Der amerikanische ­Underground-Künstler
Rory Hayes (1949 – 1983)
Monster, Zombies und Teddybären

Porträt von Christian Gasser

Schon in seiner Kindheit zeichnete Rory Hayes Comics um einen knuffigen Teddybären. Die Abenteuer des merkwürdigerweise Patrick Pooh getauften Stofftiers waren jedoch alles andere als niedlich und nett – Rory Hayes war bereits als Kind besessen von Horrorgeschichten aller Art und drängte seinen Teddy, das kranke Alter Ego des gemütlichen Kinderbuchstars, in immer bizarrere und unheimlichere Albträume.
Der am 8. August 1949 geborene Rory Hayes wuchs in San Francisco auf und rutschte ganz natürlich in die Underground-Comix-Szene rein, die sich ab Mitte der 1960er Jahre in Haight-Ashbury zu bilden begann. Er jobbte in Gary Arlingtons legendärem Comic-Laden San Francisco Comic Book Company und war anfänglich der schüchterne Beobachter der Szene, der die dort verkehrenden Grössen nicht anzusprechen wagte. Diese wurden jedoch bald auf seine ungewöhnlichen Bildwelten aufmerksam, er wurde zum Schützling von Robert Crumb und Bill Griffith und veröffentlichte 1968 die erste Ausgabe seines Comic-Books Bogeyman („Butzemann“).
Rory Hayes war ein Autodidakt, sein Stil ist roh und primitiv, und ebenso roh und primitiv ist seine Erzählweise – das vertieft die verstörende Wirkung seiner Horrorgeschichten. Die Schreckensvisionen flossen ungefiltert aus Hayes‘ Gehirn auf das Papier, seine kruden und fiebrigen Stories um Horror, Gewalt und Sex wirken wie Drogenhalluzinationen und gingen weit über das hinaus, was in den Underground-Comix üblich war.
Hayes war ein Aussenseiter auch in der Underground-Szene, er war der Primitive, der an der Schnittstelle zwischen Comics, Outsider Art und Art Brut arbeitete. Ein paar Jahre lang, bis 1976, war Hayes produktiv, veröffentlichte drei Bogeyman-Hefte und das wüste pornographische Cunt Comics (1969) und tauchte in angesehenen Underground-Gazetten wie Bijou Funnies und Arcade (herausgegeben von Bill Griffith und Art Spiegelman) auf.
Dann forderte Hayes Drogenkonsum seinen Tribut; er war unfähig zu konstanter Arbeit, veröffentlichte immer weniger, fiel mehr und mehr aus der Comic-Szene hinaus und starb am 29. August 1983, erst 34jährig, an einer Überdosis.
Rory Hayes war zwar eine Randfigur der Underground-Comix und wäre heute vermutlich nur noch eine Fussnote in der Comic-Geschichte wert – hätte er nicht einen so nachhaltigen Einfluss ausgeübt. Am sichtbarsten ist seine prägende Wirkung auf den anderen grossen Primitiven und Aussenseiter des amerikanischen Comics, Mark Beyer, und auf weitere Künstler aus dem RAW-Umfeld, die wiederum zahlreiche jüngere, vor allem europäische Zeichnerinnen und Zeichner beeinflusst haben. Ausserdem erschloss Hayes‘ Nähe zu Outsider Art und Art Brut dem Comic neue inhaltliche und gestalterische Räume.
Deshalb ist es höchst erfreulich, dass Rory Hayes‘ Arbeit endlich in Buchform vorliegt. „Where Demented Wented“ versammelt seine besten Comics neben vielen Zeichnungen, Skizzen, Gemälden und sogar Comics aus Hayes‘ zarter Jugend. Ergänzt wird das Buch um einen ausgezeichneten Essay von Edward Pouncey (a.k.a. Savage Pencil) und ein einfühlsames Portrait von Rorys Bruder Geoffrey Hayes.

Rory Hayes
„Where Demented Wented“.
Hrsg. Dan Nadel und Glenn Bray
Fantagraphics Books, Seattle, 2008
144 S., Softcover, s/w und farbig
US$ 22.99


 

„Alle hassen Rory Hayes, aber ich liebe ihn.
Er ist ein grosser amerikanischer Primitiver.“
(Robert Crumb)

 

„Rory Hayes war das echte Ding; ein echter ‚outsider artist‘. Bis heute bewahrt seine Arbeit ihre rohe
und primitive Kraft und taumelt in einem labilen Gleichgewicht vorwärts zwischen Chaos und Kontrolle, Wahnsinn und irgendwie rührenden Teddybären.“
(Bill Griffith)