DIE KUNST ALS KRAMLADEN


Christian Gasser

Er freue sich auf diese Monografie, sagte Gary Panter im Oktober 2007, sie sei für ihn sehr wichtig. Wir sassen in einem abgetakelten Unterrichtsraum der School of Visual Arts in Manhattan und warteten auf seine Studenten. Er hoffe, fuhr Gary Panter fort, und seine Stimme hallte im hohen Raum wider, endlich auch als Maler und Zeichner wahrgenommen zu werden.

Im Frühjahr 2008 erschien sie endlich, die grosse Gary-Panter-Monografie: Zwei in Leinen gebundene Hardcover-Bände im Schuber, 686 Seiten schwer, mit über 1000 mehrheitlich farbigen Abbildungen, die dankenswerterweise vor allem sein bisher weniger sichtbares Werk zeigen: Der erste Band konzentriert sich auf Panters Gemälde von 1972 bis 2007; sie werden ergänzt mit Fotos von seinem mit dem Fernseh-Oscar Emmy ausgezeichneten «Playhouse» des Komikers PeeWee Herman, mit Plattencovers, Konzertplakaten, Spielzeugen, psychedelischen Lichtshows und – Panters jüngste Leidenschaft – Modellhäusern aus Wellpappe.
Der zweite Band präsentiert mehrere hundert (Doppel-) Seiten aus Panters Skizzenbüchern der Jahre 1969 bis 2002, dazu Essays, Kommentare, Interviews. Über vier Kilo Bilder, schwindelerregend viel und beglückend stark, die bestätigen, was STRAPAZIN seit Jahr und Tag behauptet: Gary Panter ist einer der grössten und einflussreichsten amerikanischen Künstler der letzten 30 Jahre.

Stilbrüche
Der 1950 geborene Gary Panter ist ein nord­amerikanischer Künstler, wie er authentischer kaum sein kön­nte. Im tiefsten Texas als Sohn eines fundamentalistischen Predigers, Kleinkrämers und Sonntagsmalers aufgewachsen, zieht er 1976 nach Los Angeles und gibt der US-Punkszene mit seinem Comic-Antihelden Jimbo ein Gesicht. In den frühen achtziger Jahren lässt er sich in New York nieder, wird zum Hauszeichner von Art Spiegelmans RAW-Magazin und ist in denselben Galerien und Ausstellungen zu sehen wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat.

Er erklärt den Stilbruch zum Stil und verdichtet ohne Scheu und Hemmungen alles, was ihm in die Hände fällt, zu einem alle Grenzen und Kategorien sprengenden Mix: Comics, Kunst, Illustration, Fernsehunterhaltung, Multimedia-Animation und Musik. Wie seine Comics, in denen er frei mit Zeichenstilen und nicht-linearem Erzählen experimentiert, stecken auch seine Bilder voller Widersprüche sowie Spannungen. Die von Comics inspirierten Figuren und der narrative Gehalt reiben sich an abstrakten Kompositionen; vordergründig Niedliches prallt auf hintergründig Mon­ströses und Zerrissenes (oder umgekehrt). Und alles immer knallbunt. Panters heimliches, aber bis auf kurze Auszüge in einschlägigen Zeitschriften und Anthologien (The Ganzfeld, Kramer‘s Ergot, STRAPAZIN) weitgehend unsichtbares Hauptwerk sind zweifellos seine Skizzenbücher, in die wir hier erstmals einen repräsentativen Einblick erhalten. Ob er Dinosaurier oder Pin-Ups zeichnet, Reiseimpressionen einfängt oder auf dem Dach seines Ateliers sitzend wieder und wieder die rauchenden Türme des World Trade Centers festhält – Panters Strich ist schmutzig, aber von verkappter Virtuosität und vor allem von unbändiger Kraft.

Leben statt Ruhm
Das ist Pop-Art im wahrsten Sinn des Wortes – und gleichzeitig ist Panter der Anti-Roy-Lichtenstein schlechthin. Er zitiert die Welt und die populäre Kultur nicht, um sie zu rekontextualisieren und zu «Kunst» und damit zu Geld zu machen. Sie bleiben für ihn erlebte Wirklichkeiten. Er steckt mittendrin und stellt die vitale Originalität des Trivialen und das triviale Potential des Hochkulturellen aus, ohne sich um etwaige kulturelle Schwerkräfte zu kümmern.

Diese Offenheit und Vorurteilsfreiheit sorgen jedoch für seinen problematischen Status auf dem Kunstmarkt. Natürlich möchte Panter ein berühmter Künstler sein – obwohl er sich den grundsätzlichen Gesetzen des Kunstmarktes immer verweigert hat, indem er, statt ein klar wiedererkennbares Image aufzubauen, lieber seinen Neigungen nachging. Deshalb wurden Haring und Basquiat berühmt und nicht er. Ob ihn das nicht frustriere, fragte ich ihn, während die Studenten den Raum betraten. Er blickte mich einen Moment lang an. «Nun», entgegnete er mit einem leisen Lächeln, «dafür bin ich noch immer am Leben …»

Vielleicht ist die Zeit Gary Panters nun gekommen. Was erhofft er sich sonst noch von der Monografie? «Well», erwiderte er, denn grosse Schlussworte sind nicht sein Ding, «hoffentlich fallen die Bücher niemandem auf den Kopf. Denn sie sind verdammt schwer.»

 

 


Dan Nadel (Hrsg.)
«Gary Panter»
(mit Texten von Mike Kelley, Robert Storr, Richard Gehr, Karrie Jacobs, Byron Coley, Doug Harvey;
Picturebox, New York 2008
686 Seiten, 2 Leinenbände im Schuber,
USD 95.– www.picturebox.com

Gary Panter im STRAPAZIN:
Ausgaben 41, 53 (mit Porträt), 57, 72 (mit Porträt), 76 und 80.