ich sollte nicht vergessen, auch darüber zu schreiben. Die Leute vom Hafen und ihre Hunde seien ein ganz besonderes Kapitel.
(Carl-Heinz Mallet: "Die Leute von der Hafenstrasse", 2000)

Das Verlagsfest ging dem Ende entgegen und Lenin und ich machten uns auf den Weg in unser Schlafquartier ausserhalb. Das Verlegerpaar verwaltet ein kleines Hþuschen an der Elbe, einst bewohnt von der ersten Kapitþnin Deutschlands. Zwischen stehengebliebenen Wanderdünen und markanten Hundehaufen lag Blankenese. Von dort aus irrte und irrlichterte ein Taxifahrer am Elbufer herum. Lenin sang leise: "Blankenese ist beschissen, wir kaufen unser Zeug in Rissen!" Ein nimmermüdes Kþuzchen schrie zur ersten Stunde des neuen Tages und ich brachte den Schlüssel nicht mehr ins Schloss der Tür des Hþuschens der Kapitþnin. Zum Glück hatte ich eine gute Fee dabei.

Die Kneipe, aus der sie gekommen war, war ein Refugium für alle Altonaer, deren Hoffnungen ergraut und verblichen waren. Dort gab es Bier und Kaffee zu Tiefstpreisen, dorthin kamen die Stammgþste zum Frühschoppen, wenn das Geld noch reichte. Danach setzten sich manche von ihnen vor eine Bankfiliale oder einen Modeladen und sammelten Almosen, bis es wieder für die nþchste Flasche reichte. Ich war nie drin gewesen. Wie die meisten Passanten vermied ich es, zu nah am Eingang des Ecklokals am Spritzenplatz vorbeizugehen. Der rauchgeschwþngerte Bierdunst, der herausdrang, war nichts für sensible Nasen.
(Robert Brack: "Haie zu Fischstþbchen - Ein Fall für Lenina Rabe", 2005)

Die Edition Nautilus hiess früher Verlag MaD, bis die Zeitschrift Mad ihr Veto einlegte. Materialien, Dokumente, Flugschriften waren die ersten Verlagserzeugnisse allesamt: Etwa "Dranbleiben... einmal klappts bestimmt! Strategie und Taktik für den Betriebskampf" oder viel Pamphletös-Verklausuliertes von den Subrealisten und anderen klassischen und spþteren Situationisten. Edelsteine schimmern immer noch aus frühen Programmen hervor. Etwa das von einem gewissen Dominikus Grosshirn herausgegebene Büchlein "Der neue Büchmann - Aus dem Wortschwatz einer Klassikergesellschaft", eine wunderlich-wundersame Sammlung von originellen, frechen und komischen Sprüchen, die 1977 erschien und also wohl zu früh kam in die drögen 70er-Jahre.

Lenin und ich spazierten anderntags schon früh an die breit und mþchtig dahinrollende, ziemlich braune Elbe und legten ein paar Giftwürste für die mannigfaltige Hundepopulation aus, die spþtestens am Nachmittag mit ihren Hamburger Herrchen und Frauchen dort herumtollen würde. In einem geschützten Winkel, zwischen Reet und einem Bootshaus, lag ein etwas derangierter Herr in offensichtlich tiefem Schlaf. "Sankt Georg hülf!" flüsterten Lenin und ich gleichzeitig.

Warum schreiben Sie und warum malen Sie?
Weil ich mich langweile und ich der Meinung bin, ich langweile die anderen. Als ich jung war, habe ich die Bilder meines Vaters abgemalt; dann habe ich die ursprünglichen Gemþlde verkauft und durch die Duplikate ersetzt. Da es keiner bemerkt hat, habe ich meine Berufung entdeckt...
(Francis Picabia: "Platonische Gebisse - Schriften, Band 2", 1983)

Neben dem Originalpunk Francis Picabia verlegte und verlegt die Edition Nautilus beispielsweise als Jahrhunderttat die Werkausgabe von Franz Jung sowie die grotesken Romane des irischen Rauhbeins Sean McGuffin und die Biographie der Ex-RAF-Frau Inge Viett. Wiglaf Droste, Franz Dobler, Stewart Home oder auch Ingvar Ambjörnsen wurden via Nautilus bekannt und gefürchtet. Frank Witzel schreibt hier, und das englische Kabinettstückchen "Dinner for One" sorgt für Heiterkeit, auch in der Verlagskasse.

Dann fuhren Lenin und ich in den Verlagssitz nach Bergedorf, ein Stþdtchen südöstlich vor Hamburg. Klar, dass auch dort ein etwas derangierter Herr die Rolltreppe von der falschen Seite her nahm. Er sah ein bisschen so aus, als hþtte er gerade die Verlagskasse gemopst und sie gleich in Kümmel, Korn und Konjack umgesetzt. Lenin meinte, dass Hamburg ganz schön gross sei im Vergleich zu Basel und auch ganz schön komisch. Zum Glück trafen wir im Verlag einen Holzschnittkünstler aus Schaffhausen an.

Den ganzen Nachmittag haben wir im Komitee diskutiert. Wir haben das Wort für "sich ergeben" gesucht. Es gibt keine †bersetzung, weder im Tzotzilischen noch im Tzeltalischen. Seit mehreren Stunden suchen wir einen þquivalenten Ausdruck. Der alte Antonio wartet, bis alle verstummt sind und nur noch das Trommeln des Regens auf dem Wellblechdach zu hören ist. Schweigend nþhert sich der alte Antonio mit Tuberkulosehusten und sagt mir ins Ohr: "Dieses Wort gibt es in der wahrhaften Sprache nicht, deshalb ergeben sich die Unsrigen auch nie und sterben lieber, denn unsere Toten bestimmen, dass die Worte, die es nicht gibt, nicht gelebt werden." Danach geht er zur Feuerstelle, um Angst und Kþlte zu verscheuchen. Ich erzþhle es Ana Maria, sie betrachtet mich gerührt und erinnert mich daran, dass der alte Antonio schon tot ist ...
(Subcomandante Insurgente Marcos: "Botschaften aus dem Lakandonischen Urwald - Ueber den Zapatistischen Aufstand in Mexiko", 1996)

Die zitierten Bücher sind selbstverstþndlich auch in der Edition Nautilus erschienen und teilweise noch lieferbar. Edition Nautilus, Alte Holstenstr. 22, D-21031 Hamburg, Tel. 040 721 35 36
www.edition-nautilus.de, E-Mail: info@edition-nautilus.de

Der Titel des Beitrags ist dem Gedichtband "Die Strassen, die Mauern, die Commune" von Pierre Gallissaires aus dem Jahr 1975 entnommen.

Wolfgang Bortlik

 

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