Auf der Strasse


Wolfgang Bortlik

1. Unterwegs war man schon immer.
«Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor, und spielte und sang, auf der Landstrasse fortgehend: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die grosse Welt…» So erzählt circa 1826 der Taugenichts bei Joseph von Eichendorff von sich und seinem Reisedrang. Dieses gewaltige Stück Romantik, das einen immer noch unerhört verzaubern kann, hat selbstverständlich einen materiellen Boden. Der Vater hat den Taugenichts zum Teufel gejagt, er soll sich sein Auskommen selber suchen.
Unterwegs war man nicht nur aus Vergnügen und Unruhe, sondern auch aus materieller Notwendigkeit. Arbeitsplätze waren früher schon knapp. Der Gang ins Ungewisse, ins Abenteuer folgte. Die Verbindungen gestalteten sich schwierig. So bekam die Vagabondage auch das verheissungsvoll Glitzernde.
Auf den Strassen trieben sich ehemalige Landsknechte, vertriebene Bauern und Landarme herum, da waren zerlumpte Mönche und Nonnen, wandernde Huren, Gaukler und Spieler, Randgruppen der Zigeuner und Juden, fahrende Schüler, deklassierte Mitglieder der Intelligenz, wandernde Handwerks­burschen und später alles, was sich in den kapitalistischen Arbeits- und Lebensprozess nicht einpassen konnte und wollte.
Mitte des 19. Jahrhunderts fand ein historischer Umbruch statt. Die Traditionen des Gauklertums und des wandernden Handwerks lösten sich auf, ihre Überreste verschmolzen mit für die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen Elementen: mobile Lohnarbeit, industrielle Reservearmee und «menschlicher Ausschuss», der im gesellschaftlichen Zurichtungsprozess überflüssig war. Oder jener Ausschuss, der sich als zu widerspenstig zeigte. Der Rebell auf der Landstrasse.
Aus dem fröhlichen Taugenichts bei Joseph von Eichendorff, dem Handwerksburschen, der seelenfroh und stressfrei das Glück einzuholen versucht, wird sozusagen der Streetfighter, der Kilometerfresser, der Flüchtige – vor was immer er auch flüchtet!
Das Bewusstwerden von Entfernung und ihrer Verkürzung ist eine sensible Geschichte. Geschwindigkeit und damit ein Distanzproblem der Flucht wird schon im 19. Jahrhundert erspürt: «Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur die Zeit übrig. Hätten wir nur Geld genug, um auch letztere anständig zu töten. In viereinhalb Stunden reist man nach Orléans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Wälder, vor meiner Tür brandet die Nordsee», sagt Heinrich Heine, der in Paris im selbstgewählten Exil lebt und sich vielleicht ein bisschen mehr Distanz zur alten Heimat Deutschland wünschen würde. Obgleich in diesen Worten schon auch Sehnsucht nach dem eben Verlassenen aufklingt.
Eine gewisse Mobilität ist also schon ziemlich früh da. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Vagabund meist ein Herumgestossener; einer, der mehr oder weniger intensiv Arbeit sucht und dem dabei von den Ordnungskräften ein signifikanter Name verpasst wird: Landstreicher.
Ein klassischer autobiografischer Roman aus dieser Zeit heisst «Vagabunden», verfasst von Hans Ostwald. Er beschreibt das Leben auf der Walze, die Probleme mit Gesellschaft und Gesetz, und zwar alles von einem streng proletarischen Standpunkt aus. 1900 erstmals erschienen, erlebte das Buch mehrere Auflagen, die letzte im Jahre 1980. Ostwald ist ein moralischer Mensch. Er sagt sich nicht los von der Gesellschaft, er plädiert an sie, er verweigert sich nicht, er fragt nach Arbeit, er will sich wieder eingliedern.
Ganz im Gegenteil zum Individualanarchismus: «Reisen! Weg von den Spleens! Jeder Ort hat anfangs seinen Charme: Alles ist schön – wenigstens eine Stunde lang. Weisheit heisst, nicht zu verweilen. Weiterziehen, Eindrücke in sich aufnehmen, neue Sensationen kosten, Neuland geniessen und weiterziehen – immer weiter!» Das sagt Alphonse Gallaud alias Zo d’Axa in seinen Tagebuch-Notizen. So spricht der absolute Rebell, der sich gegen alles stellt und sich nirgends einfügen will.
Die Strasse, das Unterwegs bekommt jetzt eine neue, alte Qualität. Es ist der romantische Taugenichts, der sich wieder bewegt. Heute hier, morgen dort. Die nächsten Nomaden sind die Beatniks.

2. Das Beste, was dem Unterwegssein, der scheinbar ziellosen Bewegung überhaupt passieren konnte, war die Erfindung des Automobils. Geschwindigkeit und andere Drogen, das Fahren ohne Anzukommen. Das war jetzt angesagt, das schwappte aus den USA herüber und tief ins kriegszer­klopfte Europa hinein. Hier war alles kaputt. Schuttberge türmten sich, versperrten den Weg. Neue Grenzen, alte Mauern, alte Grenzen, neue Mauern. Drüben in den USA ging es ohne Hindernis quer durch den Kontinent. Da war Platz, da war Horizont, da ging es immer weiter. Statt der Rinderherden, die von Old Schweineherz John Wayne angetrieben wurden, bretterten Trucks und Busse durch die amerikanische Weite. Sex und Verbrechen wurden nun als Gegenentwurf zur Gesellschaft extra betont. Jack Kerouacs «On the road» war der krasse Gegensatz zu bürgerlichen Vorstellungen von Sesshaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und geregelter Arbeit. Die Beatniks und ihre anverwandten Stämme postulierten als pseudoethischen Entwurf die Suche nach «Intensität» in allen Lebensbereichen.
«Ich sehe keine Grösse in mir... Ich bin ein unbedarfter, kindlich-seichter Schwachkopf von einem Halbwüchsigen, dem nicht so ganz wohl ist in seiner Haut.» Neal Cassady, der dies von sich sagt, war wahrscheinlich primär ein Psychopath. Autos, Diebstahl und Sex, homo- oder heterosexuell, dominierten seine Jugend. Zwischen 14 und 21 soll er um die 500 Autos gestohlen haben. Er ist der Dean Moriarty in Jack Kerouacs «On The Road» und die obige Erkenntnis war sein eigentliches Problem. Er wollte nicht so, er wollte eigentlich anders leben. Er wollte kein Kleinkrimineller, sondern ein Künstler sein. Er wollte wie Jack Kerouac Bücher schreiben. Oder wie Allen Ginsberg Gedichte. Aber Kerouac und Ginsberg missbrauchten Cassady wiederum mit ihrer Idealisierung.
Es kamen ja auch noch die Drogen dazu. Was immer es auch war. LSD war ab 1965 das Riesending. Die Reise ging nun auch plötzlich nach innen los.
Cassady, der auch «Speed Demon» genannt wurde, war stets der Fahrer. Er konnte das Herz des Motors hören. Er sass mit Sonnenbrille und überdimensionierten Kopfhörern am Steuer des ehemaligen Schulbusses, in dem die Merry Pranksters von West nach Ost durch die USA bretterten und die Segnungen von LSD unter die Bevölkerung bringen wollten. Chefideologe der Pranksters war Ken Kesey. Der war mit seinen Romanen «Einer flog übers Kuckucksnest» und «Manchmal ein grosses Verlangen» gerade ziemlich bekannt geworden. Im April 1965 und im Januar 1966 war er zweimal wegen Marihuana-Besitzes verhaftet worden. Kesey floh nach Mexiko und kam wieder zurück, Paranoia im Gepäck und das Verlangen nach dem Trip. Nicht nur dem im eigenen Kopf, sondern auch dem mit dem Bus, quer durch Amerika. Mit Cassady am Steuer, quer durch den Kontinent, hinüber an die gute, alte Ostküste zu Doktor Tim Leary, der LSD «wissenschaftlich» verabreichte und sich fast in die Hosen machte aus Schiss vor diesen verladenen und verlausten kalifornischen Hippies und Acid-Heads.
Eine europäische und urbane Variante des «On the road» ist das Umherschweifen der Situationisten. Das Vermessen der Stadt, das Stammesbewusstsein nomadisierender Individuen, das herrschaftsfreie Spiel und Zusammensein. Die Jugend ist es, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Proletariat als revolutionäres Subjekt ablöst. Bis sie dann 1968 aus irgendwelchen Gründen als überkandidelte Studentenschaft die Macht übernehmen will und deswegen die Strasse verlässt. Das passt der öffentlichen Ordnung auch heute noch bestens ins Konzept, die leeren Strassen, die verlassenen
Pisten, während die Warenhäuser voll sind…

 

Aufstellung

Joseph von Eichendorff
«Aus dem Leben eines Taugenichts»
Reclam Universalbibliothek
Band 2354, Softcover, Euro 2.60 / sFr. 4.80

Hans Ostwald
«Vagabunden. Ein autobiografischer Roman»
Campus Verlag 1980
229 S., antiquarisch möglicherweise erhältlich

Zo d’Axa
«Leben ohne zu warten. Von Mazas nach Jerusalem»
Edition Nautilus 1984
143 S., antiquarisch möglicher­weise erhältlich

Jack Kerouac
«Unterwegs
rororo Taschenbuch
384 S., Euro 8.95 / sFr. 16.80

Tom Wolfe
«The Electric Kool-Aid Acid Test»
Heyne Taschenbücher
464 S., soll im Februar 2009 neu aufgelegt werden. Euro 9.95 / sFr. 18.90

Ken Kesey
«Einer flog übers Kuckucksnest»
rororo Taschen­buch
352 S., Euro 8.95 / sFr. 16.80

Jean-Michel Mension
«Wir haben unsere unfertigen Abenteuer gelebt.
Eine Jugend im Paris der fünziger Jahre»
Edition Tiamat 2002
Taschenbuch, 128 S., Euro 17.– / sFr. 30.80

Ansonsten gibt es doch einiges an Literatur über die hier namentlich genannten Helden der Landstrasse. Man kann das ja heutzutage einfach in die Suchmaschine irgendeines Computers eingeben und, schwupps, fahren andere für dich auf der Strasse, sind für dich unterwegs.