Dante

von Thomas Ricklin

Über Dante Alighieri wird seit gut 700 Jahren geschrieben. Spätestens seit der Dichter im Jahr 1321 im Exil in Ravenna gestorben ist, haben sich Schriftgelehrte seiner "Divina Commedia" bemächtigt und das Werk kommentiert. Dieser unmittelbare Erfolg ist in der Geschichte der abendländischen Literatur einzigartig. Homer, die Bibel und Shakespeare haben jeweils Jahrhunderte warten müssen, bis sich jemand schriftlich über ihre Anspielungen Gedanken gemacht und den Sinn des Ganzen herauszustellen versucht hat. Mittlerweile zweifelt wohl niemand, der Dante gelesen hat, noch daran, dass die "Divina Commedia" gelesen werden wird, solang es Menschen gibt.

Was heute als Weltkulturerbe gilt, war einst Ringen um Existenz. Seit dem 27. Januar 1302, dem Datum seiner Verbannung aus Florenz und der Beschlagnahmung seines Vermögens, war Dante ein Einzelgänger, der unter Androhung der Todesstrafe nicht in seine Heimatstadt zurückkehren durfte. Er, der zuvor eine der kulturellen Leitfiguren von Florenz gewesen war, der zusammen mit seinem Freund Guido Cavalcanti in der Dichtung den Ton angegeben und auf Seiten der Papstkritiker in der Politik der mächtigen Republik mitgemischt hatte, sah sich seiner Existenzgrundlage als kleiner Banker beraubt. Statt von eingespielten Termingeschäften einigermassen zuversichtlich zu leben, statt sich von hübschen Florentinerinnen zu Sonetten inspirieren zu lassen, statt zusammen mit anderen Dichtern das Wesen der Liebe zu ergründen, musste er plötzlich auf sich allein gestellt ein Auskommen finden in einer Welt, die für Leute, deren wichtigste Kompetenz und Leidenschaft das Finden von Versen war, nicht eben viele Möglichkeiten bereithielt.

In einen kirchlichen Orden, etwa bei den Dominikanern oder Franziskanern, konnte Dante nicht eintreten. Auch die Möglichkeit, als Priester von Pfründen zu leben, wie es zwei, drei Generationen später Petrarca und Boccaccio samt ihren illegitimen Kindern getan haben, war ihm verwehrt. Seit 1285 war er mit Gemma Donati verheiratet. Gemma ist wahrscheinlich die einzige Frau in Dantes Leben, der er nie einen Vers gewidmet hat. So ist von ihr nur bekannt, dass sie die Mutter der gemeinsamen Kinder Pietro, Jacopo und Antonia gewesen ist. Zahlreiche andere Frauen hingegen haben, wie Dante sich einmal ausdrückte, gleich einem herabfahrenden Blitz bei ihm eingeschlagen. Mit ihrer Schönheit haben sie den Dichter immer wieder von Neuem in die Tyrannei der Liebe geführt und seine Lieder provoziert. Kurz: In den kirchlichen Strukturen war für den Verbannten nichts zu wollen.

Aber im Italien der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gab es nicht nur die Kirche und politisch höchst bewegte Stadtrepubliken wie Florenz, Genua und Venedig. Es gab auch eine ganze Reihe von kleineren und grösseren Fürsten wie etwa die Carrara in Padua, die Comino in Treviso, die Correggio in Parma, die Da Polenta in Ravenna, die Este in Ferrara, die Malatesta in Rimini und die Scaliger in Verona. Wer von seiner Wortkunst leben musste, konnte versuchen, sich einem dieser lokalen Potentaten als Sekretär oder Hauslehrer anzudienen. Das hat der exilierte Dante sehr bald getan. Allerdings fügen sich die wenigen Dokumente, die von seinem Leben in der Verbannung berichten, zum Portrait eines Mannes von eher schwierigem Charakter, dem es schwer fällt, sich in die kleinen Hofgesellschaften einzugliedern und der sich schnell mit anderen überwirft.

Der heimatlos gewordene Dichter dürfte jeweils eher unbesonnen mit seinen Herrschaften gebrochen haben. Vielmehr hatte er noch in Florenz den Plan gefasst, seiner 1290 verstorbenen ersten Liebe Beatrice Portinari ein würdiges literarisches Denkmal zu setzen. Diesem Projekt und nicht irgendwelchen mehr oder weniger kulturbeflissenen Fürsten hat er sein Leben gewidmet. Seine Realisierung lässt sich von der noch in Florenz redigierten "Vita nuova" (Das neue Leben) über das bereits im Exil entstandene "Convivio" (Gastmahl) verfolgen. Durchwegs ist Dante von der Idee beseelt, dereinst ein Werk zu schaffen, das ein für alle Mal zum Ausdruck bringt, was Beatrices Name verspricht: "beatitudo", auf Deutsch Glückseligkeit. Darüber, dass Beatrice seit ihrem irdischen Tod als Engel im Himmel lebt, bestand für ihren Sänger von Anbeginn kaum ein Zweifel. Aber bis zur letzten Gewissheit in der "Divina Commedia" führt ein langer Weg von der Hölle (inferno) über das Fegefeuer (purgatorio) ins Paradies (paradiso).

Dass er, was immer er wollte, in Verse bringen konnte, war sich Dante mittlerweile wahrscheinlich ziemlich gewiss. Aber nicht minder bewusst war ihm, dass im Neuen Testament, und zwar im ersten Korintherbrief des Paulus, schwarz auf weiss zu lesen war, "dass kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, (...) was Gott jenen bereitet hat, die ihn lieben". Genau das aber wollte er beschreiben, die Glückseligkeit, die "beatitudo", die Gott dieser Beatrice bereitet hatte, die ihn liebt und die er liebt. Als Dante in Purg. XXX endlich Beatrice trifft, die ihm aus dem himmlischen Paradies bis hierher entgegengekommen ist, erläutert die Selige einigen ebenfalls anwesenden Engeln, dass Dante in seiner Jugend das Zeug gehabt hätte, eine einzigartige Person zu werden.

Die Wanderung durch das Jenseits mit seinen neun Höllenkreisen, deren Bewohner ihre von Unmässigkeit, Bosheit und Vertierung zeugenden Sünden, für die es keine Erlösung gibt, auf ewig büssen, und der Aufstieg über die sieben Stufen des Läuterungsberges, des Purgatorio, von wo man schliesslich ins Paradies gelangt, entspricht Dantes Wunsch, zu den Möglichkeiten jener Jugend in Florenz zurückzukehren, als er Beatrice lieben durfte. Damals lag sein Glück im Anblick von Beatrices Augen. Jetzt, nach einem falschen Leben, muss er sich in der Hoffnung, wieder zum Glück der Augen Beatrices zurückzufinden, sämtliche infernalen Qualen und reinigenden Prozeduren des Fegefeuers zeigen lassen. Dass Dante nach dieser Reise nicht mehr derselbe ist, versteht sich. Er weiss jetzt, dass er nur hoffen kann, seine Sprache vermöge ein wenig von dem auszudrücken, was er ihr anvertrauen möchte. Auch dass ihm Beatrice nicht mehr das Mädchen ist, das er in seiner florentiner Jugend geliebt hat, liegt auf der Hand. Sie ist zu einer himmlischen Erscheinung geworden, an die er sich nur noch im Gebet wenden kann.

Bloss haben sich während seines Aufenthalts im Jenseits nicht nur die beiden Protagonisten verändert. Der ganze Kosmos hat sich verwandelt und deutlich an Kohärenz gewonnen. Seit der Antike bildete die Erde für die erdrückende Mehrheit der Gelehrten das Zentrum eines geozentrischen Systems, um das herum die Kreisbahnen der Planeten Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn kreisen. Über diesen sieben Kreisschalen spannt sich als achte Sphäre die Kugel des Fixsternhimmels, der wiederum von der Kristallsphäre umfasst wird. Die christlichen Theologen hatten dieser astronomischen Maschinerie im Verlauf des 12. Jahrhunderts dann als äusserste Sphäre noch das Empyreum hinzugefügt, eine ganz aus Feuerlicht bestehende Kugel, die als Ort des himmlischen Paradieses und damit als Aufenthaltsort der Seelen der Seligen und der nicht mit irgendwelchen besonderen Aufgaben betrauten Engeln galt. Bei Dante werden diese zehn sphärischen Himmelsräume zum Strukturprinzip des Paradiso.

Während der Himmel schon seit der Antike über eine durch und durch harmonisch strukturierte Ordnung verfügte, in der es auch bereits einen paradiesähnlichen Ort für glorreiche Staatsmänner der Vergangenheit gab, war es den christlichen Theologen allen Versuchen zum Trotz nicht gelungen, der Hölle, dem Fegefeuer und dem irdischen Paradies Räume zuzuweisen, die sich präzis lokalisieren und einigermassen bruchlos in die kosmische Gesamtstruktur der Welt einfügen liessen. Grundsätzlich dachte man sich die Hölle irgendwo unter der Erde. Wo genau das Fegefeuer Ð wie das Empyreum eine Erfindung des 12. Jahrhunderts Ð zu lokalisieren war, galt ebenfalls als ungewiss. Das irdische Paradies stellte man sich einigermassen utopisch als unzugängliche Gartenregion irgendwo im Osten vor.

Mit all diesen Uneindeutigkeiten räumt Dante auf. So wie er sie zusammen mit seinem Begleiter Vergil durchwandert, ist die Hölle ein gigantischer neunstufiger Trichter, ein Kegel, dessen Spitze mit dem Erdmittelpunkt zusammenfällt und dessen Achse vom Erdmittelpunkt zur Stadt Jerusalem führt. Irgendwo unterhalb Jerusalems und Golgathas liegt also eine Art riesiger römischer Zirkus, dessen Zuschauerränge sich zum Erdmittelpunkt hin, dem tiefsten Ort der Hölle, verjüngen. Vom tiefsten Punkt der Hölle gelangt Dante durch den langen Gang einer Höhle, der gleichsam als verlängerter enger Trichtermund durch die Erdmassen der südlichen Halbkugel führt, zu den Antipoden der heiligen Stadt. An der Jerusalem genau gegenüberliegenden Seite der Südhalbkugel tritt er aus der Erde heraus und findet sich zu Füssen des Läuterungsberges wieder, der sich mitten im Meer erhebt. Diesen Berg erklimmt er und betritt schliesslich, von den Makeln der sieben Todsünden gereinigt, das auf der Bergspitze gelegene irdische Paradies. Von hier ist es nur noch eine kurze Luftreise zur Mondsphäre, dem untersten Ort des Himmels, von wo aus es über die verbleibenden acht astronomischen Himmelssphären hoch zum Empyreum geht.

In der Zusammenfassung nimmt sich Dantes Route durch das Jenseits banal aus. In der "Divina Commedia" sind die entsprechenden Ortsangaben allerdings nicht handlich zusammengestellt: Die einzelnen topographischen Hinweise sind über die hundert Gesänge des Werkes verstreut. Sie sind zudem oft als Vorschau oder Rückblende gestaltet, so dass es mitunter schwierig ist festzustellen, wie man dahin gelangt ist, wo man sich grad befindet und wie es nun weitergeht. Schon die ersten Kommentatoren der "Divina Commedia" haben sich deshalb nach bestem Wissen darum bemüht, eine Gesamtschau von Dantes Reise ins Jenseits zu entwickeln und den Lesern eine Orientierungshilfe an die Hand zu geben. Illustratoren haben sie dabei tatkräftig unterstützt und Diagramme, Karten und Gesamtansichten von Dantes Reise entwickelt.

So benutzerfreundlich sich diese Zusammenfassungen und road maps ausnehmen, sie fördern doch insgesamt die trügerische Illusion, es gäbe einen Pfad durch Dantes Welt, der in sie hineinführt und auch wieder hinaus. Dem ist aber nicht so. Aus Dantes Welt gibt es kein Entrinnen, weil es kein Ausserhalb gibt. Über dem Feuerhimmel des Empyreums gibt es schlichtweg nichts und unterhalb des tiefsten Ortes der Hölle gibt es ebenfalls absolut nichts. Die dem Menschen möglichen Orte hat Dante insgesamt beschrieben. Er hat sie in einer Sprache beschrieben, die er möglichst nah an jenes "visibile parlare" hinzuführen versucht hat, an jenes "sichtbare Sprechen" (Purg. X, 95), als das er Gottes Schöpfung bezeichnet. Als Schöpfer des umfassendsten Jenseits, das je erdacht worden ist, hat Dante eine gewaltige Szenerie entworfen, "che non sembiava imagine che tace" (Purg. X, 39): Bilder, die nicht schweigen; Bilder, die mit Horror und Lieblichkeit, mit schrillem Schrei und Sphärenklängen, mit Jauchegruben und Ambrosia Auge, Ohr und Nase täuschen, damit sie ermahnen, verstören und belehren können; Bilder, die Vorbildlichkeit aussprechen, Erhabenes flüstern, Unrecht herausschreien wollen; Bilder, die Dantes Zeitgenossen in ihren Bann gezogen haben und die noch heute unter die Haut gehen.

Buchkünstler und Kommentatoren haben die Bedeutung dieser Bilder mit bewundernswertem Fleiss entschlüsselt und in textgetreue Illustrationen umgesetzt. Sie haben damit gezeigt, dass die "Divina Commedia" auch ein Steinbruch immenser Belesenheit und Gelehrsamkeit ist, der sich selbst in Gestalt eines Prachtcodex ausgesprochen ansprechend ausnimmt. Beides, der gelehrte Kommentar und die Prachtausstattung, stehen der "Divina Commedia" selbstverständlich gut an. Bloss: Dante selbst war zutiefst davon überzeugt und hat es alle, die es wissen wollten, auch wissen lassen, dass diese, seine Geschichte und all die irren und verzückten Bilder, die er ersonnen hat, vor allem lehren, wie man durchs Leben kommen könnte, ohne zu einem jener Geschöpfe zu werden, "die ohne Lob und ohne Schande lebten" (Inf. III, 36) und die deshalb weder der Hölle noch der Erinnerung würdig sind.










«Für kurze Zeit gab ihm mein Antlitz Stärke; Indem ich ihm die jungen Augen zeigte, FührtÕ ich ihn mit mir auf dem rechten Wege. Sobald ich auf der Schwelle angekommen Des zweiten Alters und das Leben tauschte, Verliess mich dieser und ergab sich andern. Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeTiegen, In Schönheit und in Tugend noch gewachsen, Ward ich ihm weniger genehm und teuer. Er wandte seinen Schritt auf falsche Wege Und folgte trügerischen Wunschgebilden, Die kein Versprechen jemals ganz erfüllen. Vergeblich ßehte ich für ihn um Erleuchtung, Damit ich ihn durch Traum und andre Mittel Zurückrief, doch so wenig wollte er hören. So tief fiel er, dass alle andern Wege Zu seinem Heile schon vergeblich waren, Ausser dem Anblick der verlorenen Seelen.» Purg. XXX, 121-139