Comic-Bilder à la Dante

von Urs Hangartner

Der dramatische Stoff eines epischen Gedichts und der detailgenaue Realismus in der Beschreibung lassen es nahe liegend erscheinen, dass ein Text wie die "Göttliche Komödie" immer wieder die Aufmerksamkeit erzählender Bildermacher erregt. Die Illustrationen werden dann zu narrativen Umsetzungen, und erst recht wird in den Comic-Bildern erzählt. Hier finden Sie eine kleine Umschau auf Comicadaptionen oder Illustrationen von Comiczeichnern, die sich nahe an Dante anlehnen oder auch nur von ihm inspiriert sind.

Höllen-Micky

Im amerikanischen Heft "Walt Disney's Comics and Stories" kam im März 2006 erstmals in englischer Sprache ans Licht, was zwischen Oktober 1949 und März 1950 bereits im Lande Dantes selber gedruckt wurde: "L'Inferno di Topolino", eine wie im Original mit Terzinen ausgestattete Persiflage auf das literarische Heiligtum. Neckischerweise erschien also im verlegerischen Stammhaus Disney "Mickey's Inferno" mehr als ein halbes Jahrhundert später, bezeichnenderweise unter der "satanischen" Bandnummer 666.

In Italien gilt Dante Alighieri als Nationaldichter. Aber Spass muss sein, dachten sich Guido Martina (Text) und Angelo Bioletto (Zeichnungen) bei ihrer actiongeladenen Adaption. Micky Maus (italienisch: Topolino) spielt in einer Theaterinszenierung Dante, danach wird er hypnotisiert und anschliessend auf eine Traumreise in den Hades geschickt, wo er bekannten Freunden und Feinden in Geistergestalt begegnet. Zu guter Letzt muss er verschiedene Geister von ihrem Fluch befreien, um der Unterwelt endlich zu entkommen. Das Inferno ist ein disneyfiziertes, keine Frage, aber warum eigentlich nicht? Personell originell wird Micky im Übrigen von einem gewissen Goofy an Stelle des originalen Vergil durch die bunte Hölle geschickt. Auf Deutsch erschien "Die göttliche Entenkomödie" im Rahmen eines pädagogisch wertvollen Disney-Sammelbandes in Sachen "Weltliteratur".

Für das italienische Kinderpublikum hat der Zeichner Marcello Toninelli die "Commedia" in gagigen Strips aufbereitet. Seine parodistischen "Dante"-Kurzcomics erschienen ab 1994 in der Kinderzeitschrift Il Giornalino. 1998 erschien zudem eine Sammelausgabe.

Cop Henry Dante

Eine aktuelle Spielart einer Dante-"Adaption" stammt vom Autorengespann Lorenzo Bartoli und Roberto Recchioni ("John DoeÈ). Ihr "Detective Dante" ist eine Comicserie mit wechselnden Zeichnern, die ihren Protagonisten in einem US-Universum der Gegenwart handeln lassen. Die Geschichte ist als Ganzes nach den drei Gesängen der "Göttlichen Komödie" strukturiert, mit Zitaten, Verweisen und personellen wie thematischen Parallelen. Der Bezug auf Dante geschieht aber nie aufdringlich, sondern frei und unaufgeregt. Die Zeichnungen orientieren sich hauptsächlich an einer "hardboiled detective"-Welt zwischen Hongkong-Kino, Hammett, Chandler und Elmore Leonard. Der Detektiv Henry Dante, eigentlich Mitglied der New Yorker Mordkommission, wird für Ermittlungen, aber auch zur eigenen seelischen Läuterung nach Paradise(!) City, Kalifornien, geschickt. Dante wird von seinen italienischen Autoren übrigens Çdetective infernale" genannt und nicht, wie es zu erwarten gewesen wäre, "detettivo" - ein anspielungsreiches, italo-amerikanisches Erzähl-Treiben also, in dem von Ferne der alte Dante aufscheint.

Motive und Zitate

Neil Gaimans gross angelegter Comiczyklus "Sandman" bedient sich motivisch offensichtlich an der "Göttlichen Komödie". Vornehmlich die Hölle wird da zum Schauplatz, aber das Verhängnis nimmt schon im dunklen Wald, in den sich Dante verirrt, seinen Lauf. Wir werden des achten Höllenkreises Malebolge gewahr und begeben uns auch in jene Höllenstadt, die vom Styx umgeben ist und in der sich die unteren Höllen befinden.

Das "Sandman"-Spin-Off "Lucifer" nimmt Dante'sche Motive wieder reichlich auf, bis in einzelne Episodentitel hinein. Himmel und Hölle haben hier ihren Platz, insbesondere auch die neunte Paradies-Sphäre, der Kristallhimmel ("Primum Mobile").

Fantasy-Dante

Eine obskure Variante: Der deutsche Fantasy- und Eso-Zeichner Voenix hat nach einer Romanvorlage des okkultistisch ausgerichteten "Magierphilosophen" Akron ("Baphomet") in seinem mehrbändigen "Philosophischen Comic" jede Hölle einer astrologischen Konstellation zugeordnet. Voenix sieht die ganze Sache im Zusammenhang mit seiner Comicserie "Dantes Inferno" folgendermassen: ÇDu trittst in die Hölle ein und vergisst vor lauter Bildern, dass du in einer Hölle gelandet bist. Das ist sicherlich der wesentlichste Unterschied zu Dante Alighieri. Dieser reiste mit seinem engelhaften Begleiter Vergil in die Unterwelt und besah sich diese zumeist mit all ihren Sündern. In Akrons "Dante" wird der Protagonist, der gleichzeitig das Erlebte in einem Buch verfasst, das während des Lesens durch den Leser ja erst entsteht, in jede Hölle mit eingebunden. Das heisst, er wird ein Teil von ihr und vergisst, dass er zu einem Teil von ihr geworden ist. Am Ende kommt dann sein Seelenführer, der ihm bei seiner Wanderung in die Tiefen der eigenen Psyche zur Seite steht, und begleitet ihn wieder nach draussen, etwa so, wie wenn im Kino das Licht angeht. Würde das Licht nicht angehen und würden sich unsere körperlichen Bedürfnisse nicht melden, blieben wahrscheinlich die meisten von uns für immer in den Bildern eines Films verschollen.È

Mattotti, Moebius,Glaser

Drei Grössen des Zeichenfachs erhielten von der Mailander Galerie Nuages den Auftrag, auf das Dante-Jubiläumsjahr 2000 hin für eine Ausstellung und ein Editionsprojekt einen Gesang zu illustrieren. Der amerikanische Altmeister der Illustration Milton Glaser (*1929) wählte für seinen Beitrag "Purgatorio" (deutsch: "Läuterungsberg") die spezielle Technik der Monotypie. Die beiden anderen - Lorenzo Mattotti und Moebius - zeichneten ihren Gesang in ihrer jeweiligen stiltypischen Technik. Eine Rückkehr in ferne Jugendtage bedeutete die Arbeit an den "Commedia"-Illustrationen für den Italiener Mattotti, der alte Zeichenfreuden wieder aufleben lassen konnte, wie er im Kommentar zu seinem Beitrag ausführte: ÇIch schien, in die Schule zurückgekehrt zu sein, als der Lernzwang das Vergnügen verbannte. Es war das Vergnügen, das ich wieder einzufangen versuchen musste! Die Lust zu zeichnen - und wie! Die Hölle, die Teufel, die Monster, die Schatten! Ich habe mit Skizzen angefangen und mich sofort vergnügt. Skizzen von Monstern, von solchen, wie ich sie während der Schulstundenim im Gymnasium auf die Prüfungshefte zeichnete, Hexen und Minotauren, seltsame Tiere und verdammte Seelen...È Mattotti behält - wie in seinen Comics und Illustrationen, wenn er nicht gerade in Schwarzweiss arbeitet - die auffällige Farbigkeit und Flächigkeit seiner Pastellkreide bei. Typisch bleiben in seinen Höllenbildern auch die gleichsam barocke Lichtführung und die äusserst stilisierten Figuren, wenn er metamorphisch anmutende Gestalten zeichnet.

In seinen Anmerkungen zu seiner Illustrationsarbeit outet sich Moebius, der unverkennbar in seinem fantastischen Sci-Fi-Strich an die Sache herangegangen ist, als DorŽ-Adlat. Moebius bleibt auch hier Moebius, zeichnet mit Tusche und aquarelliert. Er orientiert sich nicht nur im kleinen, feinen Format am grossen Vorbild DorŽ. Seine Gestalten sind von filigranem Charakter und von langgezogenem Körperbau - als wärs ein Stück aus einem Moebius-Comic. Was die Eigenleistung oder Originalität von Moebius im Vergleich zu DorŽ angeht, bemerkt Adrian La Salvia im Ausstellungskatalog "Himmel und Hölle": ÇMoebius übersetzt radikal wörtlich.È

So gibt sich Moebius euphorisch in Sachen DorŽ-Adaption: ÇGustave DorŽ ist als einziger in der Lage, von Gott eine Sondererlaubnis zu verlangen, sich am Paradies zu versuchen, als wäre es der vollkommene Apfel grafischer Ekstase. Gustave DorŽ war mein einziger Zugang zum Schatten, den das Paradieslicht wirft, welches durch die engelhafte Feder dieses Künstlers angedeutet wurde. Das war eine Art Echo ferner Ekstase, ein halbtrockener Rest Ambrosia, eine Spur aus dem Wind der Zeit gepflückt, auf welche ich, ohne mich zu schämen, heimlich mein Durchschreibpapier gelegt habe. Was muss man nicht alles machen, um sich das Überleben zu verdienen!È






Dante Alighieri / Lorenzo Mattotti: "La Divina Commedia. L'Inferno". Edizioni Nuages, Mailand 1999

Dantesker Jimbo

Eine etwas gewagte Comicvariante zu Dantes "Göttlicher Komödie" stammt vom New Yorker Gary Panter. Er lässt seinen durch das zeichnerische Werk immer wieder lebendig werdenden Haupthelden Jimbo als Dante durch eine purgatorische Welt der besonderen Art wandern. "Jimbo in Purgatory" ist je nach Interpretation eine "free style adaptation" oder eine "ikonoklastische Reinterpretation" von Dantes Vorlage.

Zwischen einer post-apokalyptischen Katastrophenwelt und paradiesischer Prähistorie ist das Setting angesiedelt. Jimbo, eine Art tumber Proto-Punk, wandert und wandelt mit einem Führer namens Valise durch die Welt. Mit dem Roboter gehts durchs Purgatorium, das eigentlich keine Wartezone mehr ist, sondern ein träger Zwischenraum, in dem alles, was sein kann oder sein konnte, schon gewesen ist. Wem da begegnet wird, sind Studenten, die für ihr Weiterkommen literarische Zitate erkennen müssen - welch Höllenqualen! Der Läuterungsberg entspricht bei Panter einem suburbanen Einkaufszentrum voll von literarischen Verweisen auch auf andere Klassiker durch die Jahrhunderte - ein einziges grosses Rätselraten.

Formal interessant ist, dass Panter die 33 Gesänge des Purgatoriums jeweils abends nach dem Zu-Bett-Bringen seiner Tochter gezeichnet hat: Jeden Abend ein einziges Panel, drei Jahre lang. Und Panter komprimiert Dantes grosses Gedicht neu in Bilder und Texte, die auf lediglich 33 Seiten Platz haben: Jedem Gesang ist eine Seite gewidmet.

Panter ist nicht unbedingt an einer Klassiker-Adaption interessiert, die sein eigenes Tun nobilitiert. Seine Variante soll vielmehr "eine Einladung" sein, "sich mit Satiren aus verschiedenen Zeiten auseinanderzusetzen", mit Namen wie Lukian, Juvenal oder Petronius.

Nicht weniger anspielungsreich als "Jimbo in Purgatory" ist "Jimbo's Inferno", das Panter anschliessend prequel-artig in Angriff genommen hat. Panter, der sich vor allem an den narrativen Illustrationen Boticellis anlehnte, schuf auf der Grundlage von Dante ein ureigenes, unverwechselbares Werk, wo selbstredend auch "high" und "low", Klassik und Popkultur, Gestern und Heute, Dante und die anderen durcheinanderpurzeln - in den Zeichnungen, den Dialogen und den ausführlichen Fussnoten. Boy George tritt da ebenso auf den Plan wie John Lennon und Tiny Tim. Yul Brynner hat ebenso seinen Auftritt wie Kato - in der Rolle von Bruce Lee in "The Green Hornet". Boccaccios "Dekamerone" und Chaucers "Canterbury Tales" als weitere literarische Referenzen werden in Dantes klassischen Kosmos mit einbezogen.






Gary Panter: "Jimbo's Inferno". Fantagraphics, Seattle 2006

Bibliografie (Auswahl):

Dante Alighieri/Lorenzo Mattotti: "La Divina Commedia. L'Inferno". Edizioni Nuages, Mailand 1999
Dante/Milton Glaser: "La Divina Commedia. Il Purgatorio". Edizioni Nuages, Mailand 1999
Dante Aligheri/Moebius: "La Divina Commedia. Il Paradiso". Edizioni Nuages, Mailand 1999
Glaser, Milton; Mattotti, Lorenzo; Moebius: "La Divina Commedia" (Ausstellungskatalog). Sala Lorenzo, Mailand 2000

Div.: "Die göttliche Entenkomödie und andere Streifzüge durch die Weltliteratur" (Disney Paperback). Ehapa Comic Collection, Berlin 2001

Marcello Toninelli: "Dante - La Divina Commedia a fumetti". Edizioni Foxtrot, Mailand 1998

Div.: "Himmel und Hölle. Dantes Göttliche Komödie in der modernen Kunst" (Ausstellungskatalog). Stadtmuseum Erlangen, 2004

Gary Panter: "Jimbo in Purgatory". Fantagraphics, Seattle 2004
Gary Panter: "Jimbo's Inferno". Fantagraphics, Seattle 2006

Roberto Recchioni, Lorenzo Bartoli (Idee, Text), Elisabetta Barletta u.a. (Zeichnungen): "Detective Dante", Eura Editoriale, Rom 2005ff