Unterwegs für Sie —
Die Gattung Roadmovie


Thomas Bodmer

Illustrationen Christoph Badoux

Er kann einem leid tun, der Farmer Dan Evans (Christian Bale): Seit dem Bürgerkrieg humpelt er, er hat Schulden, und nun hat man auch noch seine Scheune angesteckt, um ihn zu zwingen, sein Land zu verkaufen. Und was macht sein 14-jähriger Sohn Will? Er liest Schundhefte über den Outlaw Ben Wade und träumt davon, selbst mit dessen Bande frei durch die Lande zu schweifen.
Das ist die Ausgangssituation von «3:10 to Yuma» (2007), James Mangolds Western nach einer Erzählung von Elmore Leonard. (Ja, dem Elmore Leonard, von dem auch die Vorlage zu Tarantinos «Jackie Brown» stammt.) Dann wird Wade (Russell Crowe) seiner Berühmtheit zum Trotz aber doch verhaftet. Ein Vertreter der Detektiv-Agentur Pinkerton reist an, um den Outlaw bis zu jener Bahnstation zu bringen, von wo der Drei-Uhr-Zehn-Zug Wade nach Yuma und ins Gefängnis bringen soll. Unterwegs müssen sie nicht nur von Apachen bewohntes Gebiet durchqueren: Man weiss auch, dass Wades Bande alles tun wird, um ihren Chef zu befreien. Es braucht also noch eine Menge Männer, die als Begleitschutz mitreiten sollten. Die Chance, das Unternehmen zu überleben, ist allerdings gering.
Farmer Evans ist dennoch dazu bereit: Einerseits will er seinem Sohn zeigen, dass man auch als bodenständiger Bauer ein Held sein kann. Ausserdem hofft er, mit dem Lohn von 200 Dollar seine Farm retten zu können. Doch die Gefahren sind nicht nur äusserer Art: Im Lauf der Reise gewinnen der Verbrecher und der Farmer immer mehr Respekt voreinander; dagegen stellt sich heraus, dass der Detektiv einst mitgeholfen hat, Apachenfrauen und -kinder zu massakrieren.


Diesen korrupten Vertreter von Recht und Ordnung spielt kein anderer als Peter Fonda, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Denn bis heute wird er mit einer bestimmten Rolle identifiziert, derjenigen von Wyatt, dem einen der beiden Langhaarigen aus «Easy Rider» (1969), der Mutter aller Roadmovies. (Kleine Frage am Rande: Warum eigentlich hat die Duden-Redaktion beschlossen, dass «Roadmovie» sächlich sei? Weil es sich aus «das Landstrasse» und «das Film» zusammensetzt?) Generell lässt sich sagen: In Roadmovies sind die Figuren unterwegs auf der Suche nach Freiheit oder einfach nur auf der Flucht vor dem Gesetz.
In diesem Zusammenhang ist bereits der Titel «Easy Rider» von Interesse. Regisseur und Ko-Hauptdarsteller Dennis Hopper erklärte ihn folgendermassen: «Ein ‹Easy Rider› ist ein Mann, der zwar kein Zuhälter ist, aber von einer Frau, einer Hure lebt; sie liebt ihn und gibt ihm Geld.» Und Peter Fonda ergänzte: «In Amerika ist die Freiheit zur Hure geworden. Und wir alle versuchen bei ihr einen ‹easy ride›.»
Die Idee zum Film hatte Fonda, als er 1967 in Kanada auf einer Promotournee für den öden LSD-Film «The Trip» war. Er hatte sich ein paar Joints reingepfiffen und betrachtete ein Foto von sich und Bruce Dern im sensationell erfolgreichen Bikerfilm «The Wild Angels»: «Plötzlich kam mir diese Idee: ‹Ein moderner Western! Zwei Typen, die auf ihren Maschinen durchs Land brausen … und die vielleicht einen grossen Drogendeal durchziehen. Dann durchqueren sie das ganze Land, um sich in Florida zur Ruhe zu setzen. Am Schluss kommen ein paar Entenjäger in einem Pick-up-Truck vorbei und knallen die beiden ab, weil ihnen ihr Aussehen nicht passt.›»
Obschon es in Kalifornien halb zwei Uhr morgens war, rief Fonda seinen Kumpel Dennis Hopper an, erzählte ihm von der Idee und schlug vor, Hopper solle Regie führen, obschon der das noch nie getan hatte. Sofort begann man Details zu erörtern: «Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, auf Motorrädern so viel Gras zu transportieren, dass man sich davon zur Ruhe setzen kann. Es muss etwas anderes sein», meinte Hopper.
«Wie wär’s mit Heroin?», fragte Fonda.
«Nein. Heroin weckt üble Assoziationen. Aber wie wär’s mit Kokain?», schlug Hopper vor, der damit schon einschlägige Erfahrungen gemacht hatte. Damit war die Sache geritzt. Obschon Hoppers damalige Frau Brooke Hayward ihren Gatten und dessen Kumpel für komplette Loser hielt, fanden die beiden einen Produzenten, der zunächst einmal 360 000 Dollar zahlte. Bis er 1969 in die Kinos kam, sollte ‹Easy Rider› rund 500 000 Dollar kosten.
«Go west, young man, and grow up with the country», hatte der Journalist Horace Greeley Mitte des 19. Jahrhunderts gefordert. Doch in «Easy Rider» fuhren Hopper und Fonda von Westen nach Osten, und statt «mit dem Lande aufzuwachsen», dröhnten die beiden sich lieber zu – vor und hinter der Kamera. Am Schluss der Dreharbeiten konnten sie einander nicht mehr ausstehen.
Ein Jahr lang versuchte Hopper vergeblich, den Film zu schneiden. Dann wurde er in den Urlaub geschickt und sein Werk von vier Stunden auf 95 Minuten heruntergestutzt. Drin blieben technische Schnitzer, wie jene Lichteffekte, die dann entstehen, wenn direkt in die Sonne gefilmt wird. Was früher verpönt gewesen war, galt nun als Zeichen von Authentizität. Egal wie chaotisch seine Entstehung war: «Easy Rider» traf den Nerv der Zeit. Am 14. Juli 1969 wurde er in New York uraufgeführt. Im Januar 1972 hatte der Film, der eine halbe Million Dollar gekostet hatte, weltweit bereits 60 Millionen eingespielt.
In keinem Medium lässt sich das Thema Unterwegssein besser darstellen als im Film, und dramaturgisch ist nichts einfacher als ein Roadmovie: Wenn dem Drehbuchautor zu einer Situation nichts mehr einfällt, lässt er die Figuren einfach weiterreisen und anderen Menschen begegnen. Das gilt ganz besonders für «Five Easy Pieces», den Bob Rafelson 1970 mit Jack Nicholson drehte, nachdem dieser in «Easy Rider» als versoffener Rechtsanwalt Publikum wie Kritik begeistert hatte. Und es trifft auch zu auf «Thelma & Louise» (1991), worin Susan Sarandon als Kellnerin Louise und Geena Davis als Hausfrau Thelma einfach nur mal von ihren Männern wegkommen wollen. Doch dann erschiesst Louise einen Mann, der Thelma vergewaltigen wollte, und die beiden sehen sich bald von der Polizei verfolgt. Die wenig plausible Geschichte hat Ridley Scott rasant inszeniert. Der Preis für den langsamsten aller Roadmovies geht hingegen an David Lynch. In seiner anrührenden «Straight Story» (1999) tuckert ein alter Mann auf einem Rasentraktor durch die USA, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen.

Wie alle Filme haben auch Roadmovies eine psychologisch wichtige Funktion: Die Figuren tun allerhand Dinge, die wir zwar aufregend finden, aber lieber nicht am eigenen Leib erfahren möchten. Wenn die Hauptfigur von «Into the Wild» (2007) sich von der Zivilisation verabschiedet und schliesslich in der Wildnis elendiglich verreckt, können wir Couchpotatoes uns mit wohligem Grauen im Sessel zurücklehnen und uns auf das Essen nach dem Kino freuen.
Ein weiterer Vorteil von Roadmovies sind die Schauwerte: Wenn die Handlung nicht viel hergibt, kann man sich immer noch sattsehen an schönen Landschaften. In der Beziehung dreht uns Jim Jarmusch mit seinem zweiten Film «Stranger Than Paradise» (1984) eine lange Nase. Da stehen die beiden New Yorker Hipster Willie (John Lurie) und Eddie (Richard Edson) in Cleveland vermutlich am Ufer des Erie-Sees – man weiss es nicht wirklich, denn es herrscht dicker Nebel –, und Eddie sagt: «Irgendwie komisch: Da kommst du an einen neuen Ort, und es sieht genau gleich aus wie anderswo.» So viel zum Thema «Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.»
«Ja, gibt es denn nur amerikanische Roadmovies?», höre ich Sie fragen.
Nein. Aber diejenigen von Wim Wenders etwa, wie «Im Lauf der Zeit» (1975) oder «Paris, Texas» (1983), nehmen explizit Bezug auf die Tradition des amerikanischen Kinos. Das gilt ebenso für Godards «Week-end» (1967) oder «Pierrot le fou» (1965). Den kuriosesten europäischen Vertreter der Gattung Roadmovie hat Aki Kaurismäki geschaffen. In «Ariel» (1988) fährt ein arbeitslos gewordener Bergarbeiter aus Lappland im weissen Cadillac eines Kollegen, der sich umgebracht hat, gen Süden. Das Blöde ist nur: Der Cadillac ist ein Kabrio, dessen Verdeck heruntergelassen wurde, und so viel der Arbeitslose auch daran herumzerrt, das Verdeck bleibt einfach unten. So wickelt er sich halt einen Schal um den Kopf und gibt Gas.
1979 drehte der Amerikaner John Byrum «Heart Beat». Er beruht auf Carolyn Cassadys Autobiografie «Heart Beat: My Life with Jack and Neal». Der Jack im Untertitel steht für Jack Kerouac, Autor des literarischen Roadmovies «On the Road», und Neal ist Carolyns Mann Neal Cassady, das reale Vorbild des «On the Road»-Helden Dean Moriarty. Der Film ist toll besetzt mit Sissy Spacek als Carolyn, Nick Nolte als Neal und John Heard als Kerouac; angesichts der von Kerouac beschriebenen Exzesse allerdings auch von unglaublicher Harmlosigkeit.
Nun liest man, dass der brasilianische Regisseur Walter Salles, der in «Central do Brasil» (1998) einen Neunjährigen auf Vatersuche von Rio de Janeiro in den Nordosten Brasiliens reisen liess und in dessen «Diarios de motocicleta» (2004) Gael Garcia Bernal als junger Che Guevara auf dem Töff durch Südamerika brauste, «On the Road» verfilmen will. Geplant ist der Film für 2009. Wie schon die Reisegefährten in «The Lord of the Rings» gesungen haben: «The road goes ever on and on.»