Magazin

Buchtitel gezeichnet von Christian Calame


Existentieller Crash

Im Album «Nebraska» von 1982 singt Bruce Springsteen von Mördern, einsamen Menschen und der Öde des amerikanischen Hinterlands. Jeder Song erzählt eine kleine, tragische Lebensgeschichte. Springsteens Album diente dem Zeichner und Illustrator Tim Lane als Vorlage für seine Erstveröffentlichung „Abandoned Cars”. Die darin enthaltenen Kurzgeschichten handeln von verzweifelten Menschen, welche nach dem missglückten Streben nach Glück die Hoffnung aufgegeben haben. Es sind traurige Individuen, die darum kämpfen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Menschen, die auf der Suche nach dem American Way of Life wortwörtlich von der Strasse abgekommen sind. So könnte sich der Titel der Sammlung auf diesen Moment des Aufgebens beziehen, auf die Nachwirkungen eines „existentiellen Autounfalls”, wie es der Autor beschreibt. Alle Figuren in „Abandoned Cars” stehen auf der Schattenseite des amerikanischen Traums, den sich Tim Lane auf der Innenseite des Buches als eine Art Coney-Island-Amerika ausmalt: schäbige Imbissbuden mit grellen Werbebannern, Zirkusattraktionen, Musik – kurze Augenblicke, die vom harten Alltag ablenken. Amerikanische Autoren wie Raymond Carver, Denis Johnson oder der Musiker Tom Waits dienen Lane als Vorbild. Genauso Jack Kerouac, Ernest Hemingway oder John Steinbeck, auf deren Fährte sich ein Tramper in der Geschichte „Spirit” macht. Wie diese Autoren versucht Lane, die Mythen Amerikas zu erklären. So ist das Buch voll von Anspielungen auf die amerikanische Popkultur, mit der sich Lane seit Jahren auch als Illustrator auseinandersetzt. Dem auf Güterzügen reisenden Tramp erscheint der Geist von Elvis, die von vielen Folk- und Bluessängern vertonte Geschichte des Mörders Stagger Lee wird nacherzählt, die erste Seite des Buches zeigt einen jungen Marlon Brando, die letzte zeigt ihn kurz vor seinem Tod. Ebenso zitiert Lane aus der Comic-Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Seine detailreichen, düsteren Tuschzeichnungen sind von Comic-Strips aus den 40er und 50er Jahren und den EC-Horrorcomics beeinflusst, erinnern aber auch an Daniel Clowes und Charles Burnes. „Abandoned Cars” ist ein gelungenes Debüt, und das erste Buch in einer geplanten Trilogie über die Mythologie Amerikas.

Giovanni Peduto



Tim Lane: «Abandoned Cars».
Fantagraphics Books, Seattle 2008
168 S., Hardcover, s/w
US$ 22.99
www.jackienoname.com

 

Paul Pope: Comic-­Zerstörer, rebellischer Romantiker, ausserordentlicher Tintenkleckser

Paul Popes Karriere sieht wie das genaue Gegenteil dessen aus, was man von einem „ernsthaften Zeichner“ erwarten würde. Anfangs der 90er Jahre tauchte Pope, damals noch kaum zwanzig Jahre alt, aus dem Nichts auf, mit seinen beiden ehrgeizigen und eindrücklichen selbst publizierten Alben „Sin Titulo“ und „The Ballad of Dr. Richardson“. Diese beiden Titel zeigen einen kraftvollen Erzählstil, der sich um die „Grossen Themen“ Liebe, Verlust, Erinnern, künstlerische Ambitionen und natürlich um die oft vergebliche Sinnsuche dreht. Andererseits besteht Popes jüngste Publikation, an der er mehrere Jahre lang arbeitete, aus einer makaberen, düsteren Batman-Geschichte, die in einer entfernten Zukunft spielt. Aber sollten sich ernsthafte erwachsene Comic-Künstler nicht allmählich von Superhelden hin zu ernsthaften Themen wenden?
Ich bezeichne Pope als „ernsthaften Zeichner“, weil er sich selber so nennt. Seine glorreiche Werksammlung „Pulphope: The Art of Paul Pope“ ist ein Brocken von einem Buch, das sich als eine Art Katalog seiner erstaunlich grossen Produktion und seiner artistischen Aspirationen erweist. Wo jedoch ein typisches Buch über das Gesamtwerk eines Künstlers auch Beiträge von Kritikern und Experten enthalten würde, findet man in Popes Buch Beiträge von – Pope selbst. In einem halben Dutzend kurzen Texten beschreibt Pope seine Kindheit, seine Inspirationen, seinen Arbeitsprozess, seine Grübeleien und Obsessionen, sowie die Gründe, die ihn so leidenschaftlich an das Potenzial des Mediums Comic binden.
Pope liefert nicht nur Bilder, sie dienen ihm auch immer als Verpackung für seine Philosophie. Er legt grossen Wert darauf, dass man ihn als Baudelaire mit Pinsel anerkennt, als den hervorragenden Rock-Star-Cartoonisten, den Comic-Zerstörer, der das Medium retten will. Seine Texte gemahnen an Vorlesungen, allerdings solche, die das Wissen des Publikums unterschätzen; ja, manchmal scheinen seine Behauptungen zum Thema Ästhetik etwas gar abgedroschen und banal. Da und dort stimmen die Fakten nicht ganz, hin und wieder hat man das Gefühl, er wolle uns mit dem Bücherstapel auf seinem Nachttisch beeindrucken. Aber bleiben wir fair – es fällt schwer, ihm etwas vorzuwerfen, denn letztlich will er doch immer seine Leidenschaften mit uns teilen, grenzenlos und aufrichtig.
Und dann ist da die Tusche. Seine wunderbare, üppig fliessende schwarze Tusche. Flink über die Seiten huschende Tusche, die in geschmeidigen, eleganten Linien die Gestaltung der Geschichten vollendet. Wenn es darum geht, Pinselstriche aufs weisse Papier zu bringen, findet man neben Pope nur wenige, die mit ihm konkurrieren können. Wer seine Idole sind, ist klar: Hugo Pratt, Jack Kirby, Alex Toth, Jean „Moebius“ Giraud und, in neuerer Zeit, gewisse Meister des Manga, aber auch klassische japanische Holzschnittkünstler, da Pope einen Grossteil der letzten Dekade unter Vertrag bei Kodansha verbrachte. Aber er fasst all diese Einflüsse in sein ureigenes dynamisches und selbstsicheres Werk und produziert auf wunderbare Weise Alben, die die Energie und Unmittelbarkeit japanischer Kalligraphie verströmen. „Pulphope“ ist ein verblüffender Überblick über Popes zeichnerische Fähigkeiten, seien es Comic-Panels oder Poster, Buchumschläge, Skizzenbücher, Modezeichnungen oder Erotika. Ebenso gelungen ist die Ausstattung des Buches, hier muss dem Verlag Adhouse ein ganz spezielles Kränzchen gewunden werden.
Nächstes Jahr werden wir zwei neue Alben aus seiner Feder sehen, „Battling Boy“ (First Second Books) und „La Chica Bionica“ (Dargaud). Diese Titel tönen nicht so, als ob er eine Rückkehr zu ernsthaften Themen planen würde, aber ich werde sicher beide Bücher kaufen, und sei es nur wegen der Tusche.

Mark David Nevins



Paul Pope:
„Pulphope: The Art of Paul Pope“.
Adhouse Books;Richmond, Virignia, 2007 228 Seiten, farbig,
US$ 29.95

 

Katze mit Halbglatze

Hund, Katze, Maus und Vogel sind schon seit den Urzeiten des Comics Garanten für temporeichen Slapstick. Der in Brooklyn lebende Cartoonist John Kerschbaum bringt nun mit „Petey & Pussy“ eine ziemlich ungewöhnliche Variation dieser Konstellation heraus. Seine Figuren tragen Menschenköpfe auf Tierkörpern und handeln dementsprechend halb menschlich und halb animalisch. Petey, der fast kahle Hund ist ein Trottel, der seine Nase überall hineinzustecken pflegt, egal, ob es sich dabei um einen Haufen Kacke auf dem Gehsteig handelt oder um den Scotch der senilen Alkoholikerin, bei der er und Pussy wohnen. Pussy, die Katze, die eine Brille trägt und auf deren Kopf wie bei Petey eine Halbglatze glänzt, ist dagegen ein zynischer, selbstsüchtiger Miesepeter, dauernd genervt von der namenlosen Maus, die meistens in ihrem Loch sitzt und gestohlene Zigaretten raucht. Und da ist schliesslich noch der Vogel Bernie, eine suizidal veranlagte Nervensäge. Eigentlich ein trostloses Leben, könnten sich Petey und Pussy nicht hin und wieder in Johns Bar betrinken. Doch selbst dafür muss bezahlt werden mit gelegentlichen Hilfeleistungen wie dem Verscharren einer störenden Leiche.
Kerschbaums Strich ist dünn und bisweilen nervös wie seine Protagonisten, die in etwa die Gelassenheit eines Heroinsüchtigen auf Entzug ausstrahlen. Indem er in „Petey & Pussy” die schlechten Eigenschaften von Tieren mit menschlichen Neurosen und Obsessionen kombiniert, generiert er unerwartete Pointen und abstruse Situationskomik, wie man sie im Bereich des Haustier-Comics nur selten findet.

Tim Kongo



John Kerschbaum:
„Petey & Pussy“.
Fantagraphics Books, Seattle 2009
129 S., Hardcover, s/w
US$ 19.99

Batmans Abenteuer in Japan

Lord Death Man ist zweifelsohne einer von Batmans coolsten Gegenspielern. Er trägt ein schwarzes Trikot mit einem aufgemalten Skelett, und dank einer Zen-Meditationstechnik vermag er sich in eine dem Tod ähnliche Bewusstlosigkeit zu versetzen, aus der er nach Belieben wieder auferstehen kann. Kaum weniger spektakulär sind Go-Go The Magician, der das Wetter beherrscht und für seine üblen Machenschaften missbraucht, und Clayface, der dank eines Bads in einem industriell verseuchten Tümpel jede gewünschte Form annehmen kann – selbst die von Batman selber.
Diese Bösewichter stammen nicht etwa aus den amerikanischen Batman-Heften, sondern aus den Batman-Mangas, die 1966 und 1967 – auf dem Höhepunkt der globalen Batmania – von Jiro Kuwata, der durch seine Serie „8 Man“ zu grossem Ruhm gekommen war, geschrieben und gezeichnet wurden.
Bis auf die Knarre, die der japanische Batman bei jeder Gelegenheit schwingt, unterscheiden sich beide Inkarnationen der Fledermaus nicht sehr. Auch die Geschichten enthalten nicht mehr als den trashigen Superhelden-Spass um mutierende Wissenschaftler, grössenwahnsinnige Verbrecher oder einen behände die Evolutionsleiter erklimmenden Gorilla und ähnliche Schurken, den Batman-Geschichten aus den 1960er Jahren so versprechen.
Und doch ist „Bat-Manga!“ ein ausgesprochen interessantes und unterhaltsames Buch. Zum einen ist der japanische Zugriff auf diese uramerikanische Pop-Ikone interessant: Batman (beziehungsweise Bruce Wayne) und Robin tragen zierliche Gesichtszüge, während Gotham City und seine Bevölkerung auf einige wenige ’exotische’ Klischees reduziert werden und nie die prägende Rolle spielen, die ihnen im originalen Batman zukommt. Zum anderen ist die zeichnerische Dynamik, mit der Batman und Robin sich durch ihre Abenteuer schlagen, schlicht atemberaubend. Neben den Zweikämpfen mit Lord Death Man wirken vermutlich sämtliche Batman-Seiten aus den 1960er Jahren hölzern und statisch.
Diese Batman-Geschichten wären wohl nie im Westen angekommen, wäre nicht David Mazzucchelli (der Zeichner der wohl besten Batman-Story „Year One“) während eines Aufenthalts in Japan auf sie gestossen und hätte seinen Freund, den Buchgestalter und Batman-Sammler Chip Kidd darauf aufmerksam gemacht. Und so liegt nun „Bat-Manga!“ vor, ein üppiger Wälzer, prallvoll mit obskuren Stories und zahlreichen japanischem Bat-Man-Memorabilien.


Christian Gasser



Jiro Kuwata / Chip Kidd:
„Bat-Manga! The Secret History
of Batman in Japan“.
Chip Kidd (Hrsg.)
Pantheon Books 200
350 S., Softcover, farbig
US$ 29.95

Der dunkle Ritter – komplett

Rechtzeitig zum Start des neuen Batman-Films Mitte des Jahres hat Panini Comics eine Gesamtausgabe von Frank Millers Dark-Knight-Serien auf den deutschsprachigen Markt gebracht. Auffälligerweise trägt diese im Deutschen auch den gleichen Titel wie der Kinofilm: «The Dark Knight» – auch wenn beides inhaltlich nicht viel miteinander zu tun hat. Wie auch die Originalausgabe von DC aus dem Jahre 2006 enthält der Band die vierteilige Miniserie «Die Rückkehr des dunklen Ritters» sowie die dreiteilige Nachfolgeserie «Der dunkle Ritter schlägt zurück». Zusätzlich sind ein neues Vorwort von Frank Miller, diverse Skizzen und weiteres Artwork enthalten, und ein neues Cover gibt’s auch noch oben drauf. Und um das Ganze noch etwas exklusiver zu machen, ist die Ausgabe auf 999 Exemplare limitiert.
Die Qualität des Inhalts dürfte ausser Frage stehen. Beide Serien gelten längst als Meisterwerke des Comic-Genres und bieten auch heute noch ein faszinierendes und intensives Leseerlebnis. Besonders «Die Rückkehr des dunklen Ritters», dessen erster Band im Original 1986 erschien, beeinflusste die Comic-Welt nachhaltig. Die vom Film Noir-Stil beeinflusste düstere Erzählung über einen gealterten Batman, der sich nach einer zehnjährigen Auszeit wieder besessen auf die Jagd nach Verbrechern macht, veränderte nicht nur die Optik der Comics, sondern demontierte auf hintergründige Weise den Superhelden-Mythos. Die Nachfolgeserie, deren erster Band 2001 erschien, fand zunächst weniger Anklang und wurde teilweise stark kritisiert, was nicht zuletzt am eigenwilligen, experimentellen und teils psychedelischen Stil der Zeichnungen sowie der knalligen, computer-generierten Koloration Lynn Varleys lag. Doch inhaltlich gelang es Miller hier erneut, die Grenzen des Superhelden-Genres neu zu definieren.
Sicher, bereits veröffentlichte Bücher noch einmal zusammengefasst neu herauszubringen, riecht etwas nach doppeltem Verkauf. Trotzdem ist «The Dark Knight» ganz einfach eine tolle Ausgabe geworden. Alleine das grandiose Cover macht Lust darauf, den 480 Seiten starken Band in die Hand zu nehmen, darin zu lesen und ihn sich ins Regal zu stellen. Noch schöner ist wohl nur die Original-Ausgabe: Die kommt im Schuber, hat noch ein paar Seiten mehr und auch ein etwas grösseres Format. Dafür ist sie dann eben auch noch ein bisschen teurer.


Jan Westenfelder

 


Frank Miller / Klaus Janson /
Lynn Varley:
„The Dark Knight”.
Panini Comics
480 Seiten, Hardcover, farbig
Euro 49.95 / sFr. 83.90

 

Mumins von Tove Jansson

Man sollte solche Worte mit Bedacht wählen, aber es könnte sich tatsächlich ein regelrechter Kult um die Mumins entwickeln. Schon jetzt tauchen sie an den ungewöhnlichsten Orten auf: In Buchform wurden sie bereits in einer mittelpreisigen Boutiquenkette und einem geschmackvollen Geschenkartikelladen gesichtet, in einem Haushaltswarengeschäft treiben sie sich sogar als Geschirr-Aufdruck herum: Tove Janssons Figurenarsenal ihrer „Mumins“-Cartoons kommt gut fünfzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung in unzähligen Zeitungen auf der ganzen Welt noch mal ganz gross raus. Mit der deutschen Ausgabe schliesst sich der Verlag Reprodukt den Ausgaben der englischen Bände von Drawn & Quarterly an, die die kompletten Comic-Strips von Jansson, die zwischen 1954 und 1959 entstanden, in vier hochwertigen Bänden veröffentlichen.
Mumin ist ein Nilpferd ähnlicher Troll inmitten anderer ungewöhnlicher Wesen. Der niedliche, gutherzige Mumin schlägt sich mit seinen Freunden durchs Leben und erlebt allerhand Abenteuer, die an überbordenden, surrealen Ereignissen kaum zu überbieten sind. Dabei sind die Geschichten höchst moralisch, ohne nur einen Hauch von Biederkeit. „Keiner verursacht je einem anderen ein schlechtes Gewissen“, sagt Tove Jansson über ihre Protagonisten. Eine wunderschöne Utopie, die vielleicht nicht zufällig aktuell auf grosses Interesse stösst. Wenn der Umgangston rauer wird und die Rahmenbedingungen härter, kommen einem solch liebeswerte Figuren wie kleine Heilsbringer vor. Und liebenswert sind sie allemal: Leicht naiv, schnell mal traurig, aber genau so schnell wieder frohen Mutes, stürzen sie von einer verrückten Situation in die nächste und entgehen dem Unheil immer, indem sie einfach das Beste draus machen.
Wer so richtig in das Mumins-Universum einsteigen will, findet im Internet auch ein „virtuelles Muminsforschungszentrum“ mit kompletter Bibliografie, Vergleichen zwischen den Kinderbüchern, Bilderbüchern und Comics und einem Muminslexikon. Eine umfassende Fleissarbeit eines Besessenen.

Christian Meyer



Tove Jansson:
„Mumins – Die gesammelten Comic-Strips von Tove Jansson, Bd. 1”.
Reprodukt, 96 Seiten
Hardcover, s/w,
Euro 24.– / sFr. 39.80

Blexbolex – „Leute“

„Leute“, so einfach und schlicht lautet der Titel von Blexbolex’ aktuellem Buch. Ebenso bescheiden und simpel erscheinen auf den ersten Blick seine Illustrationen, die der Vielfalt des menschlichen Erscheinungsbildes gewidmet sind. Grosse und kleine, dicke und dünne, alltägliche und fantastische Menschen jeglicher Hautfarbe zeigt er in privaten oder beruflichen Situationen. Durch die Einzeldarstellung der Menschen- und Berufstypen sowie der Herausstellung ihrer wichtigsten Attribute erinnern Blexbolex’ Zeichnungen thematisch unweigerlich an August Sanders’ epochalen Bildatlas „Menschen des 20. Jahrhunderts“. In dieser Portraitserie präsentiert der Fotograf einen Querschnitt der Gesellschaft der Weimarer Republik, die in ihrer reduzierten Ästhetik Fotogeschichte geschrieben hat und auch heute noch fasziniert. Zeichnerische Inspirationen hat Blexbolex bei russischen Avantgardezeichnern der 1930er Jahre – wie Vladimir Lebedev oder Kirill Zdanevich – gefunden, jedoch ohne dabei einem anheimelnden Retro-Trend zu verfallen. Vielmehr greift der inzwischen in Berlin lebende französische Comic-Zeichner und Illustrator den richtungweisenden russischen Illustrationsstil auf und amalgiert ihn mit seinen vielfältigen Erfahrungen aus den Bereichen der bildenden Kunst sowie des Comics. Während Sanders die Portraits unter Oberbegriffen zusammenfasst und präsentiert, kombiniert Blexbolex sie scheinbar beliebig und verleiht jeder Illustration einen kennzeichnenden Titel. Beim ersten genaueren Hinsehen und Lesen stellt man jedoch fest, dass zwischen den Bildern Verbindungen bestehen, ob in Form von Mimik, Gestik, Gegenständen, Farben oder Themen. Der Holzfäller benutzt ebenso ein Beil wie der Scharfrichter und während der Jongleur es meistert, Gegenstände durch die Luft zu wirbeln, fallen sie der Ungeschickten aus den Händen. Mit „Leute“ hat Blexbolex eine spielerisch inspirierende Erzählform gefunden, die Jung und Alt kreuz und quer durch das Buch jagen lässt, immer wieder aufs Neue auf der Suche nach verborgenen Geschichten. Darüber hinaus ist die Publikation ein grafisches Meisterwerk, in dem Blexbolex seine aufmerksame Beobachtungsgabe sowie sein einzigartiges Gespür, mit minimalen Flächen und pointierten Strichen zu arbeiten, kongenial zusammenführt. Dadurch erlangen seine Illustrationen eine ansprechende Abstraktion, die nicht kalt oder gar formalistisch abstossend wirkt. Sie funktionieren nahezu wie Piktogramme, wie sie von Otl Aicher entwickelt und geprägt wurden, doch Blexbolex haucht ihnen Leben ein. Das Kinderbuch „Leute“ trägt die Altersempfehlung ’ab drei Jahren’, findet sich aber bereits jetzt sowohl in den Kinderbuch- als auch in den Grafikabteilungen ausgewählter Buchhandlungen. „Leute“ von Blexbolex ist kein Kinderbuch für Erwachsene, sondern ein grossartiges Bilderbuch, das Kinder und Erwachsene gleichermassen anspricht und begeistert.

Matthias Schneider



Blexbolex
„Leute“.
Jacoby & Stuart,
208 S., Hardcover, farbig,
Euro 14.95 / sFr. 28.–

Königin der ­Insekten

Im Zentrum von Nate Powells düsterem Teenager-Drama „Swallow Me Whole“ stehen Ruth und Perry. Das Geschwisterpaar sieht und hört Dinge, die andere nicht wahrnehmen. Ruth leidet an einer Zwangsneurose, ordnet ihre Insektensammlung ständig neu und sieht sich immer wieder von einem Schwarm fliegender Käfer verfolgt. Perry bekommt von einem Zwerg, der auf seinem Bleistift sitzt, den Befehl zu zeichnen. Die beiden wissen von der Krankheit des anderen und so entsteht eine emotionale Bindung zwischen den beiden und ein gegenseitiges Vertrauen. Sich in der wirklichen Welt eines heranwachsenden Teenagers durch­zuschlagen und zu behaupten, bleibt jedoch auch mit Hilfe von Medikamenten eine kaum zu tragende Last. Während Perry wenigstens zum Teil seine schizophrenen Züge auf kreative Weise zu bändigen weiss, verliert Ruth immer mehr den Kontakt zur Realität und wird von ihrer dunklen Seite verschluckt.
Nate Powell, der hauptberuflich mit geisteskranken Menschen arbeitet, weiss das Leiden der beiden Jugendlichen sowohl zeichnerisch als auch erzähltechnisch gekonnt ins Bild zu setzen. Die Figuren sind skizzenhaft und gleichzeitig elegant aufs Blatt geworfen. Die Szenerie scheint in ständiger Bewegung zu sein, hält aber gleichzeitig jedes Detail fest. An manchen Stellen beherrschen das Schwarz der Tusche und undefinierte Panels die Seiten, an anderen sind es das Weiss des Papiers und die symmetrischen Bildkästen. Ebenso wechselt die Perspektive von der surrealen, von Käfern und schwarzem Nebel beherrschten Welt der jungen Ruth, zu jener der verständnis- und hilflosen Eltern und Lehrer. Powell ergreift für niemanden Partei. Die beiden Hauptfiguren stellt er nicht nur als Opfer, sondern auch als Schöpfer ihrer halluzinatorischen Universen dar. Er präsentiert das Thema der Schizophrenie diskret und nimmt dazu keine Stellung. Sein Buch stellt vielmehr den mentalen Zustand der beiden Jugendlichen dar und wirft somit die Frage auf, wer wirklich krank ist. Damit ist Nate Powell ein – obschon düsteres – höchst poetisches Buch gelungen.


Giovanni Peduto

 


Nate Powell:
„Swallow me Whole“.
Top-Shelf Productions, Marietta GA 2008
216 S., Hardcover, s/w
US$ 19.95

 

Die Rache des Taxifahrers

Das Verbrechen wuchert in Barcelona, in den Vierteln der Hochfinanz genauso wie in den Arbeitersiedlungen am Rande der Stadt. Kein leichtes Pflaster also für einen Taxifahrer. Taxista Cuatroplazas, die Hauptfigur in Martis Comic „Taxista“, ist naiv, mutig und fromm. Er ist damit geradezu prädestiniert, in Schwierigkeiten zu geraten: Gegen den wahnwitzigen Plot, den die spanische Comic-Legende Marti für seinen Helden entworfen hat, erscheint das Schicksal von Travis Bickle in Scorseses „Taxi Driver“ wie dasjenige eines Sonntagspaziergängers: Taxistas Mutter wird misshandelt und stirbt, die Leiche des Vaters, die seit Jahren mumifiziert im Nebenzimmer liegt, wird geschändet und die Schwester zur Prostitution gezwungen. Taxista hat nichts mehr zu verlieren, als er den Kampf gegen das Böse aufnimmt.
Editions Cornélius ist es zu verdanken, dass der aus den 1980er Jahren stammende „Taxista“ neu erscheint. Tatsächlich war dies überfällig, ist dem 1955 geborenen Zeichner, der mit vollem Namen Marti Riera Ferrer heisst, doch bislang die gebührende Anerkennung versagt geblieben. Von allem Anfang an bei dem legendären Magazin „El Vibora“ und später bei „Makoki“ dabei, fehlt es ihm zwar nicht an Fans auf der ganzen Welt. Doch der kommerzielle Erfolg blieb bisher aus. Dabei ist „Taxista“ einer der faszinierendsten Comic-Romane überhaupt. Ähnlich beeinflusst – wie etwa auch ein Charles Burns – vom Strich und Erzählstil des „Dick Tracy“-Zeichners Chester Gould, führt Marti seine Leser in die tiefsten Abgründe der spanischen Gesellschaft und lässt traditionelle Moralvorstellungen mit postfaschistischer Dekadenz kollidieren. Mit seinem bissigen Witz und seinen oft brutalen Bildern, die in harten Schwarz-Weiss-Kontrasten gehalten sind, bietet er alles andere als leichte Kost, und doch wird sie manch ein Leser gierig verschlingen.


Tim Kongo


Marti: „Taxista“.
Editions Cornélius, Paris 2008
200 Seiten, Softcover, s/w
Euro 22.– / sFr. 35.–

„Taxista“ ist übrigens in italienischer Übersetzung bei Coconino Press erschienen.

T. C. Boyle & Christoph ­Niemann
„Windsbraut“ Die Tollen Hefte

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind treibt in T. C. Boyles preisgekrönter Kurzgeschichte „Windsbraut“ gehörig Unfug. In der stürmischsten Gegend der Welt, auf den Shetland-Inseln, wirbelt er nicht nur Gegenstände und Lebewesen durcheinander, sondern vor allem die Emotionen. So führt er sie auch zusammen, die Vogelkundlerin Junie Ooley vom Festland und den inselansässigen Robbie Baikies. Zuerst schleudert er Baikies’ taubengemästeten Kater auf die frisch angekommene Amerikanerin und im nächsten Moment landet der Schafzüchter selbst auf ihr, ungewollt, denn letztlich hat er sie vor einem weiteren Unfall bewahrt. Nach ein, zwei, drei, vier ... Dankesrunden Ale verlieben sich die aufgeschlossene und attraktive Fremde und der eher schüchterne und mit einfachem Gemüt ausgestattete Einheimische. „Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die die ganze Insel Kopf stehen liess.“ Das ungleiche Paar sorgt für Neid in der drögen kleinbürgerlichen Eilandidylle, denn nur wenige erkennen, dass es sich hierbei um „schlichte, reine Liebe“ handelt.
Es ist inzwischen die fünfte Kollaboration zwischen T. C. Boyle und Armin Abmeier, der die wunderbare und einzigartige Reihe „Die Tollen Hefte“ ins Leben gerufen hat. Auf Initiative des idealistischen Verlegers hat nach Henning Wagenbreth, Sophie Dutertre, Thomas Müller und Rotraut Susanne Berner nun Christoph Niemann eine Boyle-Kurzgeschichte illustriert. Niemann, der unter anderem regelmässig für den New Yorker Covers gestaltet, hat sich für einen groben Pixel-Illustrationsstil entschieden, den er bereits bei seiner ersten Publikation „Das gute Portrait“ für Abmeier angewendet hat. Und so löst Niemann, Boyles Wind gemäss, die beiden Individuen grafisch in ihre Bestandteile auf, um sie zusammenzuführen und später wieder ausein­ander zu dividieren. Denn leider – wie so oft – hat auch Boyles ideale und bewegende Liebesgeschichte kein Happy End. Niemanns Illustrationen greifen die Leichtigkeit von Boyles pointiertem und mitreissendem Schreibstil auf und produzieren einen ebenso ungestümen Sog. Wie von einem heftigen kurzen Windstoss ergriffen, jagen Boyles Zeilen den Leser durch die emotional aufwirbelnde Liebesgeschichte. Derweil fegen Niemanns Pixel wie vom Winde verwehte Partikel umher, und skizzieren Lebewesen, Landschaften und Gegenstände, die sich in einem Zustand zwischen Form und Auflösung befinden. Surrealität, Überzeichnung und Wirklichkeit reichen sich literarisch und grafisch die Hände, dass es eine wahre Lesefreude ist. Und so ist es nicht nur für T. C. Boyle eine Ehre, dass seine Kurzgeschichten in der kleinen, aber äusserst feinen Reihe illustrierter Hefte von Armin Abmeier erscheinen. Vor allem ist es ein Geschenk für jeden Leser, der diese literarischen und grafischen Glanzstücke für sich entdeckt.


Matthias Schneider

 


»T. C. Boyle & Christoph Niemann: „Windsbraut – Die Tollen Hefte, Bd. 31“.
Edition Büchergilde
31 Seiten, vierfarbige Original-Flachdruckgrafiken
Euro 16.90 / sFr. 30.10

Ralf König – Prototyp

Eigentlich entstand „Prototyp“ nur in Urlaubsvertretung für den damals noch täglich, inzwischen aber nur noch wöchentlich in der FAZ erscheinenden Comic-Strip „Strizz“ von Volker Reiche. Diverse Leserbeschwerden und sogar Abo-Kündigungen waren die Folge dieser Urlaubsvertretung. Ralf Königs philosophisch-blasphemische Attacke auf die Bibelgeschichte, die im Herbst 2007 zwei Wochen lang in der Zeitung erschien, passte vielleicht nicht so recht zum Leserkreis der Tageszeitung.
Überraschen sollte Kenner von Königs Werk die Thematik und die Deutlichkeit des Strips nicht. Zwar ist König mit seinen Comics längst im Mainstream angekommen – nicht zuletzt wegen der zahlreichen Verfilmungen seiner Comics („Der bewegte Mann“, „Kondom des Grauens“). Doch hat er sich seitdem keinesfalls aus kontroversen Themen zurückgezogen. Homo- und Hetero-Klischees werden nach wie vor in seinen Comics nachge- und überzeichnet, zuletzt sehr ausgewogen in der souverän erzählten Graphic-Novel „Hempels Sofa“. Und auch den Religionen hat er sich schon häufiger zugewandt: „Dschinn Dschinn“, sein rund 270-seitiges Werk beschäftigt sich mit dem fundamentalistischen Islam. Als der Karikaturenstreit ausbrach, meldete sich König ebenfalls mit seinem Stift zu Wort. Sein Engagement wurde im Sommer 2006 am Comic-Salon in Erlangen mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Mit „Prototyp“ widmete er sich im letzten Jahr schliesslich der Bibel. Ende 2008 erschienen dann die zu einer umfassenden Geschichte ergänzten Strips in Buchform.
Die Knollennasen mögen darüber hinwegtäuschen, aber „Prototyp“ ist nicht nur ein leichtes Lesevergnügen mit guten, perfekt getimten Pointen. „Prototyp“ ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der christlichen Religion und dem ihr zugrunde liegenden Glauben an einen Gott. Mit Hilfe zahlreicher philosophischer Zitate demontiert König nicht nur dieses Konzept aus atheistischer Sicht, er entlarvt auch die dahinter steckenden hegemonialen Ansprüche und gönnt dem Leser trotzdem ein höchst unterhaltsames Vergnügen.Christian Meyer

 

 

 


Ralf König:
„Prototyp“.
Rowohlt
110 Seiten, Hardcover, farbig,
Euro 14.90 / sFr. 27.30