Augenzeugen und andere Blinde


Wolfgang Bortlik

Dieses Auto, alt, kackbraun und hässlich, kommt ganz schön schnell daher. Der Augenzeuge radelt gerade eine unübersichtliche Strassenbaustelle entlang. Er hat das hässliche braune Auto aus den Augenwinkeln erspäht. Jetzt kommt es immer näher, immer näher und dann – weiss der Augenzeuge nichts mehr. Kann sich auch später nicht erinnern, was passiert ist. Wie er zu dem ansehnlichen Loch im Hinterkopf gekommen ist. Das hässliche Auto hat ihn angefahren, den Augenzeugen überfahren, der dennoch nicht Augenzeuge seines eigenen Unfalls geworden ist. Da schaltet das Gehirn offenbar vorher ab. Augenzeugen sind andere, ein paar Passanten. Zwei Studentinnen der Medizin, die sich rührend um den Verunfallten bemühen, aber leider keine brauchbaren Augenzeuginnen sein können. Niemand am Unfallort hat sich die Nummer des kackbraunen Gefährts merken können. Würde man die Zeugen nach der Farbe des Autos oder gar der Marke fragen, so gäbe es deutlich differierende Angaben. Niemand war ausreichend genug Augenzeuge. Das Ungenügen des Augenzeugen ist ein recht häufiger erzählerischer Topos. Gänzlich tragisch und unwiderrufbar vereint im blinden Zeugen oder der blinden Zeugin. Entsetzlich vorhersehbare Krimi-Fernsehserien wie »Der Chef«, »Monk« oder »Kommissar Rex« kennen eine Folge mit dem verräterischen Titel »Die blinde Zeugin«. Es gibt auch amerikanische und deutsche Filme, die mit so einer tragischen Heldin agieren. Bezeichnenderweise handelt es sich bei diesen Schwächsten der Schwachen der Geschichte zumeist um Frauen. Nicht ganz so attraktiv ist die stumme Zeugin, aber auch sie gibt es. Von einer tauben Zeugin weiss ich nichts. Unbrauchbar erscheint die Zeugin ohne Geschmacksnerven. Wie wäre es mit dem farbenblinden Augenzeugen? Kommen wir langsam zu den Büchern. Wir sind in den letzten Jahren Zeugen geworden, wie sich Skandinavien als Luxus-Hort des Kriminalromans entwickelt hat. Auch wenn die Morde immer monströser werden (der neue Mankell!), im kühlen Norden ist Gevatter Tod irgendwie ein Elch. Plötzlich steht er mitten auf der Strasse und man rattert in seinem kleinen kackbraunen Auto offenen Auges in ihn hinein. Bei Mikael Niemi ist das so. Der Mann beackert sozusagen als tragischer Augenzeuge literarisch das Tornedal, ein Flusstal am Polarkreis, welches die schwedisch-finnische Grenze bildet. Hier spricht man eigentlich auch auf der schwedischen Seite das finnische Meänkieli, doch sollte von Staates wegen diese Sprache zugunsten des Schwedischen ausgerottet werden. Vor diesem ethnischen Konflikt (Verlust der Muttersprache und eigentlichen Identität, verfemte Hinterwäldler-Heimat etc.) konstruiert der aus dem Tornedal stammende, hochgelobte Niemi in seinem zweiten Roman »Der Mann, der starb wie ein Lachs« einen Kriminalfall, in dem ein alter Drecksack ziemlich brutal zu Tode kommt. Es fängt alles ganz toll an, doch dann driftet Niemi immer mehr ab und irgendwie packt er das Genre Kriminalroman nicht mehr und macht einen auf Verbitterte-Minder-heiten-Surrealismus. Jedenfalls bleiben für einen Krimi am Ende des Romans allzu viele Fragen offen. An einer anderen March ist Matti Rönkä tätig, in Karelien, an der finnisch-russischen Grenze. Rönkä, 1959 im finnischen Karelien geboren, ist momentan einer der besten, wenn nicht sogar der beste skandinavische Krimiautor. Der zweifelhafte Held seiner Geschichten ist ein Herr namens Viktor Kärppä, der in Finn- wie in Russland allerhand Kontakte und Geschäfte pflegt, ein Augen- und Ohrenzeuge immer hart am Rand der Legalität. Wegen dieser Verbindungen wird Kärppä gerne von der finnischen Kripo als beratender Hitman engagiert. Im neuesten Fall, »Bruderland«, geht es um einen kleinen Heroin-Dealer, der den russischen Grosshändlern in die Quere kommt. Dabei muss Kärppä sogar sein gutes altes Maschinengewehr hervorholen. Daneben gibt es natürlich noch viele andere Händel, Liebe kommt und geht, Atmosphäre wabert, kleine und grössere Gefechte toben – das alles ist sehr schön und sprachmächtig dargestellt und vorzüglich aufgelöst. So liest man den Krimi gerne in einem Zug durch. Grenzen, menschliche Grenzen (Achtung, hier spricht der Rezensent mit germanistischem Hintergrund!), also menschliche Grenzen spielen auch im neuen Krimi des Hamburgers Robert Brack eine wichtige Rolle. Na ja, wo spielen diese Grenzen eigentlich keine Rolle? Also noch mal von vorne: Augenzeugen gibt es in Bracks Krimi keine. Nur eine Menge Pseudozeugen, von denen jeder etwas anderes behauptet. Es geht um zwei Wasserleichen am Nordseestrand, die aneinandergebunden zu Tode gekommen sind. Es handelt sich dabei um Beamtinnen der weiblichen Hamburger Kriminalpolizei. Diese Abteilung ist gegen den Widerstand der Rechten eingerichtet worden, um speziell Frauen vor Männergewalt zu schützen. Doch Hitlers Machtübernahme steht kurz bevor. Nun sind zwei Polizistinnen tot. War es Selbstmord wegen Problemen mit der Chefin, taten es rechte Killer oder war’s nur ein Unfall? Eine englische Polizistin ermittelt im Auftrag ihrer internationalen Organisation und stösst dabei auf allerhand verstockte männliche und weibliche Schreibtischtäter. Robert Brack zeichnet in seinem historischen Krimi »Und das Meer gab seine Toten wieder« (ein Bibel-Zitat!) sehr schön die Stimmung nach, die in der Arbeiterstadt Hamburg vor der politischen Katastrophe herrscht. Bracks Figuren sind wohl gezeichnet und seine Schauplätze, etwa die Insel Pellworm, sind sehr pittoresk.Fast 100 Jahre früher spielt ein histo-rischer Krimi, in dem wir Augenzeugen (Lesezeugen?) eines geradezu gerechten Verbrechens werden. In einer preussischen Kleinstadt wird der Besitzer einer Weberei erschossen aus dem Fluss gefischt. Als Mörder des Fabrikanten, der seine Macht skrupellos ausgenützt hat, kommen viele in Frage: die Ehefrau, der verstossene Sohn, die aus-gebeuteten Fabrikarbeiter und auch die Arbeitermädchen, die das alte Schwein vergewaltigt hat. Erst als aus dem nahen Berlin ein Polizeiinspektor kommt, gerät mit Hilfe eines echten, aber ebenso toten Schweins Bewegung in die Geschichte. Gabriella Wollenhaupt ist eine bekannte deutsche Krimiautorin, die normalerweise eine Detektivin mit dem schönen Namen Grappa auf schröckliche Kriminalfälle ansetzt. »Leichentuch und Lumpengeld«, ihr erster Geschichtskrimi nach 18 Grappa-Romanen, ist äusserst süffig und mit der richtigen politischen Haltung ge schrieben. Den nächsten Roman hab ich angefangen zu lesen und erstmals nach 300 Seiten wieder flüssige und feste Nahrung zu mir genommen. Zwischendurch hab ich immer wieder misstrauisch auf die Liner-Notes des Buches geguckt, ob der Autor wirklich erst 24 Jahre alt ist. Nach wie vor kann ich dieses nicht glauben: So lebensweise über einen Musiklehrer Ende der Dreissiger zu schreiben, Bob Dylan zu verwursten, überhaupt die Popgeschichte zu rezitieren, Beziehungsschmetter jeglicher Art thematisch zu durchdringen und-soweiter – das erwartet man nicht von einem derart jungen Gemüse. Benedict Wells heisst der Wunderknabe laut Verlag, der mit »Becks letzter Sommer« einen wirklich sehr beachtlichen Erstlingsroman abgeliefert hat. Tragisch, lustig, gescheit, unterhaltsam, wild: besagter Musiklehrer stösst in seiner Klasse auf ein Popmusik-Genie und will sich durch ihn noch einmal als Musiker selbstverwirklichen. Doch alles ist gegen ihn. Am Schluss verfranst der Roman etwas und es gibt ein bisschen zu viele erzählerische Tricks, aber ansonsten Hochachtung, falls wirklich so ein junger Hüpfer diesen Text geschrieben hat. Noch ein junger Autor als Augenzeuge seiner Generation: der Engländer Richard Milward, auch so um die 24. Sein Erstlingsroman heisst »Apples« und spielt im vorstädtischen Nordengland, dort wo Drogen und Sex das Maximalprogramm einer nicht allzu viel versprechenden oder viel von sich verlangenden Jugend sind. Milwards Verdienst ist es, dass er diese Misere völlig ungeschönt zeigt, auch wenn er ab und zu so etwas wie Romantik in die juvenilen Beziehungen bringen will. Eve ist ein Flittchen und Adam ist gestört. Die Romanze, die sich zwischen beiden eigentlich anbahnen sollte, wird wohl nie stattfinden. »Apples« ist absolut trostlos und das ist gut so.

 

Aufstellung

Mikael Niemi
»Der Mann, der starb wie ein Lachs«
Btb, 352 S., sFr. 34.90

Matti Rönkä
»Bruderland«
Grafit, 222 S., sFr. 32.90

Robert Brack
»Und das Meer gab seine Toten wieder«
Edition Nautilus, 224 S., sFr. 25.90

Gabriella Wollenhaupt
»Leichengeld und Lumpentuch«
Graft Taschenbuch, 378 S., sFr. 20.50

Benedict Wells
»Becks letzter Sommer«
Diogenes, 464 S., sFr. 35.90

Richard Milward
»Apples«
Blumenbar Verlag, 253 S., sFr. 32.90