Es war einmal Atrabile, ein kleiner Verlag in Genf

Von Michel Rime

Ist es etwa die im Namen «Atrabile» enthaltene medizinische Kon- notation, die zum Erfolg von Fréderik Peeters‘ «Blaue Pillen» beigetragen hat? «Blaue Pillen», erschienen im Oktober 2001, steht in seiner neunten Auflage, was 27‘000 Exemplaren entspricht. Und es verkauft sich immer noch. Unterdessen ist es bei Reprodukt auf Deutsch erschienen. Ins Italienische, Spanische, Polnische, Tschechische, Holländische, Koreanische und Amerikanische wurde es ebenso übersetzt. Damit ist «Blaue Pillen» so etwas wie Atrabiles «Persepolis» geworden, der Juwel der Collection Flegme (deutsch: Phlegma).
Auch in den Namen der anderen Reihen klingen der Körper und seine Säfte an: Fiel ist die Galle, Lymphe die Lymphe, Sang das Blut und
Bile Blanche die weisse Galle. Und die verlagseigene Zeitschrift heisst Bile Noire, also schwarze Galle. Trotzdem feiert Atrabile seinen zehnten Geburtstag bei bester Gesundheit!

Am Anfang waren sie zu dritt: Daniel Pellegrino, Benoît Chevalier und Maxime Pégatoquet. Der Dritte verliess die anderen nach ein paar Jahren und wurde ein gefeierter Journalist. Die beiden übrig geblie-benen Kumpane weben seither geschickt und mit der Sensibilität wahrer Meister an ihrem Netz. Pellegrino arbeitet in der ältesten Comic-Buchhandlung der Schweiz, dem Cumulus in Genf. Chevalier hingegen ist Grafiker bei SO2, ursprünglich ein Kollektiv, das zu einer Firma
mutiert ist. In den Büros von SO2, gegenüber vom Friedhof Des Rois am Boulevard Saint-Georges, ist auch Atrabile zu Hause. Pellegrino und Chevalier zahlen sich keinen Lohn aus, obschon Pellegrinos Pensum für Atrabile mittlerweile einer 50%-Stelle entspricht.
Die mittlerweile sechzig Bücher und Zeitschriften aus dem Hause Atrabile versammeln rund siebzig Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, aber auch aus Norwegen, Mexiko, Frankreich, Kanada, Belgien und neuerdings auch aus Asien. Trotzdem bildet Atrabiles Katalog ein sehr kohärentes Ganzes. Während der 11. Verleihung des Prix Töpffer im Dezember 2007 vertraute mir der belgische Comic-Spezialist
Thierry Bellefroid an, dass er Atrabile für eine echte Erfolgsstory halte.
Er verglich Atrabile mit seinem illustren Vorbild, der Association
aus Paris, und behauptete sogar, Atrabile wegen der grösseren Einheit-lichkeit des Katalogs zu bevorzugen.

Die Zeitschrift Bile Noire ist die Speerspitze des Hause und zeigt dessen Entwicklung auf: vom Fanzine der Nullnummer aus dem Jahre 1997 bis zur geradezu luxuriösen, durchgehend vierfarbigen und überformatigen Nummer 16, die im Herbst 2007 anlässlich der 10-Jahres-Geburtstags-ausstellung am Festival BD Fil in Lausanne erschienen ist. Fréderik Peeters ist der einzige Autor, der für jede Ausgabe einen Beitrag gezeichnet hat. Allerdings erscheint Bile Noire nur noch einmal jährlich.
Die Auflage beträgt bescheidene 1000 Exemplare. Die Verleger räumen ein, dass die Verkaufszahlen nicht gerade ermutigend sind. 2007 wurde der abschliessende vierte Band von Fréderik Peeters‘ «Lupus» in Angoulême mit einem Preis ausgezeichnet. Wenig später erschien die nächste verlegerische Grosstat: «L‘autre fin du monde» von Ibn Al Rabin (siehe Rezension im STRAPAZIN Nr. 89; Anm. d. R.), ein über 1000 Seiten schwerer Wälzer, den sich die Verleger zum zehnten Geburtstag gönnten. Die Geschichte um Liebe und Geister wirkt im Kosmos von Atrabile zwar wie ein UFO, ist aber längst zum Kultbuch avanciert und dieses Jahr für einen Preis in Angoulême nominiert worden.

Ursprünglich teilte Atrabile Katalog und Vertrieb mit den anderen Genfer Kleinverlagen B.ü.l.b. und Drozophile. Aber die verlegerischen Positionen und die Konzeption der Bücher wurden allmählich so unterschiedlich, dass man sich trennte – im besten Einvernehmen, wie Pellegrino und Chevalier betonen.
Es ist kein Zufall, dass das Abenteuer in Genf begann, wo es seit jeher ein Comic-Biotop gab. Der Kontakt zwischen den ortsansässigen Autoren schlug in den Neunziger Jahren Funken. Obschon Pellegrino und Chevalier selbst keine Autoren waren, haben sie sich in der Zeitschrift Sauve qui peut (Rette sich wer kann) des vergessen gegangenen Verlags Atoz engagiert und sich wenig später als talentierte Verleger neu erfunden.
Die Ausstellung 10x10, ein wahrer Wirbelsturm von Post-It-Klebern, versammelt Arbeiten von Peggy Adam, Ibn Al Rabin, Graham Annabale, Baladi, Manuele Fior, Lou Hui Phang, Andreas Kündig, Cédric Manche, Jerome Mulot, François Olislaeger, Fréderik Peeters, Isabelle Pralong, Nicolas Presl, Nadia Raviscioni, Florent Ruppert, Greg Shaw, Michaël Sterckeman, Tom Tirabosco und Pierre Wazem. Auch am Fumetto, dem internationalen Comix-Festival Luzern, wird diese Ausstellung Funken schlagen und zeigen, welche Vitalität, Kreativität und Langlebigkeit in Atrabile steckt.

«Letztlich sind wir gezwungen klein zu bleiben»

Ein Interview mit dem gesprächigen Daniel Pellegrino und dem etwas wortkargeren BenoÎt Chevalier

Was ist Atrabile? Pellegrino: Atrabile sind Benoît und ich und vor allem die Autoren, die wir veröffentlichen. Denn letztlich haben sie Atrabile geschaffen und nicht umgekehrt. Sie haben unsere verlegerische Linie geprägt. Wir selbst hatten einfach Lust, Comics zu veröffentlichen, zunächst natürlich von Zeichnern aus unserem Genfer Umfeld. Schon bald gesellten sich dank anregender Begegnungen Künstler von überall her dazu, aus Europa, Nordamerika und nun sogar aus Asien. Wir wissen nicht wirklich, wie sich unsere Bücher verbreiten. Wir hatten manchmal den Eindruck, sie verkauften sich schlecht oder gar nicht. Aber dann gelangen sie doch irgendwie in die Hände von Leuten wie Chihoi Lee, einem Autor aus Hong Kong, der unsere Arbeit gut kennt und schätzt. So entstehen Brücken innerhalb der unabhängigen Szene.

Seit wann gibt es Atrabile? Pellegrino: Die ersten Diskussionen fanden 1996 statt. Die ersten Veröffentlichungen, die Nullnummer von Bile
Noire und das erste Buch von Fréderik Peeters, «Fromage confiture», erschienen ein Jahr später.

Wo positioniert ihr euch innerhalb der unabhängigen Szene? Pellegrino: Schwer zu sagen. Wir sind die Schweizer, also die Aussen-seiter – werden von hippen Leuten aber durchaus anerkannt.
Chevalier: Gewisse Kritiker in Print- oder Online-Medien sehen uns in einem trendigen Kontext. Und wir werden nicht nur für unsere editoriale Linie anerkannt, sondern auch für unsere Cover. Wir haben eine Identität.

Wodurch unterscheidet ihr euch von anderen Kleinverlagen? Pellegrino: Durch die Tatsache, dass wir Schweizer sind. Wären wir Franzosen, eingeklemmt zwischen L‘Association und anderen Unabhängigen, wäre es viel schwieriger gewesen, eine Nische zu schaffen und etwas anderes, Eigenes anzubieten. In Genf hingegen füllten wir ein Vakuum, da es hier in den Neunziger Jahren so gut wie keine Verlage für unabhängige Comics gab.
Chevalier: In Frankreich werden wir allerdings nicht unbedingt als Schweizer wahrgenommen.
Pellegrino: Gewisse Leute wissen, dass wir Schweizer sind, andere nicht. Aber es hat uns geholfen, denn unsere ersten Autoren waren Schweizer.

Gibt es noch weitere Unterschiede?
Pellegrino: Im Gegensatz zu anderen unabhängigen Verlagen steht Atrabile für einen sehr erzählerischen und gut lesbaren Comic, der sich durchaus auch an ein breites Publikum richtet. Unsere verlegerische Haltung ist allerdings
sehr streng. Wir werden niemals ein Buch veröffentlichen, nur weil uns der Autor sympathisch ist.

Ist Atrabile der Traditionalist unter den Unabhängigen? Pellegrino: Genau (Chevalier nickt zustimmend). Wir sind offener und zugänglicher als andere Verleger. L‘Association oder Cornélius wirken manchmal wie geschlossene Clubs. Cornélius übersetzt vor allem die Werke bekannter Autoren und veröffentlicht nur noch selten Leute wie Ludovic Debeurme, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hat. L‘Association andererseits bleibt für viele Autoren unerreichbar. Wir hingegen gehen mehr Risiken ein mit jungen, unbekannten Autoren.

Gibt es auch formale Unterschiede? Pellegrino: Die meisten unabhängigen Verlage bemühen sich, schöne Bücher zu veröffentlichen. Wir sind vielleicht etwas grafischer als andere, reduzierter auch in der Typografie.
Greift ihr damit bewusst die Tradition des Schweizer Qualitätsdesigns auf? Pellegrino: Ja, das wird uns oft gesagt; von Leuten, die keine Ahnung vom Ganzen haben oder von Profis wie Etienne Robial (Gründer von Futuropolis; Anm. d.R.), der uns in Angoulême zu unserem grafischen Erscheinungsbild beglückwünscht hat. Wir sind anders. Im unabhängigen Bereich gibt es zwar viele schöne Buchobjekte, aber auch viel Handlettering.

Wir sollten vielleicht auch die Risiken ansprechen…Pellegrino: Wir gehen volles Risiko ein und bezahlen uns nicht für unsere Arbeit.
Aber trotz allem sind unsere Risiken auch sehr massvoll. Jedenfalls schaffen wir es fast jedes Mal, unsere Investitionen wieder herein- zuholen. Und wenn es einmal nicht gelingt, sind die Verluste nicht allzu gross, vielleicht 1000 Euro. Atrabile kann sich das von Zeit zu Zeit leisten, weil wir mit anderen Büchern Geld verdienen und im Laufe der Jahre eine kleine Kriegskasse äufnen konnten. Am Anfang haben
wir eigenes Geld investiert, ohne je wieder etwas davon zu sehen zu bekommen.
Dann kamen «Blaue Pillen» oder auch «Attends…», unser erstes Buch von Jason, was einiges verändert hat.

Wie hoch sind eure Auflagen?
Pellegrino: Unsere durchschnittliche Auflage beträgt 2000 Exemplare, manchmal aber auch nur 1000.
Und manchmal riskieren wir eine Auflage von 3000 Exemplaren.

Und welches war euer grösster kommerzieller Flop? Der einzige richtige Flop war «Parcours pictural» von Greg Shaw, ein abstrakter, vierfarbiger Comic, der aus lauter Farbflecken bestand. Wir produzierten bloss 800 Exemplare, hätten aber alle verkaufen müssen, um kein
Geld zu verlieren – und sind nur 120 Stück losgeworden. Wir hatten lange darüber diskutiert, ob wir dieses Buch machen sollten. Benoît liebt es. Greg Shaw hatte uns damals angeschrieben, weil wir in Bile Noire einmal abstrakte Comics veröffentlicht haben.
Chevalier: Ibn Al Rabin hatte in Bile Noire eine Art Manifest des abstrakten Comics veröffentlicht. Deshalb bin ich für das Buch eingestanden.

Gibt es vergriffene Bücher? Pellegrino: «Fromage confiture» und «Brendon Bellard», die beiden ersten Bücher von Fréderik Peeters. Sie stammen aus einer vergangenen Zeit. Wir werden sie nicht wieder neu auflegen.
Chevalier: Für den Autor und uns sind diese Bücher zu speziell. Wir waren noch auf der Suche nach unserem Stil. Unsere heutigen Bücher sind ganz anders.
Pellegrino: Der jüngste vergriffene Titel ist «Cabinet de curiosités» von Tom Tirabosco. Wir haben fast zehn Jahre gebraucht, um 1000 Exemplare zu verkaufen. Ich weiss nicht, ob wir ihn wieder auflegen sollen. Andererseits ist es nicht unsere Politik, vergriffene Bücher im Katalog zu haben.

Ihr druckt wenig in Farbe. Pellegrino:
Das stimmt. «Parcours pictural» und die zwei letzten Ausgaben von Bile Noire waren die Ausnahmen. Aber wir haben immerhin ein paar zweifarbige Bücher gemacht. In Zukunft werden wir vermutlich vermehrt mit Farbe arbeiten. Am Anfang haben wir uns auf schwarzweisse Bücher beschränkt, weil wir das mochten und den Farbdruck für unerschwinglich hielten. Unterdessen sind wir besser informiert und wissen, dass der Farbdruck nicht so teuer ist, wie man gemeinhin denkt.
Chevalier: Vielleicht ist der Farbdruck in den letzten Jahren auch einfach billiger geworden…

Welches sind eure nächsten Projekte? Pellegrino: Das nächste Projekt ist ein Buch von Chihoi Lee, der in Europa bereits in verschiedenen Zeitschriften abgedruckt wurde (z.B. im STRAPAZIN Nr. 86; Anm. d. R.). Er erzählt sehr schöne, poetische und traumhafte Alltagsgeschichten. Dann werden wir ein Buch mit einem Koreaner machen. 2008 werden wir also gleich zwei asiatische Bücher machen – ein Zufall.
Chevalier: Dieses koreanische Buch ist ein echtes Atrabile-Projekt. Für uns ist die menschliche Erfahrung sehr wichtig, die Beziehungen, der Alltag, auch wenn er nicht unbedingt sehr lustig ist. Das Buch ist mehr oder weniger die Autobiografie von Kim Su-bak, einem Künstler, der
in Seoul lebt. In dieser futuristischen Hi-Tech-Metropole verdingt er sich als Handlager auf Baustellen und haust in miesen Absteigen. Das Buch wird «Quitter la ville» heissen.
Pellegrino: Wir werden auch die kurzen Geschichten, die Fréderik Peeters für Bile Noire, Lapin oder die französische Zeitschrift L‘express gezeichnet hat, als Sammelband veröffentlichen.

Die grossen Verleger kopieren heute die unabhängigen Verlage. Wie beobachtet ihr diese Entwicklung? Pellegrino: Mit einer Mischung
aus Gleichgültigkeit und Wut. Wir versuchen, diese Phase zu überstehen wie ein Schilfrohr, das sich im Wind biegt und überlebt. Die grossen
Verlage besetzen unsere Nischen in den Buchhandlungen, denn für die Buchhändler ist es einfacher, Bücher von Futuropolis oder Casterman
zu bestellen als von Atrabile. Deshalb machen sie beispielsweise
lieber einen Stapel mit Blutch-Büchern von Futuropolis als einen von Cornélius. Das nervt. Denn wir haben gesäht, und nun ernten
die Grossen. Es ist ärgerlich, wenn ein Trondheim ausgerechnet bei Delcourt, einem der Verlage, der am meisten zur gegenwärtigen Überproduktion beiträgt, die Buchreihe Shampooing ins Leben ruft. Letztlich sind wir gezwungen, eine Nische zu besetzen und klein
zu bleiben – was uns allerdings ganz gut gefällt. Und man wird sehen, wie lange die Grossen Interesse an diesen Büchern haben.

Strebt ihr eine nächste Etappe der Professionalisierung an? Pellegrino: Ja. Wir haben jemanden eingestellt, der gewisse zeitrau- bende, technische Aufgaben übernimmt; Aufgaben, die uns davon abhielten, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ausserdem überlegen wir uns ernsthaft, nicht mehr länger ein Verein zu bleiben, sondern eine Firma zu gründen. Das wäre ein grosser Schritt. Wir
haben nämlich mehr und mehr Projekte, aber seit zwei Jahren stossen wir an unsere Grenzen. Wir möchten mehr Bücher veröffentlichen.
Im Moment sind es acht pro Jahr, das Ziel sind zehn. Mit einer zusätzlichen Person, die uns gewisse Arbeiten abnimmt, sollte dies machbar sein. Ausserdem möchten wir alles noch besser und noch schöner machen – und endlich unsere Post beantworten.

Michel Rime (*1954) arbeitet für die Lausanner Zeitung 24heures, wo er die Comics-Rubrik betreut.