Jugend als unscharfer Entwurf
Das geschriebene Wort
von Wolfgang Bortlik

Hier gibt der Autor, der Verfasser des “Geschriebenen Wortes”, den Blick frei in seine Vergangenheit! Schonungslos reisst er den eisernen Vorhang vor seiner Geschichte und seiner Entwicklung auf und schiebt das rostige Rollo hoch, welches den Blick auf die wohlgehüteten Bilder aus seiner Kindheit und Jugend bislang sorgsam vor der Öffentlichkeit verhüllte.
Nun, der Autor ist leider zu jung, um in der Waffen-SS gedient zu haben. Da verkehrt sich quasi die Gnade der späten Geburt in ihr Gegenteil. Der Autor könnte allerhöchstens von sich behaupten, dass er schon sehr früh ein Sympathisant der Baader-Meinhof-Bande (alias Rote Armee Fraktion) war. Aber ob das wohl skandalträchtig genug ist, um heutzutage das Fäuljetong der Tagespresse zu stürmen?
Die andere Variante wäre: “Allein gegen die Seelenfänger – Meine Kindheit in der Psycho-Sekte”. Dann könnte sich der Autor als so genanntes Opferkind präsentieren: von missgeleiteten Achtundsechziger-Eltern in eine Sekte eingebracht und vom Guru missbraucht, um sich dann heldenhaft zu befreien und in 23 Talkshows aufzutreten im Deutschen Fernsehen – oder noch besser: in der Schweiz bei Aeschbacher. Hierfür ist der Autor aber leider schon zu alt, und seine Eltern waren sowieso immer zu sehr mit den Hypotheken auf dem Eigenheim oder dem neuen Auto beschäftigt, um in eine Sekte einzutreten.

Egal. Der Autor gesteht weiter: Er hat im Alter zwischen acht und zwölf an die dreissig Bände Karl May gelesen. Darunter auch so Abseitiges wie “Szepter und Hammer” oder “Professor Vitzliputzli”. Der Autor gesteht, dass er sich Karl-May-Bücher zu Weihnachten gewünscht hat, bis tief in die Sechzigerjahre hinein... Aber statt “Allah il Allah” gab es “Abdallah, der Araberjunge”, die Abenteuer eines Wüstensohnes von einem gewissen Friedrich Jarschel, erschienen in der Göttinger Jugendbuchreihe. Das waren in den Sechzigerjahren sehr preiswerte Pappbände, meist drei Romane in einem, die zu Weihnachten in den Kaufhäusern gleich stapelweise auflagen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Abenteuer auf hoher See (die Hölle von Kap Hoorn!), Jagden im indischen oder malayischen Dschungel, Schatzsuchen in alten Maya-Städten, aber es gab auch Lebensgeschichten grosser Eroberer wie Dschingis Khan. Des Autors Helden waren Klaus Störtebeker, Robin Hood und der Apachenhäuptling Geronimo, den der Indianerbiograf Ernie Hearting ins Leben des Autors getragen hat. Erst viel später erfuhr dieser, dass Ernie Hearting eigentlich Ernst Herzig hiess, 1914 in Langenthal geboren wurde und 1992 in Basel starb – irgendwann wird der Autor wohl noch etwas über Hearting/Herzig und seine tollen Bücher schreiben müssen.

Begierig aber las der Autor weiterhin auch jede Art von Schund: Akim- und Sigurd-Heftchen, Jerry Cotton, Filmzeitschriften, Fix & Foxi, Softsoftpornos aus der “Angelique”-Reihe, Geisterjäger John Sinclair und bei der ebenso heimlich wie hoffnungslos verehrten Nachbarstochter auch das Bravo. Mit diesem literarischen Rüstzeug war der Autor dann später für ein Germanistikstudium glücklicherweise verloren. Dafür trieben ihn andere Fragen um: Wie libidinös war das jetzt mit Robin Hood und Maid Marian schlussendlich? Welche Strecke genau ist Störtebeker mit abgeschlagenem Kopf noch gelaufen? Und gibt es bei Kara ben Nemsi eigentlich islamistische Tendenzen?

Später verfiel der Autor dann eher der Rockmusik. So wie Tiny Stricker,. der hatte 1970 im kleinen Augsburger Maroverlag “Trip Generation” herausgebracht, einen ziemlich experimentellen Text über den Hippiedrogentreck durch den Orient. Es wurde das erste Buch aus der Untergrundpresse, das später bei einem grossen Verlag, als Taschenbuchausgabe bei rororo, herauskam.
Strickers zweites Buch ist besser: 1989 erschien – wieder bei Maro – seine “gefälschte Autobiographie” mit dem Titel “Soultime”. Hier wird die Geschichte eines Abiturienten von irgendwo im Schwäbischen erzählt, der mit dem Auto des Vaters seine erste Freiheit erlebt, indem er nämlich nächtens von Disco zu Disco kutschiert, Frauen nach Hause bringt, Unfälle baut und daneben ziemlich merkwürdige Lehrer und fürsorgliche Eltern ertragen muss. Aretha Franklin und Wilson “Wicked” Pickett singen dazu, und die Hitze steigt auf im Abiturienten... Das alles ist sehr schön präzise, originell und mit einem gelegentlichen Hauch Surrealismus beschrieben, sodass man sich schon wundern muss, dass der Herr Stricker literarisch so gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist.
Im Gegensatz dazu hat es so ein desperater Schreiber wie Wolfgang Welt dieses Jahr immerhin zu einer Suhrkampausgabe seiner streng autobiografischen Romane aus den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren gebracht. Ein wahrer Generation-Gap! Denn Stricker, obwohl nur zwei Jahre älter als Welt, ist Chronist der Trip-Generation der Sechzigerjahre. Und Wolfgang Welt, heute Portier beim Theater Bochum, ist ein Unikum aus der Postpunk-Generation, der ziemlich lakonisch und witzig von seiner verhinderten Karriere als Musikjournalist berichtet. Und gerade aus dieser Postpunk-Generation stammen aber die ganzen heutigen Festivaldirektoren, Verlagslektoren und Kulturscheckwedler. Die vorgängige Generation der Verweigerer hat sich also allzu gründlich verweigert, oder wie?

Der Autor des “Geschriebenen Wortes” fing erst wieder zu lesen an, nachdem die Pretty Things und die Troggs nichts mehr zu sagen hatten. Er entdeckte die Vergangenheit und eine neue Art verfemter Literatur. “Eine Jugend in Deutschland” von Ernst Toller beispielsweise oder “Wir sind Gefangene” von Oskar Maria Graf. Das waren vielleicht Kindheiten, die da beschrieben wurden!
“Wir mussten schwer arbeiten. Ich wurde abends (im Winter um elf Uhr, im Sommer um neun Uhr) vom Gesellen geweckt. Die ganze Nacht ging es. Um sechs Uhr früh zählte mir Mutter das Brot in den Korb, legte Wecken obenauf, füllte den Rucksack für Anna, die bereits schläfrig gähnend in der Küche wartete. Und hinaus ging es in die frische Morgenluft bis zwölf Uhr mittags.”
So beschreibt Graf seine Bäckerfamilie in Berg am Starnberger See in Oberbayern. 1894 dort geboren, floh er mit 17 aus der Backstube in die Grossstadt München. Zwei Jahre verbrachte er auf dem Monte Verità in Ascona. Während der Münchner Räterepublik 1919 wurde Graf verhaftet. 1927 gelang ihm mit “Wir sind Gefangene” der literarische Durchbruch. Vor den Nazis floh er nach New York, wo er vor lauter Heimweh in seinen bayrischen Lederhosen herumspazierte und 1967 starb. Grafs “Wir sind Gefangene” ist einer der ganz grossen biografischen Texte der Weltliteratur. Da berichtet ein naiver Schlauberger über die Schrecken des Bürgertums und des Militärs, über die Illusionen der “Deutschen Revolution” und die Bohème jener Zeit. Graf schreibt in einem ganz besonderen Ton, völlig ohne Pathos und Beschönigungen.

Geschichtsbewusstsein und Aneignung fremder Erfahrung weitet den Geist und edelt den Menschen. Die Lektüre authentischen Materials, autobiografischer Zeugnisse, die Teilnahme am Leben anderer aus verschiedensten Epochen soll dazu führen zu lernen, zu verstehen. Das Problem ist nur, dass die letzte an der Front des Wortes angetretene Generation – rotschöpfige Literatinnen, die fürs Schweizer Radio schon mal ein “Schreckmümpfeli” verfasst haben, und schwarzhornbebrillte Jungs, die an einem Poetry Slam auch schon mal eine Flasche Whisky gewonnen haben – eigentlich zuerst in die Grafsche Bäckerei gesteckt werden müsste, damit sie danach auch etwas zu schreiben hat. Aber da käme dann wahrscheinlich trotzdem nur Psychosektenopfer-Literatur heraus...

Sehr eindringlich und bildstark im Beschreiben einer Jugend hingegen ist die “Trilogie des Erinnerns” des 1943 geborenen Schweizer Schriftstellers Christian Haller. Der soeben erschienene dritte Roman “Die besseren Zeiten” beschreibt eine Kindheit in der Schweizer Provinz der Fünfzigerjahre. Die Familie H. ist aus der Stadt, wo es ihnen gut gegangen ist, in die engen Verhältnisse eines Dorfs gezogen. Da rauscht dann alles den Bach hinunter. Der Vater wird von seinem Geschäftskompagnon ausgebootet, die Mutter flüchtet sich in ihre mondänen Erinnerungen, und den beiden Söhnen geht es bei den Dorfrüpeln auch nicht besonders gut. Als Wirtschafts- und Industrialisierungsgeschichte ist der Roman ebenfalls wunderbar zu lesen.

Wolfgang Bortlik

Playlist:
Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Deutscher Taschenbuchverlag,
544 Seiten, Euro 12.50 / sFr. 21.90
Christian Haller: Die besseren Zeiten. Luchterhand 2006,
283 Seiten, Euro 19.95 / sFr. 35.-
Tiny Stricker: Soultime. MaroVerlag 1989,
105 Seiten. Dürfte antiquarisch erhältlich sein.
Wolfgang Welt: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe. Suhrkamp 2006,
490 Seiten, Euro 15.- / sFr. 27.40



Illustration: Tom Tirabosco