Magazin

Buchtitel gezeichnet von Christoph Schuler


Skizzen und Zweifel

Chris Wares zweites Skizzenbuch »The Acme Novelty Date Book Volume Two« setzt ein, wo das erste aufhörte, 1995, und deckt die Jahre bis 2002 ab. Während wir im ersten Skizzenbuch beobachten konnten, wie gewisse Figuren – Jimmy Corri-gan etwa und Quimby – entstanden, und wie Ware um ihre Charakterisierung rang, tauchen sie, da sie nun ausgearbeitet sind, in den Skizzenbüchern nur noch am Rande auf. Chris Wares Augenmerk richtet sich vor allem auf seinen Alltag in Chicago, seine Reisen an Comic-Festivals, und er skizziert mit schnellem, aber sehr präzisem Strich Strassenszenen, Bekannte, Ragtime-Musiker und immer wieder seine Frau Marnie. Geblieben sind die abschätzigen Kommentare über seine Arbeit. In seinen Neujahrsvorsätzen für 1999 nimmt er sich vor, täglich mindestens eine Skizze eines vertrauten Objekts zu machen und endlich sein Lettering zu verbessern. Ein paar Monate später konstatiert er: »Jesus Christ, I need to learn how to draw!« Am interessantesten – und streckenweise auch deprimierendsten – sind die kurzen autobiographischen Comics und die Textbeiträge (deren Schrift aber so winzig ist, dass ältere Menschen – wie der Rezensent – zu ihrer Entzifferung eine Lupe benötigen). Auch da kommt das negative Selbstbild Wares in erschütternder Offenheit zum Ausdruck. Dass »Jimmy Corrigan« – welches im Jahre 2000 als Buch bei Pantheon erschien – zahlreiche Comic-Preise abräumte sowie mit wichtigen literarischen Auszeichnungen bedacht wurde und sich schliesslich zum Bestseller mauserte, findet in »The Acme Novelty Date Book« keine Erwähnung. Obschon man davon ausgehen muss, dass Ware sein Skizzenbuch nicht weniger sorgfältig und bewusst editiert als seine Comics, verstärkt das Verdrängen seiner Erfolge den Eindruck, Ware leide unabhängig vom Lob der Aussenwelt an krankhaften Selbstzweifeln. »The Acme Novelty Date Book« gewährt einen aufschlussreichen Einblick in Wares Arbeitsweise (der Einfluss Robert Crumbs auf seine Zeichnungen, gerade wenn er Ragtime-Musiker skizziert, verblüfft nach wie vor) und – bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls – auch in sein Innenleben.
Kurz: Dieses Buch ist, wie jedes Produkt aus Wares Werkstatt, ein unwi-derstehlich schönes sowie inhaltlich klug und konsequent durchdachtes Objekt.

Christian Gasser



Chris Ware
»The Acme Novelty Date Book Volume Two, 1995-2002«.
Drawn & Quarterly, Montreal / Oog en Blik, Amsterdam 2007,
204 S., farbig, Hardcover
ca. € 30.–

 

Bildgestaltung

Auf diese Zeitschrift haben wir lange gewartet: »Jitter. Magazin für
Bildgestaltung« beschäftigt sich mit dem gezeichneten Bild in allen seinen Erschei-nungsformen, mit freier Zeichnung, Illustration, Reportagezeichnung, Comic, Grafik, Animation, Streetart, Charakterdesign etc., ob mit Bleistift, Feder, Pinsel oder am Computer hergestellt. Im Gegensatz zu ähnlich ausgerichteten Hochglanzpostillen versteht sich Jitter nicht in erster Linie als Bilderbuch oder Katalog für Werbeagenturen, sondern will auch die Reflektion der Bilder mitliefern oder zumindest anregen – es gibt ebenso viel zum Lesen wie zum Schauen. Die ersten drei stilsicher gestalteten Ausgaben konzentrieren sich auf je einen Schwer-punkt (Zeichnung / Musik / Lachen) und nähern sich ihm aus verschiedenen Richtungen an, mit Bildstrecken, Essays, Interviews, Portraits, Rezensionen etc. Die Auswahl der vorgestellten Künstler und Positionen ist erfreulich zeitgemäss – darunter finden sich auch ein paar STRAPAZIN-Bekannte wie Henning Wagenbreth (ausgezeichnetes Interview im 2. Heft), Rattelschneck oder Ol. Die Texte sind allerdings von unterschiedlicher Qualität – während die Interviews (auch mit dem zeichnenden Reporter Olivier Krug, dem Animationsfilmer Andreas Hykade oder der Hochschulprofessorin Nora Krug) aufschlussreich sind, kranken gewisse Essays an halbakademischer Selbstgefälligkeit. In erster Linie ist es die Offenheit des Herausgebers Andreas Rauth, die Jitter zu einer anregenden Lektüre macht, welche – hoffentlich – nicht nur der hierzulande unterschätzten Illustration eine Plattform bietet, sondern auch das Interesse und den Austausch zwischen den durchaus verwandten, aber in der Regel isolierten Szenen fördert.

Christian Gasser



»Jitter. Magazin für Bildgestaltung«
Erscheint 3 x jährlich, jeweils 90 S.
€ 12.– / sFr. 19.60

www.jitter-magazin.de

Weltverbesserer

Allein für den Titel seines Buches sollte Sylvain Mazas mit einem
Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet werden oder besser noch – den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten: »Dieses Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nah-Ost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden.« Sylvain Mazas ist ein junger Franzose, der in Berlin lebt und Anfang 2007 für drei Monate in den Libanon zog, um Arabisch zu lernen. Der Aufenhalt in der Krisenregion inspirierte ihn zu diesem Erlebnisbericht, ein charmanter Hybrid aus Comic, Essay, Tagebuch, Reportage, den er regelmässig mit ebenso verblüffenden wie einleuchtenden Diagrammen spickt, in denen er auch die ganz grossen Fragen und Probleme (das Glück, die Liebe, der Nah-Ost-Konflikt, das Gute und das Böse im Menschen u.ä.) aufdröselt und löst – besonders hübsch ist seine Visualisierung der Spannung zwischen unserem Wissen, unserem Unwissen und unserem Bewusstsein unseres Nicht-Wissens. Sylvain Mazas vortrefflichste Qualität ist die Unbekümmertheit und die (falsche?) Naivität, mit der er diese grossen Themen aufgreift. Seine idealistischen Lösungsvorschläge präsentiert er uns mit einem derart entwaffnenden Lächeln, dass wir ihm den Glauben, (s)ein Buch könne die Menschen zum Besseren verändern, nicht übelnehmen können. Immerhin beschert uns Mazas mit seiner Anleitung zum Glücklichsein – denn letztlich geht‘s im Leben um das Glück, wie er in seinem komplexesten Diagramm, einem beigelegten A3-Poster, aufzeichnet – ein paar Stunden Leseglück. Die Wirklichkeit lässt sich jedoch selbst von den klügsten Diagrammen und den schönsten Gedanken nicht bändigen, wie Mazas unterdessen wohl be-griffen hat. Sein Diplom hat er zwar gekriegt, aber am Frieden in Nah-Ost und an der Liebe muss er noch weiterarbeiten. Wir freuen uns auf die Fortsetzung.

Christian Gasser



Sylvain Mazas
»Dieses Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nah-Ost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden«.
Mückenschwein Verlag
196 S., Klein format
€ 5.– plus Versandkosten
www.mueckenschwein.de

Käsetoasts

Winsor McCays »Dream of the Rarebit Fiend« (1904–1913) stand immer im Schatten von »Little Nemo in Slumberland« (1905–1914), obschon beide Serien mehr oder weniger gleichzeitig entstanden, parallel liefen und auch eine grosse inhaltliche Verwandtschaft aufweisen: Auch in »Dream of the Rarebit Fiend« geht es um Träume – zumeist Albträume –, in welche die »käse-toastsüchtigen« Protagonisten wegen ihres übermässigen Genusses von geschmolzenem Käse abstürzen, und aus denen sie, wie Little Nemo, im jeweils letzten Bild wieder aufwachen. »Little Nemo« ist ein immer wieder neu aufgelegter Klassiker – von »Dream of the Rarebit Fiend« fehlte bisher eine brauchbare Ausgabe. Die liegt nun dank des deutschen Historikers Dr. Ulrich Merkl vor. In jahrelanger Arbeit hat er sämtliche 821 (!) Strips und Seiten ausfindig gemacht, hat aus den Vorlagen und Microfilmen druckfähige Dateien erstellt und in einem, im wahrsten Sinne des Wortes, monströsen Wälzer abgedruckt: Das Buch misst 43,5 x 31 Zentimeter, zählt 464 Seiten und wiegt 4,3 Kilo! Merkl hat sich allerdings nicht mit dem Abdruck der Comics begnügt, sondern liefert in Texten, Essays und Fussnoten aufschlussreiche Informationen über die Strips, er entschlüsselt Anspielungen, stellt sie in Zusammenhang mit dem persönlichen Leben Winsor McCays und der politischen Aktualität seiner Zeit und zeichnet auch den Einfluss von »Rarebit Fiend« auf andere Comics, Filme (»Mary Poppins«, »Charlie and the Chocolate Factory« etc.) und vieles mehr nach. Dieses Buch rückt »Dream of the Rarebit Fiend« in ein neues Licht: Der zumeist schwarzweisse Strip ist düsterer als »Little Nemo«, weniger niedlich, dafür erwachsener, und laut Merkl muss er McCay lieber gewesen sein, da dieser viel mehr Persönliches einfliessen liess. Aus Platzgründen sind im Buch nicht alle Strips abgedruckt – dem Buch beigelegt ist aber eine DVD mit sämtlichen Strips und weiteren Informationen, einem sehr hilfreichen Register, mit dem man Strips nach Themen suchen kann, Ausschnitten aus McCays frühen Zeichentrickfilmen etc. Und das alles für geradezu läppische Euro 89.–. Um den Preis so niedrig halten zu können, gibt‘s das Buch nur per Mailorder beim Herausgeber selber.

Christian Gasser



Winsor McCay
»Dream of the Rarebit Fiend«.
Herausgegeben von Ulrich Merkl
464 S., Querformat, Hardcover
€ 89.– plus Versandkosten,
www. rarebit-fiend-book.com

Unerforschte Regionen

Er ist unbestreitbar einer der bedeutendsten Comic-Künstler. Alleine durch Jean Girauds schizophrenen Werkkatalog, der sich in die Arbeiten von Gir und die von Moebius gliedert, nimmt er eine Sonderstellung ein. Als Gir hat Giraud mit der Endlosserie »Leutnant Blueberry« den Western-Comic in epische Breiten getragen. Als Moebius brach er in den 70er Jahren unter dem Deckmantel der Science Fiction in unerforschte Regionen des Comics vor – sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch. Zwei Klassiker von Moebius erscheinen dieser Tage neu. Mit den textfreien Geschichten um »Arzach«, der auf seinem Flugvogel durch seltsame Landschaften gleitet, entfaltete Moebius ab 1976 in dem Magazin Métal Hurlant eine grenzenlos fantastische Welt, die an den Underground der US-Comix der späten 60er Jahre anschloss. Mit ihrem surrealen Charakter stiessen die Geschichten aber noch einige Türen mehr auf. Die starke und gleichermassen an Psychedelik und Popart angelehnte Farbigkeit und die freie, surreale Erzählstruktur katapultierten die Comic-Kultur in neue Sphären. Darauf folgte mit »Die hermetische Garage« seine psychedelische Space-Oper um Major Grubert, die den Leser von Seite zu Seite staunend durch Raum und Zeit stolpern liess. Mit seinen Episoden für »Die hermetische Garage«, die im Gegensatz zu »Arzach« in Schwarzweiss gehalten war, lehnte er sich an die Versuche der Surrealisten an, das Unterbewusste in die Erzählung hineinzutragen. Dementsprechend sprunghaft ist die Erzählung, die sich spontan von Ereignis zu Ereignis hangelt und gerne in humoristische Meta-ebenen abschweift. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt zu seinem Haupt-werk »Der Incal«, in dem er zusammen mit Jodorowski das erzählerische Prinzip aus »Die Hermetische Garage« mit dem zeich-nerischen Ansatz von »Arzach« in Perfektion zusammenführte (die unnötige und ärgerliche Neu kolorierung der »Incal«-Gesamt auflage – auf Deutsch bei Ehapa erschienen – lässt diese Qualitäten komplett untergehen). Das Unperfekte der beiden Vorgängerwerke hat allerdings seinen ganz eigenen Reiz und transportiert die damalige Aufbruchstimmung. Die edel aufgemachten Alben entsprechen den französischen Neuauflagen.

Christian Meyer

 


Moebius
»Die Hermetische Garage«
Cross-Cult
128 S., Hardcover, farbig
€ 19.80 / sFr. 35.90

Moebius
»Arzach«
Cross-Cult
64 S., Hardcover, farbig
€ 16.– / sFr. 29.50

 

Reifeprozess

Paul ist ein selbstgerechter, zu Wutanfällen neigender Teenager, der seine Pubertät noch nicht ganz überwunden hat. Als er von der Schule fliegt, stört ihn das kaum. Nur der Verlust seines Projektes zur Schulverschönerung schmerzt ihn. Dort konnte er seine künstlerische Ader ausleben. Stattdessen muss er nun in einer Druckerei stumpfsinnige Arbeiten verrichten. Da kommt ihm der Anruf eines Freundes, der für ein Kinder-Freizeit-Projekt noch jugendliche Begleiter sucht, ganz recht. Paul stürzt sich zunächst dankbar in das Abenteuer. Das verwöhnte, egozentrische Muttersöhnchen muss aber schnell lernen, dass ein Leben in der Gemeinschaft anders als sein bisheriges Leben funktioniert. Die Kinder aus problematischen Verhältnissen führen dem wohlbehüteten Paul seine Schwächen vor. Michel Rabagliatis Debüt aus dem Jahr 2000 macht es einem zu Beginn nicht leicht. Der Einstieg fällt schwer, weil Paul weder grosse Abenteuer meistert noch Sympathieträger ist. Wer beobachtet schon gerne einen nölenden Heranwachsenden bei seinem langweiligen Leben? Aber mit dem Ferienlager an einem einsamen See kommt Bewegung in Pauls Leben, und die zwiespältige Einführung des Charakters in der Einleitung entfaltet erst jetzt ihre Wirkung. Wenn Paul sich an seiner neuen Umwelt reibt und an ihr wächst, wird »Pauls Ferienjob« zu einem klassischen Bildungsroman, der zunehmend feine Zwischentöne zulässt. Nicht nur die Kinder erziehen Paul zu einem verantwortungsvollen Erwachsenen, sondern auch die erste zart aufkeimende Liebe lässt Pauls Charakter wachsen. Dabei überhöht Rabagliati die Ereignisse nie, sondern zeigt sie als die kleinen Dinge, die zum richtigen Zeitpunkt im Leben eines jungen Menschen zu immenser Bedeutung heranwachsen können. Die Zeichnungen dieses sensiblen Porträts eines anfänglich unsensiblen Charakters sind stilistisch wie bei Rabagliatis kanadischen Kollegen Seth von der 50er Jahre Nostalgie durchtränkt. Zusammen mit einem deutlich naiveren Strich, setzt Rabigliati das Thema der Jugenderinnerung – sei sie nun autobiografisch oder nicht – adäquat um.

Christian Meyer



Michel Rabagliati
»Pauls Ferienjob«
Edition 52
148 S., Softcover, s/w
€ 17.– / sFr. 30.50

Vater und Sohn

Vater und Sohn machen einen Ausflug nach Brügge, dem »Venedig des Nordens«. Bei einem Museumsbesuch glaubt der Vater auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch (1459-1516) seinen Sohn zu erkennen. In der Tat würde der Sohn gut zu den absonderlichen Fabelwesen, welche die
apokalyptischen Phantasien des niederländischen Malers bevölkern, passen. Auf einer genauso abstrusen Schiene bewegt sich Olivier Schrauwens Geschichtensammlung »Mein Sohn«, in der ein etwa handgrosses Kleinkind mit überdimensioniertem Kopf im Mittelpunkt steht: In »Mein Junge spricht« lehrt ihm der überstolze Vater während eines Architektur- und Golfausflugs die Sätze »Die Architektur ist die Mutter aller Künste« und »Hole in One« und präsentiert den Nachwuchs seinen Freunden, die nur schwer ihr Unbehagen verbergen können. In der anfangs erwähnten Geschichte »Schrecken in Brügge« erleben die beiden einige blutige Missgeschicke. Die schönste und längste Geschichte, »Im Zoo von Antwerpen«, erzählt von einem abenteuerlichen Zoobesuch, bei dem der Junge von einem Krokodil gefressen und die Zoowärter von einem Pygmäenstamm umgebracht werden. Die Sammlung schliesst mit einer Traumsequenz des Vaters ab (»Mein Junge wächst heran«), in welcher der kleine Junge sich in rasantem Tempo erst in einen erwachsenen Mann, dann in einen dementen Greisen und schliesslich in ein Skelett verwandelt. Der Belgier Olivier Schrauwen arbeitet hauptsächlich als Animationskünstler und hat bisher Geschichten in Spirou, Robbedoes und Hic Sunt Leones veröffentlicht. »Mein Junge« hat bisher nicht nur wegen seiner surrealen Geschichten Aufsehen erregt, sondern auch wegen Schrauwens wunderbarem Zeichenstil, der durch Pastellfarben und traumähnliche Landschaften stark an die amerikanischen Zeitungscomics aus dem frühen 20. Jahr hundert erinnert, allen voran an Winsor McCays »Little Nemo«. Doch Schrauwens Erzählungen sind nicht bloss nostalgische Hommagen an die Blütezeit des Comics, sondern auch ein Versuch, problematische Verbildlichungen der frühen Comicstrips – wie zum Beispiel die stereotypischen Darstellungen der Pygmäen – mit
satirischer Phantasie ins Lächerliche zu ziehen. Wie seine Arbeitskollegen vor 500 Jahren.

Giovanni Peduto



Olivier Schrauwen
»Mein Junge«
Reprodukt, Berlin 2008
64 S., Softcover, farbig
€ 15.– / sFr. 27.40

Jugend mit Knarre

Stummer Protagonist von Ulrich Scheels Comicroman »Die Sechs Schüsse von Philadelphia« ist ein geladener Revolver aus dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem dieser von einer Dorfclique entdeckt wird, verwandeln sich die langweiligen Sommerferien in ein Abenteuer, welches der Erzähle Uwe, sein Bruder Alex und sein Freund Grolf nicht mehr so schnell vergessen werden. Mit der Waffe in der Hand startet die Clique eine kleine Expedition in ein von den Sowjets belagertes DDR-Nest namens Philadelphia, um nach und nach die Kraft und Macht dieser mörderischen Waffe zu erfahren. Die Erzählung ist nach der Anzahl Patronen, mit welcher die Waffe geladen ist, in sechs Kapitel aufgeteilt, die dementsprechende Namen »Der Erste Schuss«, »Der Zweite Schuss«, etc. tragen. Während anfangs der Revolver nur andachtsvoll bestaunt wird, und die Patronen in einem merkwürdigen und witzigen »Schweinchentribunal« in die Nasenlöcher geschoben werden, wird er bald auch benutzt. Der erste Schuss richtet sich auf einen kleinen Wald, der zweite Schuss gilt schon einem Lebewesen, einem
kleinen Vogel, mit dem dritten Schuss wird ein Apfel von Sabines Kopf geschossen. Eine Mutprobe, die das Mädchen mit den Segelohren bestehen muss, um der Clique beitreten zu können. Mit der Aufnahme eines Mädchens wird natürlich die Symbo-lik des Revolvers offensichtlich, und das Thema der Gewalt wechselt sich mit dem einer aufwachenden Sexualität der Jugendlichen ab. Bevor die Geschichte ins Unglaubwürdige driftet, passiert etwas, was in einer solchen Geschichte passieren muss. Die Jungen werden – natürlich zu spät – sich über die Gefahr einer solchen Waffe bewusst und mit einem Schlag zu Erwachsenen gemacht. Das etwas abgedroschene Thema über jugendliche Gewalt und Sexualität wird in »Die Sechs Schüsse von Philadelphia« aus einer teilweise erfrischend neuen Perspektive sowohl erzählt als auch gezeichnet. Was im Prolog als eine mit leichter Pedanterie erzählte Geschichte beginnt, entwickelt sich zu einer soliden Erzählung mit guten Charakteren. Ebenso erfrischend sind die seitengrossen Bilder, die ohne Rahmen und Sprechblasen die aufregende und zugleich schreckliche Kindheitserin-nerung einfangen.

Giovanni Peduto


Ulrich Scheel
»Die Sechs Schüsse von Philadelphia«
avant-verlag, Berlin 2008
240 S., Softcover, Duotone
€ 19.95 / sFr. 35.50

 

Drei Schatten

Es ist stets eine Herausforderung, ein Werk zu rezensieren, dessen Plot man nicht erzählen darf. Vor allem, wenn er wie bei Cyril Pedrosas Comic ein wesentlicher Bestandteil der Narration ausmacht. Der französische Autor und Zeichner deutet mit dem Titel die »Drei Schatten« zwar bereits auf das zentrale Moment seines Comics hin, doch was sich dahinter verbirgt, erfährt man erst auf den allerletzten Seiten. »Drei Schatten« ist wie ein Märchen aufgebaut. Die Geschichte ist in einer nicht näher bestimmten Zeit in der Vergangenheit angesiedelt, irgendwann im 18. Jahrhundert. In dieser Zeit wächst der kleine Joachim wohlbehütet und überglücklich bei seinen Eltern Lise und Louis in einem Haus mitten in der Natur auf. Der Wald ist sein Spielplatz und der Bauernhof der Eltern seine Schule. Das Familienidyll zerbricht, als jäh drei Schatten am Horizont auftauchen. Diese entpuppen sich als ominöse Reiter, die aus einem unerfindlichen Grund, dem kleinen Jungen nachstellen. Um der Bedrohung zu entfliehen, reist der Vater mit Joachim nach Übersee, entgegen dem Willen seiner Frau, die resigniert zurückbleibt. Es ist der Beginn einer Odyssee, auf welcher Vater und Sohn allerlei zwielichtigen Gestalten begegnen, die das Unglück anderer schamlos ausnützen. Schliesslich muss auch das Vater-Sohn-Gespann um das nackte Überleben kämpfen, wobei sie feststellen, dass sie ihrem Schicksal nicht entfliehen können. Man merkt Cyril Pedrosas voluminösem Comic an, dass er als Animationszeichner für den Disney-Konzern gearbeitet hat, unter anderem für die Filme »Der Glöckner von Notre Dame« und »Herkules«. Denn in seinem Comic »Drei Schatten« findet sich eine Ansammlung von Stereotypen und Klischees, die ebenso aus der amerikanischen Filmwerkstatt stammen könnten. Allein die Statur von Pedrosas Vaterfigur erinnert aufgrund seiner Kräftigkeit an den Disney-Herkules, dagegen ist seine Frau zierlich und feminin dargestellt. Und als Lise Rat bei einer älteren Dame sucht, begegnet sie derem einfältigen Gehilfen, der in seiner Körperlichkeit dem Glöckner von Notre Dame gleicht. Ebenso ermüdet die anfängliche Lektüre durch den klischeehaften Einsatz von Krähen, Nebel sowie der drei Reiter, zur Ankündigung des Unheils. Dennoch kann man sich einer gewissen Spannung, die dem Comic innewohnt, nicht entziehen und so legt man ihn nicht aus der Hand. Es ist Pedrosas schwungvoller Zeichenstil, der fesselt, die ausgefeilten Panels sowie die schnellen und zahlreichen Perspektivenwechsel, die dem Comic eine filmische Dynamik verleihen. Auf diesem Gebiet ist Pedrosa ein Meister seines Faches – seine ausdrucksstarken Bilder prägen sich beim Leser tief ein. Abschliessend versöhnt zudem der Plot, der der Narration eine sehr berührende Nachhaltigkeit verleiht. Ein wunderbarer Comic!

Matthias Schneider


Cyril Pedrosa
»Drei Schatten«
Reprodukt
268 S., Softcover, schwarzweiss
€ 20.– / sFr. 36.50

Ga-Netchû! Das Manga Anime Syndrom

Am Anfang war der Manga. Doch in den letzten Jahrzehnten entstand um den japanischen Comic eine ganze Industrie, die inzwischen weltweit den Markt der Comics, Animationsfilme, Computerspiele und des Merchandisings beherrscht. Manga kann man heutzutage nicht mehr solitär betrachten. Es verwundert also nicht, wenn man die japanischen Comics aufgrund dessen als »Phänomen« bezeichnet, oder wie die Katalogpublikation »Ga-Netchû!«, zu der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt im Frühjahr dieses Jahres, gar als »Das Manga Anime Syndrom«. Der Ausdruck »Syndrom« entstammt eigentlich der Medizin, und bezeichnet das gleichzeitige Auftreten verschiedener Symptome, und wird ebenso in der Soziologie verwendet, bei einer Gruppe von Merkmalen, deren gemeinsames Auftreten einen bestimmten Zusammenhang oder Zustand anzeigen. Damit weist bereits der Untertitel auf die Ausstellungskonzeption und die Auseinandersetzung der Kuratoren, Autorinnen und Autoren mit dem Thema Manga hin. Unter anderem werden in »Ga-Netchû!« die Ein-flüsse der japanischen und westlichen Kultur auf die Entstehung von Manga aufgezeigt, wie zum Beispiel die Skizzenbücher Hokusais, die allgegenwärtigen Dämonen und Geister in der Literatur und die diversen Kulte Japans sowie die britische Satirezeitschrift »The Punch«. Der Leser erhält ebenso Einblicke in die komplexen Marktstrategien und -mechanismen der Gegenwart, die bei dem Verkauf der diversen Mangaprodukte angewendet werden. Denn was eigentlich zuerst da war, der Comic, der Film, das Spiel oder die Figur, ist meist nur noch für Insider nachvollziehbar. Darüber hinaus befasst sich Jaqueline Berndt mit der Rezeption der Manga ausserhalb Japans. In ihrem Beitrag bricht sie eine Lanze für die Vielfalt des Manga, dessen Bild im Westen, unter anderem aufgrund der Verlagspolitik, eher monochrom ist. Daniel Kothenschulte untersucht die Stile des frühen Anime, von »Astro Boy« bis »Akira«, und Josef Göhlen sorgt für eine Wiederbegegnung mit der Biene Maja, Wickie, Heidi & Co., die in den 70er Jahren zwar vom ZDF co-produziert wurden, aber damals extreme Kritik in den Medien hervorriefen. Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten eroberten innerhalb von drei Jahrzehnten Manga und Anime den europäischen Kulturkreis, wie unter anderem der Goldene Bär für Miyazaki Hayaos Anime »Chihiros Reise« belegt. Dennoch ist unser Bild von Manga und Anime von Klischees geprägt, denen der Katalog »Ga- Netchû!« eloquent und fundiert
entgegenwirkt. Die Publikation weckt erneut die Lust, sich auf die Suche nach interessanten Manga zu machen, abseits des Mainstreams, von dem wir momentan überschwemmt werden. »Ga-Netchû!« gehört momentan zu den interessantesten Publikationen zu den Themen Manga und Anime.

Matthias Schneider

 


»Ga-Netchû! Das Manga Anime Syndrom«
Herausgeber: Deutsches Filminstitut
Henschel Verlag
274 S., Hardcover, farbig
€ 24,90 / sFr. 44.90