«Die Suche nach der einfachsten Lösung»
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Ein Gespräch mit Richard McGuire
von Christian Gasser


Richard McGuire, 1957 in New Jersey geboren und heute in Paris und New York lebend, ist ein Multitalent. In den frühen achtziger Jahren war er Bassist und Gitarrist von Liquid Liquid, deren düsterer, aber tanzbarer Mix aus Punk, No Wave und Funk stilprägend war. Ebenso innovativ ist McGuire heute als Comic-Zeichner, Illustrator und Kinderbuchautor. Er entwirft und designt Logos, Characters, Spielzeuge, Puppen und Webseiten, und seit einigen Jahren sorgt er mit minimalistischen Animationsfilmen für Furore. In allem, was er macht, besticht er durch formale Strenge, einen untrüglichen Sinn für die Reduktion und intellektuelle Substanz. In Richard McGuires Arbeit ist Form gleichbedeutend mit Gehalt und Aussage. In der Comic-Welt wurde Richard McGuire 1989 mit einem einzigen, von Art Spiegelman im Magazin RAW veröffentlichten Comic auf einen Schlag berühmt. „Here“ war nicht nur einer der bizarrsten und abstraktesten Comics überhaupt, sondern „revolutionierte die narrativen Möglichkeiten der Comics“ (Chris Ware) durch einen überaus eigenwilligen Umgang mit Zeit und Raum.

CG: Wie ist es zu ‚Here‘ gekommen, diesem ausserordentlichen Werk, das die Comics-Welt revolutionierte?
Richard McGuire: Es war Art Spiegelman, der mir in einer seiner Vorlesungen an der New York School of Visual Arts die Idee ins Gehirn pflanzte, dass Comics im Grunde genommen Diagramme sind. Wenig später, in einem Kurs von Mark Newgarden und Paul Karasik, entwickelte ich eine Geschichte, in der die einzelnen Panels zweigeteilt waren – auf der einen Seite des Panels geht die Zeit vor-, auf der anderen Seite rückwärts. Etwa zur selben Zeit kaufte ein Freund einen Computer, und seine Erklärungen dieser frühen Windows-Version waren ein weiterer Aha-Moment: Warum soll ich mich auf die Vor- und Rückwärtsbewegung beschränken, wenn ich in vielen einzelnen Panels mit ebenso vielen Zeitebenen spielen und frei von einer Zeit in die andere hüpfen kann? Der dritte Auslöser von ‚Here‘ war schliesslich ein Umzug. Ich sass in meiner neuen Wohnung und fragte mich, was für Menschen vor mir hier gelebt hatten.

In ‚Here‘ erzählt Richard McGuire die Geschichte einer Wohnzimmerecke zwischen den Jahren 500‘957‘406‘073 vor unserer Zeitrechnung und 2033, er gibt Fragmente wieder aus dem Leben der Bewohnerinnen und Bewohner, doch ersetzt er die Chronologie der Geschichte durch eine Montage der verschiedenen Zeitpunkte und Zeitebenen, die sich in gewissen Panels sogar überlappen. ‚Here‘ ist nur sechs Seiten lang, übte aber einen immensen Ein fluss aus und wird bis heute immer wieder abgedruckt.

Richard McGuire: Mir war durchaus bewusst, dass ich eine interessante Frage angeschnitten hatte, aber ich war über die Reaktionen auf ‚Here‘ doch sehr verwundert. Ich ahnte, dass ich eine Lösung für ein Problem gefunden hatte. Das war mir eigentlich genug. In meiner Arbeit geht es oft um die Suche nach der Lösung eines Problems. Diese Lösung gibt mir eine Struktur vor, an die ich die weiteren Elemente hängen kann. Oft bestimmt die Struktur die Geschichte und nicht umgekehrt.

CG: Du hast neben ‚Here‘ nur noch zwei oder drei Comics gezeichnet. War ‚Here‘ ein dermassen definitives Statement, dass du keine Möglichkeit mehr gesehen hast, dich weiter mit Comics zu beschäftigen?
Richard McGuire: Meine nächste Idee für einen Comic war dermassen komplex und komplizier t, dass ich die Flucht ergriff und es lieber anderen überliess, meinem Freund Chris Ware etwa, derar tige Ansätze weiterzuver folgen und umzusetzen. Vermutlich geht mir im Gegensatz zu Chris Ware das Ver trauen in die Ausdrucksform und die dafür notwendige Besessenheit ab. ‚Here‘ war zwar nur sechs Seiten lang, aber ich hatte vier oder fünf Monate mit diesem Comic verbracht. Zum einen hatte ich wohl ein bisschen Angst vor dieser Besessenheit, zum anderen hatte ich zum Thema Comic vermutlich zwei oder drei Dinge zu sagen, die ich mit meinen zwei Comics für RAW schon gesagt hatte. Ich gehe gerne vorwär ts, und wenn mir jemand die Möglichkeit gibt, etwas Neues auszuprobieren, kann ich nicht widerstehen. So kam es wenig später zu meinem ersten Kinderbuch ‚The Orange Book‘.

CG: ‚Here‘ erschien in RAW. Warst du Teil der Szene um Art Spiegelman?
Richard McGuire: Durch Art Spiegelman habe ich viele Künstler kennengelernt, die ich bewunderte: Ben Katchor, Charles Burns, Gary Panter, Mark Beyer. Ich hatte damals bereits erste Erfahrungen in der Kunstwelt gesammelt und mit Leuten wie Keith Haring und Basquiat zu tun gehabt. Ich fand aber die Comic-Szene sehr viel angenehmer. Weil alle aus Liebe und Leidenschaft Comics machten und kein Geld die Szene pervertierte, war das Gemeinschaftsgefühl viel stärker. Andererseits war es eine kleine Szene, die unter sich blieb. Damals, um 1990, genossen Comics noch nicht den Respekt und die Akzeptanz, die sie heute kennen. Comics wie diejenigen aus dem Umfeld von RAW waren auf dem Markt und in den Medien quasi inexistent. Ich wollte aber ein breiteres Publikum erreichen, und so erschien es mir klüger, Bücher zu veröffentlichen als Comics für Anthologien zu zeichnen. Die Orangengeschichte war ursprünglich die Idee für einen Comic, doch Paul Karasik empfahl mir, daraus ein Kinderbuch zu machen. Als zur selben Zeit ein Verlag mich wegen eines Kinderbuchs anfragte, habe ich sofort zugesagt.

CG: ‚The Orange Book‘ war das erste von vier Kinderbüchern, die viele Auszeichnungen erhielten. Auch deine Kinderbücher sind ziemlich konzeptionell.
Richard McGuire: Im Fall von ‚The Orange Book‘ standen in der Tat am Anfang ein Konzept und die Frage, wie es sich umsetzen liess. Die Idee hatte ich, als ich eines Tages auf den U-Bahn- Schienen eine Orange erblickte. Wie ist sie dahin gekommen, fragte ich mich, was hat sie vorher erlebt, diese arme Orange, und wie sehen die Lebensläufe der anderen Orangen aus? Im zweiten Buch ‚Night Becomes Day‘ stand am Anfang eine Liste von Sachen, die zu etwas anderem werden, und mich interessierte, wieviele Kombinationen von solchen Verwandlungen ich mir ausdenken konnte. ‚What Goes Around Comes Around‘ war eine Weiterführung dieser Idee – da ging es um Kettenreaktionen. Auch grafisch versuchte ich, jedem Buch einen eigenen Charakter zu geben, von den Gouache-Farben in ‚The Orange Book‘ bis zu den Anlehnungen an die russische Plakatkunst der zwanziger Jahre in ‚What Goes Around Comes Around‘.

Richard McGuire ist einer der seltenen Künstler, die nicht nur versuchen, sich nicht zu wiederholen, sondern es wirklich auch schaffen. Es ist beeindruckend, mit welch scheinbarer Leichtigkeit er von einer Ausdrucksform zur nächsten wechselt und mit welch konzeptioneller Stringenz es ihm gelingt, das jeweilige Medium zu er fassen und auf ein paar wenige wesentliche Merkmale zu reduzieren, um dann mit diesen Beschränkungen zu arbeiten. Besonders beeindruckend ist es, dass es ihm nicht nur gelingt, in jeder Ausdrucksform seinen eigenen Stil zu finden, sondern auch gleich etwas Neues und Stilprägendes zu schaffen.
Richard McGuire: Es trifft zu, dass ich immer eine möglichst einfache Lösung suche, möglichst simple Formen und eine > möglichst ökonomische Erzählweise. Einfachheit hat mich immer angezogen. Auch die Musik von Liquid Liquid war minimal. Vermutlich ist, egal in welchem Bereich ich mich gerade aufhalte, diese Reduziertheit mein künstlerischer Fingerabdruck. In den letzten Jahren bin ich mehr und mehr von der Arbeit am Computer weggekommen und habe dadurch auch eine etwas lockerere, freiere Arbeitsweise entwickelt. Deshalb empfand ich meine Arbeit an Popeye besonders befriedigend – obschon auch mein Popeye natürlich sehr minimal ist.

Sein Projekt ‚P+O‘ verdeutlicht Richard McGuires Vorgehen besonders gut: Er reduzierte die beiden Comic-Ikonen Popeye und seine flatterhafte Gespielin Olive Oil auf ein paar konsequent stilisierte, aber doch wiedererkennbare Elemente (die dicken Oberarme, die Pfeife, den langen Hals, den runden Kopf, die Seemannsmütze, der Chignon), die er beliebig zu neuen Figuren oder abstrakten Gebilden montierte. Dieses Projekt realisierte er auf einer Reihe von Plakaten und Siebdrucken, in zwei handlichen Büchlein: ‚Popeye and Olive‘ (als limitiertes Siebdruckbuch) und ‚P+O‘. Die vermutlich witzigste und adäquateste Umsetzung war die Website mit dem bezeichnenden Namen not4long, auf der ein Zufallsgenerator Popeye und Olive nach jedem Mausklick neu zusammenbaut und die grafischen Elemente endlos variiert.
Richard McGuire: Vor ein paar Jahren besuchte ich, als eine Art Experiment, einen Kalligraphie-Kurs in einem Zenkloster. Während eines Wochenendes arbeitete ich mit einem Kalligraphie-Meister und zeichnete dieselben Symbole wieder und wieder, bis das Zeichnen zur Meditation wurde. Zurück in New York fuhr ich mit diesen Experimenten fort. Als eines der so entstandenen Bilder mich an Popeyes Profil erinnerte, sagte ich mir, okay, lass mich mal eine ganze Gruppe von Popeyes malen. Ich hing die Bilder an die Wand, und sie wirkten wie Stills aus Animationsfilmen. Am nächsten Tag beschloss ich, dasselbe mit Olive Oil zu tun. Dann entdeckte ich eine Beziehung zwischen den beiden, eine Liebesgeschichte: wie sie sich treffen, wie sie eins werden und eine verrückte Metamorphose durchmachen. Die Story ist natürlich völlig abstrakt, aber für mich repräsentiert sie ihre Beziehung. ‚Popeye and Olive‘ entpuppte sich als eine Art Rorschach-Test – ich war verwundert, wieviele Betrachter in meinen Bildern sexuelle Anspielungen sahen, die ich keineswegs beabsichtigt hatte. Diese Interpretationen aber regten mich an, mit denselben Elementen ein Sexbuch über Popeye und Olive zu machen, und so entstand ‚P+O‘.

CG: Reizte dich an Popeye vor allem die Ikone? Oder ist deine Beschäftigung mit Popeye auch als Hommage an die Figur und ihre Schöpfer zu verstehen?
Richard McGuire: Als ich ein Kind war, waren die ‚Popeye‘-Trickfilme von Max Fleischer meine liebsten Trickfilme überhaupt. Als ich Jahre später E.C. Segars Comics entdeckte, wurde ich von seiner unglaublichen Sprache hinweggefegt, und heute stelle ich Segar gleich neben George Herriman und Winsor McKay. Von daher ist meine Beschäftigung mit Popeye sicher auch eine Hommage. ‚P+O‘ hatte für mich aber auch eine andere, ernsthaftere Bedeutung. Popeye war mein erstes Projekt, nachdem ich die Welt des Kinderbuchs verlassen hatte, und ich wollte ein erwachsenes Thema anschneiden, die Beziehung zwischen Mann und Frau. Nicht ganz ernsthaft natürlich, gebrochen und mit trockener Ironie. Aber letztlich stört es mich nicht, wenn gewisse Betrachter es als eine rein abstrakte Stilübung verstehen.

CG: Viele deiner Arbeiten wirken abstrakt. In den meisten steckt aber doch etwas sehr Konkretes oder Figuratives – im Fall von Popeye, wie wir gehört haben, eine Geschichte.
Richard McGuire: Reine Abstraktion finde ich nicht befriedigend. Es braucht ein narratives Element, damit eine Arbeit wirklich interessant und kommunikativ wird. Der Mensch hat ein sehr grundsätzliches Bedür fnis nach Geschichten. Ich liebe die Spannung zwischen den verschiedenen Ebenen, und es ist meistens meine Absicht, etwas Abstraktes zu schaffen, das dem Betrachter mehr gibt als die Kombination von ein paar Farben. Ich möchte, dass der Betrachter in meiner Arbeit etwas entdecken kann und das, was er sieht, vervollständigt. Das macht den Kunstgenuss befriedigender. Ich will das Publikum einladen und ihm auch einen Grund geben, länger bei mir zu verweilen. Ich gehe viel in Galerien und sehe viel Kunst, die mich nicht einlädt, sondern im Gegenteil abstösst und sich mir verweigert. Als Künstler muss man sich entscheiden, ob man den Betrachter einladen oder bekämpfen will.

CG: Der Gegensatz zwischen intellektueller Kühle und leichter Verspieltheit verleiht deiner Arbeit eine interessante Spannung.
Richard McGuire: Verspieltheit ist wichtig. Als ich für meine Steuern eine Firma gründen musste, taufte ich sie ‚Work is play‘, Arbeit ist Spiel.

Nach Musik, Comics, Webdesign und Popeye begann Richard McGuire 1999 auch Animationen zu machen. Gleich sein erster Versuch, ‚Willing to try‘, das Kinder beim Englischlernen unterstützen sollte, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Richard McGuire: Auch die Animation war die Folge einer Gelegenheit, die sich plötzlich ergab. Für ‚Willing to try‘ trat eine japanische Firma an mich heran, die eigentlich nicht wusste, was sie wollte. Die einzige Vorgabe war: Wir wollen Fragen, auf die alle Antworten richtig sind. Mir kam ‚Der kleine Prinz‘ in den Sinn, wo dieselbe Zeichnung ein Hut sein kann oder eine Schlange, die einen Elefanten verspiesen hat. Die Frage, die ich mir stellte, war: Wieviele Dinge, die man verschieden interpretieren kann, kann ich zeichnen? Nach ‚Willing to try‘ hatte ich ein paar Aufträge des Fernsehsenders PBS, und als mich die französische Produktionsfirma Prima Linea fragte, ob ich einen Animationsfilm machen möchte, war es klar, dass ich zusagen würde. Ich habe nie geplant, Trickfilmer zu werden – es war letztlich einfach eine logische Entwicklung, und ich hatte das Glück, die Gelegenheit dazu zu erhalten.

Besonders erfolgreich war Richard McGuires kurzer, mit geringem finanziellen Aufwand am Computer entstandener Animationsfilm ‚Micro Loup‘ (2003). McGuire erzählt dort die Fabel um einen winzig kleinen, aber stets hungrigen Wolf, der – wie weiland King Kong – als Zirkusattraktion nach New York entführt wird, während einer Vorstellung ausbricht, das Publikum verschlingt und die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Formal interessant ist, dass Richard McGuire dieses moderne Märchen gänzlich aus der Vogelperspektive zeigt. Dieser ungewöhnliche Blick erlaubt es ihm, sich von der gegenständlichen Darstellung des Geschehens zu lösen und alle Menschen, Tiere und Dinge auf Piktogramme zu reduzieren – die Menschen etwa auf bunte Kreise. Sein Mix aus Figuration und Abstraktion ist sehr graphisch, elegant und klug, steht aber klar im Dienst der Geschichte.

Richard McGuire: Ich harkte das Laub vor meiner kleinen Hütte auf dem Land zusammen, als ich mir plötzlich bewusst wurde, wie lächerlich ich aus der Vogelperspektive aussehen musste. Da stand ich und putzte mein Gärtchen, und überall sonst lag das bunte Herbstlaub herum – und ich fragte mich, warum der Mensch ständig versucht, die Natur zu kontrollieren. Ein paar Tage später, zurück in New York, sass ich in einer Bar und stellte mir die Situation von oben vor. Ich sah die Flaschen, Gläser und Köpfe als Kreise. Da Chris Ware mich zur selben Zeit um einen Beitrag für seine Anthologie ‚McSweeney‘s‘ bat, fragte ich mich, ob sich diese Idee in einem Comic umsetzen lässt. Das funktionierte, und als ich an ‚ctrl‘ arbeitete, kontaktierte mich Prima Linea. Das Drehbuch von Jean-Luc Fromental und Grégoire Solotareff gefiel mir zwar nicht, aber als ich mir ‚Micro Loup‘ aus der Vogelperspektive vorstellte, fand ich sie doch reizvoll genug. Natürlich mag ich ‚ctrl‘ besser und würde diese Geschichte gerne als Film sehen – aber ich habe meine Chance für einen Film aus der Vogelperspektive erhalten und genutzt, und deshalb muss ich nun weitergehen.

CG: Das ist vielleicht eine Beschränkung oder eine Gefahr, die in deiner Arbeitsweise liegt: Deine Ansätze sind so konzeptionell und stark, dass du sie nur einmal umsetzen kannst.
Richard McGuire: Das stimmt. Die Idee der Vogelperspektive ist nun ausgereizt. Ich möchte schliesslich nicht ‚der Typ mit der Vogelperspektive‘ sein.

CG: Inwieweit stellt dein Beitrag zum Film ‚Peur(s) du Noir‘ etwas Neues für dich dar?
Richard McGuire: Die Vorgaben für ‚Peur(s) du noir‘ waren ganz einfach: Die Geschichte musste von der Angst vor der Dunkelheit handeln, und der Film musste schwarzweiss sein. Für mich war die Herausforderung, eine echte Geschichte zu erzählen, in der es um echte, starke Emotionen geht. Bisher war meine Arbeit eher verspielt, und Emotionen spielten nie eine grosse Rolle. Hier wollte ich herausfinden, ob ich in der Lage bin, in emotionale Gefilde vorzudringen. Nach jahrelanger Arbeit, vielen Zweifeln, falschen Ansätzen und gescheiterten Versuchen bin ich mit meinem Film zufrieden.

CG: Worum geht es in deinem Kurzfilm?
Richard McGuire: Ich will natürlich nicht zuviel verraten. Soviel aber kann ich sagen: Es geht um einen Mann, der mit dem Wahnsinn und dem Tod konfrontiert wird. Manchmal habe ich den Eindruck, mit diesem Film einen grossen Schritt vorwärts gemacht zu haben. Dann wieder sehe ich, dass ich auch hier mit einem System von Einschränkungen gearbeitet habe, um zu diesem Resultat zu kommen. Aber das Spiel mit der Abstraktion ist hier anders. Was abstrakt wirkt, ist in Wirklichkeit überaus konkret. Auch wenn die Leinwand mehrheitlich schwarz ist, haben wir zuerst den ganzen Raum geschaffen und alle Bewegungen des ganzen Körpers des Protagonisten komplett animiert. Erst dann habe ich den grössten Teil des Films eingeschwärzt. Dieser Aufwand mag absurd erscheinen, aber er macht den Film viel glaubwürdiger. Wir haben zuvor Tests gemacht, wo wir nur das animierten, was am Schluss auch sichtbar war – der Eindruck war nicht befriedigend, der Protagonist schien in der Luft zu schweben, der Raum war nicht spürbar und die Sound-Effekte liessen sich kaum synchronisieren. Die Geschichte hatte keine Bodenhaftung, was ihre Wirkung abschwächte.

CG: Es fällt auf, dass du dich kaum wiederholst und nie zweimal das gleiche machst. Dabei ist doch die Wiederholung das Erfolgsgeheimnis in der Kultur.
Richard McGuire: Die Wiederholung ist immer eine Versuchung und eine Gefahr. Die Angst vor der Wiederholung war der Grund, warum wir Liquid Liquid trotz unseres Erfolgs auflösten. Wir hatten gemacht, was mir machen konnten – mit der nächsten Platte hätte die Wiederholung eingesetzt. Viele Freunde beschuldigen mich, vor dem Erfolg davonzurennen. Das trifft so natürlich nicht zu. Ich sehe aber viele Menschen um mich herum, die in ihrem Erfolg steckengeblieben sind und nun dieselbe Formel wiederholen müssen. Das reizt mich nicht. Als Künstler sollte man Risiken eingehen, man sollte sich entwickeln, wachsen. Diese Haltung kann natürlich ein zweischneidiges Schwert sein. Zum einen habe ich immer wieder den Eindruck, das Rad neu erfinden zu müssen, und das kann anstrengend sein. Zum anderen hatte ich lange den Eindruck, dass es keine Verbindung zwischen den verschiedenen Sachen gibt, die ich gemacht habe. Erst seit kurzem wird mir bewusst, dass alles, was ich mache, zusammenhängt. Vermutlich liegt das am bereits erwähnten künstlerischen Fingerabdruck. Egal in welchem Bereich ich arbeite, egal wie weit ich ein Konzept treibe – letztlich ist alles Teil meines Systems oder meiner DNA.

CG: Das wichtigste Erfolgsprinzip in der Kunst – ob im populären oder elitären Bereich – ist aber die Wiederholung.
Richard McGuire: Das stimmt. Aber der Kunstmarkt ist heute ohnehin überaus absurd. Während des Comic-Festivals Fumetto sagte jemand in einem Gespräch mit Peter Blegvad und mir, es sei doch schön zu beobachten, wie Comics mehr und mehr als Kunstform ernst genommen würden. Peter erwiderte eher skeptisch, dass dies vielleicht keine so gute Sache sei und dass sich die Comics mehr Freiheit bewahren könnten, wenn sie ausserhalb des Kunstmarktes blieben. Die Grenzen zwischen High und Low sind allerdings dermassen verwischt, dass es heute völlig unsinnig ist, da noch Unterschiede zu machen. Einer meiner Dozenten hat mich diesbezüglich entscheidend geprägt. Er sagte immer: Kunst kommt nicht von Kunst. Man muss Sachen von ausserhalb der Kunstszene in die Kunst hineinziehen. Mir ist es ausserdem wichtig, nicht in einem beschränkten Mikrokosmos steckenzubleiben, sondern ein breites Publikum anzusprechen. Deshalb ziehe ich Reproduktionen dem Original vor. Mir gefällt die Demokratie der Reproduktion. Jeder hat das identische Buch, die identische CD. Das ist auch ein Grund, warum ich gerne Spielzeuge und Objekte entwerfe.

CG: Du bist sehr vielseitig und in verschiedenen Bereichen tätig. Wie schätzt du deine derzeitige Position ein?
Richard McGuire: Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich soviele verschiedene Sachen habe ausprobieren können und dass ich deshalb auch in Zukunft in verschiedene Richtungen gehen kann. Sollte ich je wieder ein Kinderbuch machen wollen, wäre dies problemlos möglich. Ich werde auch mehr Möglichkeiten haben, Filme zu machen, und ich könnte jederzeit auch zur Musik zurückkehren. Aber lieber als das möchte ich in Zukunft mehr malen und merkwürdige Objekte fabrizieren.

Das Gespräch mit Richard McGuire führte Christian Gasser im April 2007 im Rahmen des Comic-Festivals Fumetto in Luzern.

Bibliografie (Auswahl):
„Here“. RAW,1989. Zuletzt abgedruckt in: „An Anthology of Graphic Fiction“, Yale University Press, 2006; im STRAPAZIN Nr. 59 findet sich ein Remix der Geschichte.
„ctrl“. In: Chris Ware (Hrsg.): „Mc Sweeney‘s“, 2004.
„P+O“. Cornelius, 2002.
„Popeye and Olive“. Cornelius, Siebdruckbuch, 2001.
„What‘s Wrong With This Book“. Viking Books, 1997.
„What Goes Around Comes Around“. Viking Books, 1995.
„Night Becomes Day“. Viking Books, 1994.
„The Orange Book“. Rizzoli International Publications, 1992.

Filmografie:
„Micro Loup“. In: „Loulou et autres loups“, 2003.
„Willing To Try“. 2000.

Musik:
Liquid Liquid: „Slip In and Out of Phenomenon“. Domino Records, 2007 (Compilation mit sämtlichen Aufnahmen plus Bonustracks).
Liquid Liquid: „DVD“. DFA Records, 2007.

Links:
www.primalinea.com/mcguire/


Cover für The New Yorker "April Fools"




Buch "The Orange Book"




Buchumschlag "Graphic Artist Guild Book"




Buchumschlag "Le Théorème du Perroquet




Buch "Popeye and Olive




Comic "ctrl"