STRAPAZIN Nummer 92, September 2008 ------------------------------------------------------------------

AUGENZEUGEN

Titelblatt
Christoph Fischer

 

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Biografien und Erläuterungen zu den Geschichten
Christoph Fischer: Teufelskreisel Kreuzstutz
Yan: Grossmutters Bett
Peter Blegvad: The Pedestrian
Patrick Lenz: Wartesaal
Valérie Losa: Sapore Italiano
Ben Katchor: Das beleuchtete Wort
Übersetzung: Christoph Schuler, Lettering: Andreas Gefe
Patric Sandri: Diary of a Very Special Love
Andrea Caprez / Andreas Gefe / Christoph Schuler: Varkala
Christoph Abbrederis: Schleckermaul
Magazin
Wolfgang Bortlik: Das Geschriebene Wort
Kurz und Gut
         
 

EDITORIAL ---------------------------------------------------------

»Gibt es Augenzeugen?«, fragt der Kommissar jeweils in die Runde, und meistens gibt es keine. Denn kaum jemand will etwas gesehen haben, wenn es nur darauf hinausläuft, wieder und wieder nach dem Unfallverursacher, dem Tathergang, dem Täter, befragt zu werden. Aber glücklicherweise gibt es Zeichnerinnen und Zeichner, die mit Leidenschaft und Akribie das Geschehen in ihrer nächsten Umgebung wahrnehmen, zu Papier bringen und uns damit ebenso gut unterhalten wie informieren. Sehr ausgeprägt tut dies Christoph Fischer mit seinen Beobachtungen am Verkehrskreisel, die an die »Unfälle und Verbrechen«-Seite in Tageszeitungen erinnern. Er schildert Unfall- und Tathergänge, die Täter (fast immer Männer), oft auch die Tatwaffen (meist sind es Autos) und lässt uns in knappen Sätzen an seinen Überlegungen zum Geschehen teilhaben. Sein Werk ist sowohl interessanter Quartierklatsch als auch Sittenbild der durchschnittlichen Schweizer Stadt, Dokumentation der Wohnbedingungen an verkehrsreichen Strassen des 21. Jahrhunderts und historisch wertvolle Chronik des Luzerner Alltags. Schön, dass Fischer die Zeichnungen nicht – wie er eigentlich vorhatte – in einer Schublade verschwinden liess, sondern sie als Buch mit dem Titel »Teufelskreisel Kreuzstutz« in der Edition Patrick Frey veröffentlicht. Schön auch für STRAPAZIN und seine Leser und Leserinnen, dass wir ein paar Wochen vor dem Erscheinen einen Auszug zeigen dürfen.
Weniger dramatisch geht es in den Geschichten von Valérie Losa und Yan zu. Die eine erzählt ihre Kindheitserlebnisse in China, die andere ging auf Recherche in italienischen Emigrantenfamilien. Beide schildern ihre Beobachtungen mit einem hervorragenden Gespür für Details und Atmosphäre. Losas Werk erscheint nächsten Frühling in ganzer Länge beim italienischen Verlag Zoolibri; Yan ist zurzeit noch auf der Suche nach einem Verleger für ihre Biografie.
Der Kommissar, der die Augenzeugen Peter Blegvad und Ben Katchor befragen muss, ist zu bedauern. Bei diesen zwei Zeichern ist die Interpretation viel wichtiger als das Objekt ihrer Betrachtungen. Gullydeckel, Verkehrszeichen oder Schilder, die auf

 

Notausgänge hinweisen, lassen in ihren und unseren Köpfen Phantasiewelten entstehen, die nichts mehr mit authentischer Wiedergabe eines beobachteten Prozesses zu tun haben. Auch Christoph Abbrederis wage ich zu unterstellen, dass er die tatsächlichen Ereignisse etwas gar frei nacherzählt. Ist sein Erinnerungsvermögen eventuell durch süchtig machende Substanzen beeinträchtigt worden? Der realitätsverzerrende Einfluss von Torten und Naschwerk aller Art darf nicht länger verharmlost werden!
Nüchterner betrachtet Patric Sandri das ihm fremde London. Mit kritisch-distanziertem Ethnologen-Blick sitzt er in Bussen und U-Bahnen und versucht, die Gedanken und Absichten der Eingeborenen zu erahnen, während er die Umgebung blitzschnell ins Skizzenbuch krakelt. Gerne hätte ich noch mehr von seinen farbigen Bildern gezeigt, doch STRAPAZIN kann sich leider noch keine durchgehenden Farbbögen leisten.
Der Beitrag »Varkala« von Caprez, Gefe und mir selber kam nicht zuletzt deshalb zustande, weil unsere Reise nach Indien zum grössten Teil durch Pro Helvetia finanziert wurde. Wir danken ganz herzlich! Mein persönlicher Dank geht an David Basler, der mich nicht nur auf die Arbeiten von Christoph Fischer aufmerksam machte, sondern auch seit dreissig Jahren als eine Art Leitstern am Firmament meines Comic-Wissens leuchtet, sowie an Pierre Thomé, den verblüffend rührigen Leiter der Studienrichtung Illustration an der Hochschule Luzern für Design und Kunst, auf dessen Amboss einige der hier versammelten Künstlerinnen und Künstler den Werdegang von Eisenschrott zu Damaszenerstahl durchlitten, um es ganz unnötigerweise dramatisch auszudrücken.

Christoph Schuler