Biografien und Erläuterungen



Christoph Abbrederis
*1961 in Bregenz, Österreich. Lebte in den Achtzigerjahren in Wien, wo er Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft studierte und anschliessend die Meisterklasse für Gebrauchs-, Illustrations- und Photographik an der Universität für Angewandte Kunst Wien besuchte. Es folgten je fünf Jahre in New York und Madrid, während derer er u.a. für die New York Times, Cosmopolitan und andere Magazine und Zeitrschriften arbeitete. Seit 1996 ist er als freier Grafiker und Illustrator tätig. 2004 begann er mit dem Comic-Tagebuch »Das tägliche Schei-tern«. Jeder Tag seines Lebens findet seine Entsprechung in der verknappten Darstellung eines Comic-Strips. Regelmässige Comicbeiträge in diversen Fachmagazinen - vor allem in STRAPAZIN - seit Beginn der 80er-Jahre. Wohnt seit 2007 wieder in Wien.
»Da ich in meiner Sturm-und-Drang-Zeit recht umtriebig war, viele Leute traf und verschiedene Orte sah, weiss ich einige Geschichten zu erzählen. Meine Zeichnerkollegen haben mir geraten, diese ›Anekdoten‹ zu ordnen und sie als Comics aufzuzeichnen. (Wahr-scheinlich erzähle ich oft dieselben Erlebnisse mehrmals und langweile damit die Leute.) ›Schleckermaul‹, eine Begebenheit aus meinen ersten Jahren in New York, ist sozusagen ein erster Gehversuch in diese Richtung.«
www.abbrederis.com

Peter Blegvad
*1951 in New York City, lebt in London. Blegvad versteht sich als Zeichner, Musiker, Performer, Radiomacher und Lehrer. Bekannt ist sein »Book of Leviathan«, eine Zusammenfassung seiner von 1991 bis 1998 wöchentlich im Independent on Sunday erschienenen Strips; 2009 wird das Buch auch auf Chinesisch erscheinen. Im Augenblick zeichnet er einen monatlichen Cartoon mit dem Titel »Whatever« und verfasst Buchkritiken in Comicform. Als Musiker spielte Blegvad bzw. komponierte er für Bands wie Slapp Happy, Faust, Henry Cow, The Golden Palominos und The Peter Blegvad Trio (mit John Greaves und Chris Cutler). An der Universität Warwick unterrichtet er Creative Writing.
Peter Blegvad über seine Comic-Serie »The Pedestrian« (von der wir ein paar ausgewählte Folgen in der Originalfas-sung abdrucken, da die Sprachspiele nicht übersetzbar sind): »Als ich die Serie ›The Pedestrian‹ in der Independent on Sunday Review begann, wollte ich eine Art Antidotum zu ›Leviathan‹ machen, also nur mit minimalen Zeichnungen und ohne phantastische Abschweifungen. In ›The Pedestrian‹ sollten kaum Menschen vorkommen, alles sollte sich nur um Dinge drehen, die ich auf meinen Wanderungen fotografiert habe.Strassen bedeuten für mich eine unerschöpfliche Wunderkammer mit ständig wechselnden Ausstellungsobjekten. Ich liess mich von Baudelaires Konzept des Flaneurs genauso inspirieren wie von Robert Walsers ›Spaziergang‹. Mit dem Alter verschlechtert sich mein Erinnerungsvermögen, ganze Kontinente meiner mentalen Landkarte werden zu schwarzen Löchern. Was ich vielleicht am meisten zu verlieren fürchte, ist die Fähigkeit, mich von alltäglichen ›Wundern‹ verzaubern zu lassen. Ich begann meine Arbeit an ›The Pedestrian‹ als Dokumentation meiner Freude an solchen Dingen, aber vielleicht auch, um den Zerfall dieser Fähigkeit aufzuhalten. (›Imagination like a muscle will increase with exercise‹ – wie es in einem meiner Lieder heisst.) Es sind also nicht die grossen Themen der Natur, die der Strip zelebrieren und erforschen will, sondern eher die banalen vergänglichen Wunder, wie etwa das kleine, mit mehreren Schrauben versehene Stück Holz, das ich einst fand. Ohne die Schrauben hätte ich es wohl übersehen, aber die Tatsache, dass jemand Schrauben in ein banales Stück Holz gedreht hatte, machte daraus eine Art mysteriöse ›Maschine‹. Hatte es vielleicht gar einem okkulten Ritual gedient? So wurde es zu einem Katalysator für Träume …«
www.leviathan.co.uk/

Andrea Caprez / Andreas Gefe / Christoph Schuler
Die Zeichner und Illustratoren Caprez und Gefe sowie den Redaktor und STRAPAZIN-Mitherausgeber Schuler vorzustellen, hiesse Staub nach New Delhi oder Yoga-Matten nach Varkala zu tragen, sind sie doch dem geneigten Leser bzw. der wohlinformierten Leserin seit Jahren bekannt und prägen schon seit den ersten STRAPAZIN-Ausgaben den Inhalt des Hefts. Alle drei verbrachten dieses Jahr auf Einladung der schweizerischen Kulturstiftung Pro Helvetia einen Monat in Indien, davon drei Wochen in New Delhi, um dort an verschiedenen Geschichten zu arbeiten. Die hier abgedruckten illustrierten Interviews entstanden im südindischen Varkala, wo sie sich bereits am zweiten Tag so gründlich langweilten, dass sie begannen, Einwohner und Touristen zu interviewen.
Christoph Schuler über die gemeinsame Arbeit: »Ausgerechnet beim dramatischsten Ereignis des ganzen Monats war nur einer von uns Augenzeuge. Ich sass ausnahmsweise bei einem Bier an der Bar, Andrea war wie immer mit ein paar Holländerinnen beim Yoga, als Gefe, der an diesem Nachmittag etwas weiter ins trügerisch flache Meer hinaus geschwommen war, von der Strömung erfasst und immer weiter vom Strand weggezogen wurde. Gerade als er um Hilfe zu rufen begann und die Life Guards sich zu seiner Rettung in die Fluten stürzten, kam eine grosse Welle und warf Gefe zurück auf den Strand. Noch ganz ausser Atem und schwer geschockt, erinnerte er sich trotzdem an die uns gestellte Aufgabe und skizzierte das Geschehen mit einer Fischgräte in den Sand, doch wurden die Bilder von der nächsten Welle zerstört. So blieb die ganze Sache undokumentiert.«
www.gefe.ch

Christoph Fischer
*1976 in Luzern. Fischer schloss erst das Lehrerseminar ab, bevor er die Fachklasse für visuelle Gestaltung besuchte, die er 2002 mit dem Trickfilm »Stubenhorizonte« abschloss. Es folgten ausgedehnte Reisen mit Velo und Zelt nach Sizilien und zurück bzw. nach Polen, ins Baltikum, nach Finnland – und zurück über Ostdeutschland, Polen, Ungarn, Slowenien und die Alpen. Seit 2002 selbständiger Zeichner, Maler und Illustrator mit Atelier am Kreuzstutz in Luzern. 2006 Werkbeitrag für Angewandte Kunst von Stadt und Kanton Luzern, 2007 Visarte-Atelier-Stipendium, Aufenthalt in der Cité des Arts in Paris, wo eine gezeichnete Reportage über die Banlieue Bondy Nord entstand. Die hier abgedruckten Bilder sind Teil des im Oktober 2008 bei der Edition Patrick Frey erscheinenden Buches »Teufelskreisel Kreuzstutz«. Das Titelblatt dieser STRAPAZIN-Ausgabe stammt ebenfalls von Christoph Fischer. Durch einen Feldstecher beobachtete er Leute, die gegenüber seines Hauses auf den Bus warteten, und malte deren Porträts anschliessend auf Leinwand. Sämtliche 45 so entstandenen Bilder findet man farbig reproduziert im erwähnten Buch.
»Seit acht Jahren wohne und arbeite ich am Kreuzstutz, zwischen Bernstrasse und Baselstrasse. Täglich drängen sich Autos, Lastwagen, Busse und Motorräder an meinem Haus vorbei. Gleich davor liegt der Verkehrskreisel, links sehe ich den Eisenbahndamm, rechts einen bewaldeten Hügel, der die Szenerie das ganze Winterhalbjahr über in seinen feuchten Schatten taucht. Für mich ist der Kreisel inzwischen zur Heimat geworden, zum Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Was immer ich aus meinem Fenster sehe, halte ich in einer Skizze fest. Oft zeichne ich etwas, weil es so absurd scheint, dass ich meinen Augen kaum traue. Und frage mich dann, ob diese Dinge auch dann geschehen wären, wenn ich sie nicht gesehen hätte. In der hier veröffentlichten Geschichte, die nur einen kleinen Teil des im Buch abgedruckten Materials umfasst, werden Beobachtungen der letzten acht Jahre vorgestellt. Die Aufzeichnungen geschahen während der Arbeit, im Gehen, beim Essen oder im Halbschlaf. Die zeichnerische Qualität stand weniger im Vordergrund, eher mein Bedürfnis, zu dokumentieren. Ich hatte beim Zeichnen nie die Absicht, das Material zu veröffentlichen. Die Skizzen berichten von grösseren und kleineren Geschichten, wie sie sich wirklich zugetragen haben. Ein persönliches Zeitzeugnis, das Er-eignisse aus dem städtischen Alltag vor dem Vergessen bewahrt. Die Skizzen sind nicht chronologisch geordnet, das Entstehungsdatum ist in der Regel direkt auf der jeweiligen Zeichnung eingetragen. Die Bilder stammen, bis auf wenige Ausnahmen, aus einer etwa 45 Skizzenbücher umfassenden Sammlung, von denen ich ständig eines auf mir trage.«
www.christophfischer.ch
www.teufelskreisel.ch

Patrick Lenz
*1965, lebt in Zürich. Zeichnet seit 2004 Comics und Bilderbücher. Bisher erschienen: »Tom und der Vogel« (2007), »Karl und Kumpel« (2008), beide im Atlantis Verlag.
»Nach jahrelanger Lebensüberbrückung als Kioskverkäufer begann ich ab 2001 bei einem Kollegen zu arbeiten, der sich gerade als Grafiker selbständig gemacht hatte. Er teilte die Arbeitsräume und manchmal auch die Arbeit mit einer Firma, welche in der Corporate-Identity-Welt zuhause war. Ich kam dort nie aus den Startlöchern. Auch nach Jahren fühlte ich mich noch so unsicher und fremd wie zu Beginn, und war immer froh, wenn ich möglichst wenig gestalten musste. Ich beschäftigte mich eher mit der Wartung der Kaffeemaschine oder dem Bündeln von Altpapier, für mich kleine Inseln der relativen Sicherheit. Irgendwann hatten wir nur noch sehr wenig Arbeit, aber mein Chef und Kollege wollte mich trotzdem nicht entlassen. 2004 war ich dann soweit: Ich beendete dieses Kapitel und besann mich auf mein eigentliches Können, das Zeichnen. ›Wartesaal‹ war ein erstes zeichnerisches Resultat und gleichzeitig die persönliche Verarbei-tung meiner Zeit als Angestellter in der Grafikbranche.«

Yan
Yan wurde in Nanjing, China, geboren. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Nanjing. 1987 zog sie erst in die Schweiz, dann in die USA, wo sie sich vor allem dem Malen von Aquarellen widmete. Heute lebt sie wieder in der Schweiz. Zurzeit arbeitet sie an verschiedenen Kinderbüchern sowie an ihrer illustrierten Biografie. »Grossmutters Bett« ist ein Auszug aus diesem Werk.
»Grossmutters Bett war der Mittelpunkt unserer Familie, hier traf man sich tagsüber zum Reden, zum Nickerchen nach dem Essen und zum Erledigen der Hausaufgaben; wir Kinder liebten es, auf dem Bett zu turnen und zu tanzen, oder Grossmutters Geschichten zu lauschen. Lange schliefen meine Schwestern und ich zusammen mit der Grossmutter in diesem Bett, ohne dass wir eigene Betten vermisst hätten. Für uns war Grossmutters Bett nicht nur ein Bett, es war auch ein Haus – eine Welt, die Geborgenheit ausstrahlte. In der turbulenten Zeit der Kulturrevolution bedeutete mir das Bett – und speziell mein Versteck unter dem Bett – ein sicherer Zufluchtsort.«


Valérie Losa
*1980 in Locarno. Valérie Losa studierte Radierung und Holzschnitt an der Ecole des Arts Visuels de La Cambre in Brüssel, dann Illustration an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern. Seit Abschluss ihres Diploms im Juli 2006 lebt sie in Neuchâtel. Die hier abgedruckte Arbeit ist ein Ausschnitt aus ihrem im Frühling 2009 im Verlag Zoolibri erscheinenden Buch »Sapore Italiano«. (© Zoolibri 2008) www.zoolibri.com
»Das Buch ›Sapore Italiano‹ ist eine Art gezeichnete Reportage über das traditionelle Sonntagsessen bei Italienern, die in der Schweiz leben. Diese Mahlzeit ist für die Italiener eine typische Fami-lientradition. Heutzutage verschwindet diese Tradition leider langsam. Für die vorliegende Arbeit habe ich italienische Familien gesucht, die diese Tradition beibehalten haben, obwohl sie in der Schweiz leben. Nicht immer bin ich zum Essen eingeladen worden, aber immer zeichnete ich, fotografierte, befragte die Leute und machte Notizen. In den Gesprächen voller Emotionen und Nostalgie wurden Erinnerungen an die Heimat und Bilder eines noch nicht so lange ver-schwundenen Italiens lebendig. Das Buch enthält zwei visuelle Ebenen: Eine sehr konkrete, die wiedergibt, was ich bei den Leuten gesehen habe (Gegenstände, Räume, Menschen usw.), sowie eine Ebene der Erinnerungen.Das Buch führt uns auf eine Reise in italienische Wohnungen; wir treffen Leute, erfahren etwas über ihre Ver-gangenheit – immer mit dem Duft des Mittagessens in der Luft. Wir gelangen von einer Person zur anderen und bekommen dabei einen Eindruck von einer ›kollektiven Stimme‹. Ich versuche den Leser darauf aufmerksam zu machen, was diese Leute gemeinsam haben. Das Sonntagsessen wird zu einem Vorwand, um über etwas Wichtigeres, nämlich die italienische Kultur zu erzählen. Das Essen wird zum Symbol der Verbindung zwischen den Personen und dem Land. Durch das Essen, seinen Geschmack, seine Aromen, ist man der Heimat näher. Man will am typischen Geschmack des Essens festhalten, will ihn – genauso wie die Kultur als Ganzes – in die Fremde importieren. Die Esskultur wird zu einem Stück Italien, das man immer bei sich trägt.«

Patric Sandri
*1979 in Uster, Kanton Zürich. Sandri absolvierte die Kantonsschule Dübendorf, dann die Illustrationsklasse der HGK FHZ Luzern. 2006 verbrachte er drei Monate in London. Seine Werke wurden an verschiedenen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Sandri lebt in Zürich und arbeitet als Illustrator für verschiedene Zeitungen und Magazine.»In London war mir vieles fremd. Die Mentalität, die Leute, die Reizüberflutung. Mir fiel auf, dass ich mich unter vielen Leuten einsamer fühlte, als wenn ich alleine war. Ich sammelte drei Monate lang diverse Informationen, war mit Skizzenbüchern unterwegs. Nicht die In-formation stand im Vordergrund, sondern deren subjektiv gefärbte Interpretation. Es bestand kein Zwang zur Objektivität; Fakten, Gedanken und Emotionen verdich-teten sich zu einem persönlichen und mitunter emotional gefärbten Gesamteindruck. Orte wie Piccadilly-Circus, Camden Town oder Shoreditch interessierten mich weniger, dort hat man den Eindruck, sie würden nur durch und für die Wochenend-Touristen existieren. Diese sehen vermutlich das ›wahre London‹ nicht, sind geblendet von den reflektierenden sauberen Schaufenstern des Stadtzentrums. Doch sitzt man in den Bus und fährt 20 Minuten weiter, wechselt die Szenerie sehr schnell.«
www.patricsandri.ch.vu

Ben Katchor
*1951 in Brooklyn, New York. Seit seiner Ausstellung und der Diashow-Performance am Fumetto 2008 ist Katchor auch beim deutschsprachigen Publikum etwas besser bekannt, obwohl seine Bücher noch immer einer Übersetzung harren. Katchors Strips, zusammengefasst in Büchern wie »Julius Knip, Real Estate Photogra-pher«, »The Jew Of New York«, »Cheap Novelties: The Pleasure of Urban Decay« und »The Beauty Supply District« spielen immer in New York und erzählen aus dem täglichen Leben, aber kaum Alltägliches. Katchor untersucht die kleinen Ereignisse, die Absurditäten und Merkwürdigkeiten in einer leicht verschobenen Welt. Katchor schreibt auch Musicals und Hörspiele. Sein Theaterstück »The Slug Bearers of Kayrol Island, or The Friends of Dr. Rushower«, eine absurde Romanze über chemische Verseuchungen auf einer ruinierten Südsee-Insel, feierte dieses Jahr grosse Erfolge in New York.
Ben liess uns zu seinem Comic folgenden Text zukommen: »›Das beleuchtete Wort‹ erschien unter dem Titel ›The Backlit Word‹ im New Yorker Metropolis Magazine, einem Periodikum zum Thema ›Design‹. Mich interessiert es, eine poetische Erklärung hinter der reinen Gebrauchsebene der Dinge zu finden. Daher bin ich überzeugt, dass auch solche ›Exit‹-Zeichen, wie sie in meiner Geschichte vorkommen, nicht nur dazu da sind, auf den Ausgang aus einem Raum hinzuweisen. Wann immer ich in einem langweiligen Film oder Theater sitze, sinniere ich über diese beleuchteten Zeichen und stelle mir vor, wozu sie sonst noch dienen könnten.«
www.katchor.com