Kurz und Gut
von Christian Meyer

Manu Larcenet hat seine Geschichte „Der alltägliche Kampf“ abgeschlossen. Darin begleitet er den von Panikattacken und Depressionen geplagten Fotografen Marco, der sich vom kiffenden Single aus Überzeugung zum etwas gefestigteren Familienvater entwickelt. Im vierten und letzten Band „Gewissheiten“ darf er an seinen Fähigkeiten als Vater zweifeln, aber nicht verzweifeln. Larcenet beschreibt die emotionalen Höhen und Tiefen des Helden unspektakulär, aber eindringlich. Alleine sein schöner Zeichenstil ist schon Trost spendend. In „Die wundersamen Abenteuer des Vincent van Gogh: An vorderster Front“ tischt uns Larcenet Folgendes auf: Van Goghs Selbstmord war nur vorgetäuscht, weil er den ihm aufgezwungenen Geheimauftrag, den Kubismus auszulöschen, sabotierte. Seit 15 Jahren lebt er nun im Verborgenen, bis man ihn zu einem neuen Geheimauftrag nötigt: Er soll erforschen, warum die Soldaten im Krieg gegen die Deutschen nicht mehr kämpfen wollen. Van Gogh muss an die Front, um die Gründe auf Leinwand zu bannen. Larcenet ist ein sarkastischer wie ernsthafter Antikriegs-Comic gelungen, der immer tiefer in den surrealen Wahnsinn des Krieges hinabsteigt. Ein berauschendes und höchst intelligentes Werk.

Manu Larcenet
„Der alltägliche Kampf – Gewissheiten“.
Reprodukt, 54 Seiten, Softcover, farbig
Euro 13.– / sFr. 21.80

Manu Larcenet
„Die wundersamen Abenteuer des Vincent van Gogh: An vorderster Front“. Reprodukt. 48 Seiten Softcover, farbig
Euro 12.– / sFr. 19.80

Reinhard Kleists „Havanna – Eine kubanische Reise“ ist ein ähnlicher Genre-Zwitter wie Craig Thompsons „Tagebuch einer Reise“. In einer Mischung aus Reisebericht und Skizzenbuch verbindet er locker seine Impressionen aus der kubanischen Hauptstadt. Klassische Comic-Passagen wechseln sich mit grossformatigen Aquarellzeichnungen und flüchtigen Skizzen ab.

Reinhard Kleist
„Havanna – Eine kubanische Reise“
Carlsen, 80 Seiten., Hardcover, farbig u. s/w
Euro 19.90 / sFr. 35.90

„Insel Bourbon 1730“ von Lewis Trondheim und Apollo erzählt vom Ende der Piraterie auf der heutigen Insel Réunion. In die Wirren zwischen Resozialisierung der Piraten und Sklavenaufstand gerät der junge Ornithologe Raphael. Inmitten dieser Konfusion muss er seinen Idealismus verteidigen. Apollo gelingt ein faszinierendes, wenn auch mit künstlerischer Freiheit gestaltetes Zeitbild einer Epoche im Umbruch. Die raffinierte Erzähltechnik überrascht mitunter durch irritierende Auslassungen. Trondheim bevölkert diese fremde Welt mit seinen bekannten Tierfiguren
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Lewis Trondheim & Apollo
„Insel Bourbon 1730"
Reprodukt, 287 S., Softcover, farbig
Euro 17.– / sFr. 27.80

Höchst surreal sind die Abenteuer, die zwei Geschwister „Im Museum“ erleben. Der Strip erscheint seit knapp zwei Jahren in der Frankfurter Rundschau und liegt hier erstmals in Buchform vor. Versehentlich über Nacht eingeschlossen, durchstreifen sie die Räume und landen wie einst Little Nemo ständig in neuen Fantasiewelten. Die kulturellen Anspielungen von Sascha Hommers & Jan-Frederik Bandels Reise durch Kunsträume sind mannigfaltig und bedürfen eines soliden Basiswissens von der Kunstgeschichte bis zum Videospiel.

Sascha Hommer & Jan-Frederik Bandel
„Im Museum – Die Treppe zum Himmel“
Reprodukt, 144 Seiten, Softcover, farbig
Euro 18.– / sFr. 29.80

Neue Abenteuer von „Didi & Stulle“ serviert Fil unter dem famosen Titel „Getötet vom Tod“. Die beiden ungleichen Berliner Proletarier-Freunde sterben, landen im Himmel und in der Hölle, geistern Jahrtausende auf der Welt umher, bevor sie schliesslich durch eine gute Tat von Gott erlöst werden und wieder da landen, wo sie hergekommen sind. Eine Schande, dass Fil mit seinen tollkühnen Geschichten nicht längst ein Star ist. Aber er ist ja auf dem besten Weg dahin.

Fil
„Didi & Stulle – Getötet vom Tod“
Reprodukt, 64 Seiten, Softcover, farbig
Euro 10.– / sFr. 16.80

Chester Browns „Fuck“ gehört neben Daniel Clowes “Ghost World”, Charles Burns’ „Black Hole“ und dem „Love & Rockets“-Cosmos der Hernandez Brüder sicher zu den einflussreichsten Graphic Novels über die Adoleszenz. Mit leichtem Tonfall, aber ohne Scham vor den privatesten Gefühlen schildert er pubertäre Unsicherheiten, Peinlichkeiten und Dummheiten. Eine herausragende Besonderheit von „Fuck“ ist die lockere Anordnung der Panels, die gezielt Momente betont oder zeitlich verlängert.

Chester Brown
„Fuck“ Reprodukt
186 Seiten, Softcover, s/w
Euro 16.– / sFr. 26.80

„Berlin – bleierne Stadt“: Kurz vor der Machtergreifung der Nazis schlagen sich die Nazibanden und die Kommunisten zunehmend auf offener Strasse die Köpfe ein. Im zweiten Teil seines detailreichen und gut recherchierten Porträts der Berliner Gesellschaft zwischen 1928 und ’33 verknüpft Jason Lutes wieder unglaublich virtuos Geschichten aus allen Gesellschaftsschichten. Seine Kunst des grafischen Erzählens treibt er hier in virtuosen ‚Kamerafahrten’ und erfindungsreichen Darstellungsformen bis zur Perfektion. Alleine seine Visualisierung eines Klarinettensolos ist atemberaubend.

Jason Lutes
„Berlin – bleierne Stadt“
Carlsen, 214 Seiten, Softcover, s/w
Euro 14.– / sFr. 24.90

Mit „From Hell“ von Alan Moore & Eddie Campell sowie Frank Millers & Geof Darrows „Hard Boiled“ macht Cross Cult zwei aussergewöhnliche Werke der frühen 1990er Jahre wieder zugänglich. „From Hell“ erforscht nicht nur die ‚Jack the Ripper’-Morde, sondern liefert ein umfassendes Bild der Welt im Übergang zur Moderne. „Hardboiled“, noch vor „Sin City“ entstanden, ist eine apokalyptische Materialschlacht: Ein Versicherungsagent rastet aus und hinterlässt eine Spur der Verwüstung und stellt am Ende fest, dass er jemand ganz anderes ist, als er zunächst dachte. Ein überbordendes, humorvolles Genre-Spiel mit irrwitzigen Zerstörungsfantasien.

Alan Moore & Eddie Campell
„From Hell“
Cross Cult, 604 Seiten, Hardcover, s/w
Euro 49.80 / sFr. 81.80

Frank Miller & Geof Darrow
“Hard Boiled”
Cross Cult, 128 Seiten, Hardcover, farbig
Euro 24.– / sFr. 39.80