Neues von der Front

Von Wolfgang Bortlik


... dass ich am liebsten nur noch deswegen am Computer sitzen möchte, um meine persönliche Bestleistung im „Spider Solitär“ aus dem Jahr 2008 zu verbessern.
Die transkontinentale Vereinigung hoffnungsloser Puffkröten, die sich im Kulturteil oder im Feuilleton von gedruckten und ausgestrahlten Medien mopsig macht, ist wieder besonders laut. In den elenden Kämpfen gegen den Abbau des eigenen Arbeitsplatzes gestählt, geben die angestellten Literaturkritiker wieder Lebenszeichen. Sie sehen sich gerne aufgeregt in hochgepeitschter Fantasie, als Jubelperser beispielsweise: 200 Jahre Edgar Allan Poe standen Anfang 2009 an. Später im Jahr dräut dann zumindest Poes 160. Todestag. Schreibt irgendwer irgendetwas Originelles? Nein! Alle kennen nur den Grusel-Poe. Poch poch. Schauder! Kommt wenigstens einer auf die Idee, bei fähigen Kräften wie Arno Schmidt oder in der umfassenden Biografie von Frank T. Zumbach nachzuschauen. Nein! Es weiss auch keiner, dass Poe ein Komiker und Satiriker von hohen Graden war (siehe Erzählungen wie „The Literary Life of Thingum Bob“ oder „The Devil in the Belfry“). Sogar der gruselige Höhepunkt in Poes Meistererzählung „Der Untergang des Hauses Usher“ ist eigentlich komisch: Akustisch wird das Auftauchen der scheintoten Lady Madeline mit der Lektüre einer erfundenen, äusserst kitschigen Rittergeschichte verbunden. Dass sich der alte Poe so extrem fürs lebendig Begrabene interessiert und es thematisiert hat, lag an der Epoche. Damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ging man davon aus, dass jeder zehnte Begrabene scheintot ist. Diese Urangst hatte enorm Konjunktur und bald gab es einen schwunghaften Handel mit Sicherheitssärgen, die innen Glocken und andere Alarmsysteme hatten. Literatur ist nicht tot, sie riecht nur ein bisschen sonderbar.
Dann gibt es für die Literaturkritik noch das Tagesgeschäft: Bücher, die gegen Herbst vielleicht einen deutschen oder schweizerischen Literaturpreis abholen werden. Jetzt kann man ja immer mal wieder Prophet spielen. Auch das neue Buch eines Preisträgers treibt das Feuilleton um. Sentenzen wie „Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiss nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fliessen alle ineinander“, sagen zwar nicht viel oder gar nichts aus, lassen aber dem entzündeten Kritiker den heiligen Brand an den Innenseiten der Oberschenkel herunterlaufen.
Wenn es nun aber (zwangsläufig) immer dieselben Geschichten sind? Tausendmal gehört, hundertmal gelesen. Und wenn diese Geschichten einfach langweilig sind? Jedenfalls trompetiert die Buchmarkt-Krawallerie aufs Intensivste: Das neue Buch von Daniel Kehlmann ist da. Nur nebenbei: Als es so um 1965 einmal hiess, die Rolling Stones seien da, meinte mein Münchner Grossvater nur: „Wern schon wieder geh a!“ Das nenne ich einen Satzbau von wunderlicher Eleganz: Werden schon wieder gehen auch!
Dieses Getue um die Macht der Geschichte, die Geschichte, die quasi als literarischer Erlösungsersatz herhalten muss – Scheherazade, die um ihr Leben 1001 Nacht lang Geschichten erzählt –, dieses Getue wird immer aufdringlicher. Aus gutem Grunde: Die literarischen Produzenten, Vermittler und Rezensenten sind ratlos. Gerne zitiere ich hier eine auch schon ältere literarische Position aus den U.S.A.: „Scheherazade runs out of plots, goes on talking, the king, puzzled, listens.“ Die professionellste aller Geschichtenerzählerinnen hat keine Geschichten mehr, erzählt aber dennoch weiter. Der König ist zwar verwirrt, hört jedoch weiter zu. Interessant ist, dass schon Edgar Allan Poe eine Erzählung über die 1002. Geschichte der Scheherazade geschrieben hat. Die verklickert ihrem König da Stories von den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Erfindungen, die der Herrscher selbstverständlich fast nicht glauben kann. Dass er verwirrt ist, wird der König bzw. Literaturkritiker nie zugeben. Schon wieder wird in einem Printmedium ein Fünftel der Redaktoren auf die Strasse gesetzt. Da darf man selbstverständlich nicht durch eine Position auffallen und muss sofort mit den Schosshündchen heulen.
Dennoch hier ein paar Geschichten, die noch nicht so abgegriffen sind:
In Vigo, der nordwestspanischen Hafenstadt, ist der Inspektor Caldas wohlbekannt. Er gibt nämlich im lokalen Radio Tipps und Hinweise, in einer Sendung mit dem genialen Namen „Hörfunkstreife“. Sein eigenes Leben hat Caldas aber nicht so im Griff und nun liegt ihm auch noch ein ziemlich übler Mord an dem schwulen Saxofonisten mit den wunderbaren wasserblauen Augen auf dem Magen. Bald führen Spuren zu einem einflussreichen Kunstmäzen der Stadt. Caldas und sein ziemlich schnell hyperventilierender Assistent Estevez verdächtigen allerdings den Falschen. Ein ausgeschlafener Who-dunit-Krimi mit einer überraschenden Wendung aus einer weniger bekannten Gegend Europas. Die Spannung ist wohl gesetzt, der Held sympathisch-skurril, die politische und kulturelle Ausrichtung des Romans ist okay. Der Autor des Krimis, Domingo Villar, lebt als Exil-Galicier in Madrid und hatte mit seinem ersten Krimi grossen, preisgekrönten Erfolg. Gutes Lesefutter!
Der heilige Eddy ist alles andere als heilig. Er ist ein Trickbetrüger, der ziemlich raffiniert vorgeht und das der Leserschaft auch ordentlich erklärt. Dann passiert Eddy ein Faux-pas, bei einem Gerangel mit ihm verunglückt Hotte König, der meistgehasste Kapitalist von Berlin, tödlich. Eddy entsorgt die Leiche, und wie er das macht, das ist schon die Lektüre dieses Buchs wert. Bis Seite 218 des Romans läuft alles prima, aber dann muss der Autor langsam zu Potte kommen, er muss den Roman beenden, die Geschichte abschliessen, die Storen runterlassen, den Höllenhund auf die Strasse jagen und das Hoftor verbarrikadieren. Dummerweise hat sich Eddy mittlerweile in Hotte Königs Tochter verliebt. Nunmehr geht der Autor des Romans, niemand anderes als Jakob Arjouni, den Weg des geringsten Widerstands. Er lässt den von der Liebe gebeutelten Eddy bereuen und – eben! – heilig werden. Eigentlich schade! Dennoch ist Arjounis neuer Roman ein fieses, raffiniertes kleines Meisterstück – zumindest solange Eddy nicht heilig ist.
Auch als Jubiläum in diesem Jahr: Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Vor 90 Jahren verglomm sozusagen der letzte Hoffnungsschimmer der Novemberrevolution. Ja, junger Mensch, so etwas wie eine Deutsche Revolution hat es mal gegeben. Der politische Mord an Luxemburg und Liebknecht war der originäre Sündenfall für alle späteren mörderischen Rechtsbeugungen, wie etwa bei den Nazis. Noch im Jahr 1962 urteilten bundesdeutsche Behörden, dass Rosa Luxemburg standesrechtlich erschossen worden wäre. Dass das ein Justizskandal sondergleichen und dass die Erschiessung der beiden Kommunisten kaltblütiger Mord war, zeigt der Sozialwissenschaftler und Regisseur Klaus Gietinger in gleich zwei neu erschienenen Büchern. Feder-, wenn nicht sogar revolverführend bei den Morden war ein gewisser Waldemar Pabst, einer der grösseren Schweinehunde des 20. Jahrhunderts. Nach dem Mordkomplott organisierte der Offizier Pabst die internationalen faschistischen Kräfte und besorgte ab 1940 notwendige Rohstoffe für das Dritte Reich, vor allem aus der Schweiz. Dorthin emigrierte er auch unter der Vorspiegelung, er sei Antifaschist. Bis zu seinem Tod 1970 war Waldemar Pabst im internationalen Waffenhandel tätig.
Der endlich erschienene erste Roman des Basler Schriftsteller Daniel Zahno kommt zuerst daher wie eine Auftragsarbeit für darbende Verleger. Erfolgsschematisch angelegt für Leser wie Feuilletonisten: Schauplatz Venedig, Thema Liebe und Eiscreme, eine Education sentimentale eines etwas gehemmten jungen Mannes. Allerdings hat sich das Unglück oder das Pech hartnäckig an die Fersen des Romanprotagonisten geheftet. Er wird nicht nur wegen einem Eisdessert schwer krank, kaum hat er die grosse Liebe seines Lebens gefunden, stirbt ihm die bei einem etwas allzu symbolgeladenen Anlass weg. Zahno schreibt flüssig und elegant und gerade der Kontrast zwischen bitterem Unglück und süsser Glacé macht den Roman lesenswert.
Die Rockmusikkritik zur Kunstform erhoben hat Lester Bangs. Endlich ist seine Sammlung von epischen Kritiken, persönlichen Ansichten, peinlichen Geständnissen, klarsichtigen Analysen, ästhetischen Selbstzweifeln und politischer Wahrhaftigkeit auf Deutsch erschienen. Bangs, 1948 geboren, starb 1981 an einer Tablettenunverträglichkeit bzw. an seinem wilden, schnellen Leben. Liest man seine Sachen heute, dann staunt man über die Luzidität dieses hemmungslosen Fans. Was er über Iggy und die Stooges oder „Wild Thing“ von den Troggs schreibt, ist nicht nur ästhetisch wertvoll, sondern sozusagen ein Lebensmanifest. Zu Lou Reed hat Bangs ein eher gespaltenes Verhältnis, aber wenn er jemanden hasst, dann hasst er ihn wirklich und schreibt ihn in Grund und Boden. Kurz vor seinem Tod erlebte Bangs noch anlässlich einer Tournee mit The Clash den Punkrock und sein Zeugnis von den Begleitumständen dieser Englandtour ist ein wunderlich-wunderbares historisches Dokument.

 

Playlist:

Edgar Allan Poe
«Der Untergang des Hauses Ascher» –
in der Übersetzung von Arno Schmidt, zum Beispiel
in der Werkausgabe des Haffmans Verlags/Zweitausendeins.
Antiquarisch suchen!

Frank T. Zumbach:
«E. A. Poe. Eine Biographie»
Patmos Paperback, 732 Seiten
Euro 9.95 / sFr. 18.60

Domingo Villar:
«Wasserblaue Augen»
Unionsverlag, 218 Seiten
Euro 16.90 / sFr. 29.90

Jakob Arjouni
«Der heilige Eddy»
Diogenes Verlag, 246 Seiten
Euro 18.90 / sFr. 33.90

Klaus Gietinger
«Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs»
Nautilus Flugschrift, 192 Seiten
Euro 13.90 / sFr. 25.90

Klaus Gietinger:
«Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere».
Edition Nautilus, 544 Seiten
Euro 39.90 / sFr. 67.–

Daniel Zahno
«Die Geliebte des Gelatiere»
Weissbooks, 200 Seiten
Euro 16.80 / sFr. 28.90

Lester Bangs
«Psychotische Reaktionen und heisse Luft.
Rock’n’Roll als Literatur und ­Literatur als Rock’n’Roll»
Edition Tiamat, 400 Seiten
Euro 19.80 / sFr. 35.90