PictureBox
Eine Kiste voller Bilder

Von Christian Gasser


Mit einer grossen PictureBox-Ausstellung
wird das Luzerner Comix-Festival Fumetto
vom 28. März – 5. April 2009
einen der interessantesten amerikanischen
Verlage der Gegenwart präsentieren.

„Mich interessieren Leute, die Comics machen, ohne an ‚Comics‘ zu denken“, erklärte Dan Nadel in einem Gespräch, „Künstler, die Kunst machen, die zufälligerweise auch Comic ist.“ Diese Haltung macht aus PictureBox einen der interessantesten und auch eklektischsten amerikanischen Verlage der letzten zehn Jahre. Da stehen die trashigen Comic-Hefte von Matthew Thurber neben der luxuriösen, zweibändigen Gary-Panter-Monografie (siehe STRAPAZIN Nr. 93), die bizarren, in einem kruden und reduzierten Schwarzweiss-Stil hingekritzelten Fantasy-Stories von C. F. neben einem opulenten Kunstband von Julie Doucet, Musik-CDs neben Siebdrucken, Fotobücher neben grossformatigen Comic-Alben.

Repräsentativ für Nadels in alle Richtung offene, ruhelose und neugierige Haltung ist die Anthologie The Ganzfeld, die sich erfolgreich allen klaren Ein- und Zuordnungen widersetzt, sich mit jeder Ausgabe neu erfindet und uns jedes Jahr die Entdeckung neuer Talente wie auch vergessener Altmeister erlaubt. The Ganzfeld sei, so Nadel, sein jährlicher Beitrag zur visuellen Kultur. „Es ist eine Anthologie über das, was mich an den Schnittstellen zwischen Comics, Kunst, Illustration und Design interessiert, ohne dass ich zwischen den Medien und den Generationen unterscheide oder werte.“ So sieht auch The Ganzfeld 7 aus: Ein farbenprächtiges und inspirierendes Feuerwerk aus Comics, Zeichnungen und Illustrationen von Leuten wie Lauren Weinstein, Peter Blegvad, C. F., Mark Smeets, Mat Brinkman, Heinz Edelmann und anderen. Betrüblich ist lediglich, dass dies der Schwanengesang einer aussergewöhnlichen Anthologie ist: Dan Nadel stellt The Ganzfeld ein, um sich in Zukunft ganz um PictureBox und eigene Buchprojekte zu kümmern.

Vagabunden und andere Aussenseiter
Am Luzerner Comix-Festival Fumetto spannt PictureBox den Bogen zwischen dem kuriosen Altmeister Ogden Whitney und Frank Santoro, Lauren Weinstein und C. F. drei Vertretern einer neuen Generation amerikanischer Comic-Autoren. Ausserdem sind mit Yuichi Yokoyama, Mat Brinkman und Mark Newgarden weitere Künstler aus dem näheren und weiteren Dunstkreis von PictureBox anwesend.

Vielleicht verkörpert Frank Santoros Biographie die Philosophie von PictureBox am besten: Der 1972 geborene Santoro konnte sich lange nicht zwischen Malerei und Comics entscheiden. In den 1990er Jahren brach er sein Kunststudium ab, um Comics zu zeichnen, und ver­öffentlichte 1995 die wunderbare Vagabun­den-Moritat „Storeyville“ (s. STRAPAZIN Nr. 91). Dann brach er mit den Comics und widmete sich der Malerei – bis er Dan Nadel traf, der ihn davon überzeugte, die malerischen und poetischen Qualitäten seiner Arbeit in Comics zu integrieren. Seither zeichnet er – in Büchern wie „Chimera“, „Incanto“ und „Cold Heat“ – Comics von eigenartiger, berückender Intensität.

Der 1918 geborene und in den frühen 1970er Jahren als Alkoholwrack gestorbene Ogden Whitney hingegen ist einer dieser alten Meister, die Dan Nadel für sein Buch „Art Out Of Time“ (siehe STRAPAZIN Nr. 85) ausgegraben hat. Mit den Geschichten um „Herbie Popnecker“ (Autor: Richard E. Hughes) zeichnete Whitney zwischen 1958 und 1967 eine der bizarrsten Comic-Serien überhaupt. Herbie ist so rund wie hoch, trägt eine lachhafte Pilzfrisur und dicke Brillengläser und wirkt eher dümmlich. Aber: Herbie Popnecker hat Superkräfte. Dank der magischen Lollypops in seinem Gürtel ist er mal übermenschlich stark, mal wahnwitzig schnell; er saust durch die Luft oder macht sich unsichtbar. Die Herbie-Popnecker-Comics sind witziger als jede Superhelden-Parodie – und unendlich traurig zugleich. Der dicke Junge wirkt selbst in den dramatischsten Momenten unbeteiligt, und nie spiegelt sich in seinem Gesicht auch nur die Andeutung einer Emotion. Was viele Superhelden-Autoren in prätentiösen Dialogen zerreden, vermittelt Ogden Whitney allein durch die Atmosphäre seiner eleganten Panels: Die unerträgliche Einsamkeit seines Helden.

Lob der Dynamik
Nicht weniger ungewöhnlich sind die Arbeiten des 1967 geborenen Yuichi Yokoyamas, den Fumetto mit einer Einzelausstellung würdigt. Konsequent wie kaum ein anderer verdichtet Yokoyama die Codes von Comics und Mangas auf eine ihrer Essenzen, die Dynamik. In wortlosen Geschichten über Kampfsport, monumentale Baustellen („New Engineering“) und Reisen („Travel“) untersucht und inszeniert er Bewegung, Aktion, Tempo, Intensität. Seine Welt ist eine neutrale, von klaren, geometrischen Linien beherrschte Zukunftskulisse; seine Figuren tragen ausdruckslose Masken und handeln ohne jegliche psychologische, intellektuelle oder emotionale Motivation. Alles, auch ihre Beziehungen untereinander, ist reduziert auf Dynamik, Spannung und Kampf. Eine kühle, befremdliche, geradezu beängstigende, aber faszinierende Bildwelt.

Mit seinem Fokus auf PictureBox bringt Fumetto eine wichtige, aber hierzulande noch wenig bekannte Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch. Das weitere Fumetto-Programm – von David Shrigley über Elvis Studio bis zu Blutch und Rutu Modan – findet sich auf www.fumetto.ch



Dan Nadel, Ben Jones (Hrsg.):
„The Ganzfeld 7“ (288 Seiten, PictureBox, 2008, US$ 40.–)
Ogden Whitey: „Herbie Popnecker And The Loch Ness Monster“ (in: „Art Out Of Time“,
Hrsg. Dan Nadel, 320 Seiten, Abrams Books, 2006, US$ 40.–)
C. F.: „Powr Mastrs“ (bisher 2 Bände, je 104 Seiten, PictureBox, 2007 – 2008, je US$ 18.–)
Lauren Weinstein: „Goddess of War“ (32 Seiten, PictureBox, 2008, US$ 12.95))
Frank Santoro: „Storeyville“ (48 Seiten, ­PictureBox, 2007, US$ 24.95)
Frank Santoro/Ben Jones: „Cold Heat“
(240 Seiten, PictureBox, 2008, US$ 24.95)
Yuichi Yokoyama: „New Engineering“
(224 Seiten, PictureBox, 2007, US$ 19.95);
„Travel“ (208 Seiten, PictureBox, 2008, USD 19.95)

Links:
PictureBox: www.pictureboxinc.com
Fumetto: www.fumetto.ch