C O M I C . U N D . M U S I K    

Nur selten hört man von Zeichnerinnen oder Zeichnern, denen Musik nicht wichtig ist. Musik läuft beim Zeichnen, inspiriert durch ihre Haltung, Struktur oder Stimme, dient als Referenz, unterstützt die Formfindung, und wird manchmal von der Künstlerin, dem Künstler selbst gemacht. Verschiedene Spielarten von Literatur, Film, Theater und sogar der Oper wurden und werden als Ausdrucksformen bemüht, um den Comic fassen, einschätzen und einordnen zu können. Wer solche Kategorisierungsversuche nicht allzu ernst nimmt, schliesst sich vielleicht unserer These an, dass sich in dieser weitläufigen Verwandtschaft Comic und Musik am nächsten stehen. Rhythmus und Struktur, Sound und Stimme – es ist das spezielle Spannungsverhältnis in der Durchdringung zweier gleichzeitig wahrgenommener Ebenen, das die Musik in den Bildergeschichten ausmacht. Es ist der Raum zwischen Musik und Text bzw. Bild und Text, der – um allmählich zur Sache zu kommen – dem Song als auch der Bildergeschichte die poetische Qualität verleiht. Das ist es, was wir Comiczeichner suchen und manchmal sogar erreichen. Es ist nicht notwendig, Musik und Comic gemeinsam zu thematisieren, denn sie verstehen sich blind, auch wenn sie sich nicht sehen. Aber uns, die Redakteure dieser Ausgabe, reizte es, zu beobachten, was herauskommt, wenn Musik und Comic zusammengeführt werden. Wir warfen also unsere Netze aus und baten Zeichner und Zeichnerinnen,
«ein Musikstück (egal welcher Richtung) als Inspiration zu wählen und in eine Bilderfolge umzusetzen, mit oder ohne Text und narrative Logik». Alle, die zu diesem Heft beigetragen haben, hatten meist sofort ein Musikstück im Kopf, dass sie bearbeiten wollten; mit der Ausnahme von ATAK, Blutch und Rik van Iersel. ATAK befragte den Illustratorennachwuchs in Halle nach adoleszenten musikalischen Referenzen, und er berichtet vom zeichnenden Musiker Daniel Johnston. Rik van Iersel – dessen Première im STRAPAZIN längst überfällig war – zeigt mit eigenen Konzert-plakaten und comicnaher Collagemalerei, dass Free Jazz

 

und Punk bei ihm aus einer Quelle in beide Richtungen fliessen. Anna Sommer porträtiert in ihrem Beitrag den berühmten brasilianischen Sänger Caetano Veloso.
Sun Ra inspirierte Diceindustries zu Comics, und wer seine Collagen kennt, weiss um die wunderbaren Blüten dieser Befruchtung – das Resultat ist eine Art grafisch dekonstruierter Disney-Sound. Fabio Viscogliosi fragt nach der Berechtigung der Bezeichnung des Comic, in einer Arbeit, die an der Grenze zur Abstraktion operiert, mit Bildern, die für ihn die Schnittstellen von Musik und Text ausdrücken. Auch Chihoi Lee fasst eher das Unausgesprochene zwischen Text und Musik in eine erzählerische Stimmung, als dass er Geschichten bebildert. Für Vincent Fortemps ist die Musik von Will Oldham stets so nah, dass er sie «nicht ohne Weiteres», wie er betont, zu fassen bekommt, denn ihre Stimmung ist schon längst in seine Bildsprache eingedrungen. Dominique – auch er zum ersten Mal im STRAPAZIN – beschäftigt sich seit langem mit dem Leben und den Werken des Autors und Musikers Boris Vian. Benjamin Chaumaz wiederum wählt mit einem konstant bleibenden Bildausschnitt ein strenges Taktmass, dem die Handlung, die wie eine grafische Notation wirkt, unterworfen wird. Blutch, der grosse Solist, der musikgewordene Strich, The Voice, tritt auch wieder einmal auf der STRAPAZIN-Bühne auf. Nach den Ehrungen dieses Jahres – Grosser Preis in Angoulême, Artist in Residence am Fumetto in Luzern – gibt er hier mit dem Cover dieser Ausgabe sozusagen eine kleine After-Show. Dazu kommen die Würdigung seiner Arbeiten durch Christian Gasser und einige Seiten aus seiner ironischen Hommage «Total Jazz».

Welchen Sound diese Ausgabe von STRAPAZIN auch immer an die Ohren unserer Leserinnen und Leser tragen wird – «lasst es schwingen!»

Martin tom Dieck und Anja Luginbühl

 

   
 
   

 

INHALT & BIOGRAPHIEN

BLUTCH
  COVER
Chaumaz
  MISIRLOU
 

*1977, lebt und arbeitet in Paris als Comiczeichner. Publikationen: «Nationale 13/33», L’Association 2005. Diverse Comics in folgenden Anthologien: Bile noire, Attrabile / Ferraille illustré, Les requins marteaux / Lapin, L’Association. Zu seinem Beitrag, schreibt Chaumaz: Das von mir gewählte Musikstück heisst «Misirlou»; ein Stück, das alle kennen, wenn auch nicht dessen Titel. Man kennt es vielleicht aus dem Supermarkt, aus einer Musikbar, sicher aber aus einem berühmten Film von Tarantino. Mit diesem Lied im Ohr zeichnete ich den hier abgedruckten Comic; ich glaube, es stammt von Dick Dale. Was eigentlich unwichtig ist, denn das Stück ist viel älter.
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ATAK feat. Team 213
  TEENAGE KICKS !
  *1967, lebt und arbeitet als Künstler und Illustrator in Berlin. Seit 2008 Professor für Illustration an der Burg Giebichenstein/Hochschule für Kunst und Design Halle. Mitglied der AGI (Alliance Graphique Internationale). Publikationen (Auswahl): «Der Struwwelpeter», Kein & Aber 2009 / «Kub», Reprodukt 2008 / «Comment la mort est», Editions Thierry Magnier 2007. Team 213 sind Paula Bulling, Christian Diaz, Tobias Jacob, Christoph Koester, Stefanie Leinhos, Christina Röckl und Tim Romanowksy. Sie sind Studenten von ATAK an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle und geben gemeinsam das Magazin 213 heraus. Der Beitrag von ATAK feat. Team 213 entstand ausserhalb des Unterrichts, als Vorarbeit auf das aktuelle Semesterprojekt «Illustriere deinen Lieblingssong». Die Aufschlagseite stammt von ATAK, die weiteren Seiten sind eine gemeinsame Arbeit. www.fcatak.de, www.213magazin.de, www.burg-halle.de
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Fabio Viscogliosi
  MÄDCHEN AUS DEM NORDEN
  *1965, Sohn italienischer Immigranten, studierte Angewandte Kunst und arbeitet als Autor, Künstler und Musiker in Lyon, Frankreich. Publikationen (Auswahl): «Fenomeno» (CD), Microbe 2007 / «Dans l’espace», Le Seuil 2001 / «Ma vie de garçon», Le Seuil 2003; «Pornography for Beginners» in: Kramers Ergot #6, Ginko Press 2006. Fabio Viscogliosi zu seinem Beitrag, der eine gewisse Verwandtschaft zu Bob Dylans «Girl from the north country» nicht leugnen kann: «Girl from the north country» von Bob Dylan ist ein echtes Chanson, das sich endlos um die drei gleichen Akkorde dreht. Mich erinnert das Lied an meine romantische Phantasie eines verlorenen Landes. «En découlent ces paysages dessinés, à la limite de l’abstraction (hommage à Hercules Seghers).»
www.myspace.com/fabioviscogliosi
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Dominique Donoval
  L’ÉVADÉ
    *1974, lebt und arbeitet als Programmierer und Künstler in Hamburg. Publikationen: Diverse Comics im Magazin Orang. Dominique Donoval zu seinem Beitrag, zu dem er durch Boris Vians «L’évadé» angeregt wurde: Dem «Archiv Monsieur B» liegt die Biographie von Boris Vian zugrunde, das Lied «L’évadé» habe ich aus dem Fundus seiner Texte gewählt. Warum gerade dieses Lied? Ich fand, dass die Instrumentierung schlichter und dadurch persönlicher ist, als in seinen anderen Liedern. Boris Vian singt um sein Leben, die Stimme ist nackt, die Instrumente haben sich entfernt, nur von weit weg hört man bedrohlich klingende Trompeten und Trommeln. Der Text handelt von einer Flucht, und der Sänger hofft, dass man dem Flüchtenden genug Zeit geben wird – um zu leben.
www.donoval.com
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    DANIEL JOHNSTON –
DER ZERBRECHLICHE
von ATAK
    BILDER: © Daniel Johnston / arts factory [éditions]
Daniel Johnston, *1961, ist ein US-amerikanischer Sänger, Musiker und Zeichner. Er lebt in Texas und gibt hin und wieder Konzerte im In- und Ausland. Die abgedruckten Seiten sind Auszüge aus dem Heft «Daniel Johnston – cahiers de dessins contemporains», erschienen 2007 in der Reihe «collection dans la marge», im Verlag arts factory [éditions]. www.danslamarge.net, www.hihowareyou.com
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Vincent Fortemps
  I SEE A DARKNESS
    *1967, lebt in Fillols im französischen Departement Pyrénées-Orientales. Zeichner bei und Mitbegründer von Frémok. Publikationen: «Cimes», Frémok 1997/«Coulisses-Chantier Musil», Frémok 2003/ «Barques», Frémok 2007. Zum Beitrag inspiriert durch «I see a darkness» (von Bonnie ‘Prince’ Billy) schreibt Fortemps: Die Wahl dieses Liedes lag auf der Hand, denn ich liebe Will Oldham (Bonnie ‘Prince’ Billy) über alles. Aber wie vorgehen? Wie sich an dieses Stück annähern, an diesen Musiker, der mich so sehr berührt? Mithilfe der Zeichnung, der Kratzer und Striche, näherte ich mich dieser Ode an die Freundschaft und das Licht. Tönt einfach, aber ich musste einige Male aus den Tiefen des Tusche-Meeres auftauchen und neu Luft holen!
www.fremok.org

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Rik van Iersel
  SCUMBAG BEUKORKEST
    *1961, lebt in Eindhoven, Niederlande. Arbeitet seit 1979 autodidaktisch als Maler, Musiker, Grafiker, Comiczeichner und Fantast; viele Ausstellungen in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, den USA. Er spielte in verschiedenen Bands, aktuell mit Stuurbaard Bakkebaard im Projekt «Beukorkest». Publikationen: «Transparancy Wolk», Modo Verlag 2004 / «Steal Softly Thru Snow – The 27 Points», Eigenverlag 2002 / «Between Seeing And Saying», Kempen Pers 1992. Rik van Iersel kommentiert seinen Beitrag «Scumbag Beukorkest», folgendermassen: Diese Geschichte ist eine Hommage an Beukorkest, The Art Ensemble Of Chicago, The Mothers Of Invention, Sun Ra, Duke Ellington und überhaupt alle Musiker, mit denen ich gearbeitet habe und noch arbeiten werde. Liebe und Inspiration! www.rikvaniersel.nl
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Anna Sommer
  CUCURRUCUCU PALOMA
    *1968, lebt in Zürich und arbeit als Zeichnerin im STRAPAZIN-Atelier. Publikationen (Auswahl): «Damen Dramen», Arrache Cœur, 1996 / «Amourettes», Buchet Chastel 2002 / «Baies des bois», United Dead Artists 2002 / «Die Wahrheit und andere Erfindungen», Edition Moderne 2007. Ihr Beitrag «Cucurrucucu Paloma» ist ein Porträt des Musikers Caetano Veloso.
www.annasommer.ch

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    BLUTCH RHYTHMUS, BRÜCHE UND IMPROVISATIONEN
    von Christian Gasser
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Blutch
  TOTAL JAZZ © Éditions du Seuil 2004
    *1967 in Strasbourg, lebt und arbeitet heute in Paris und Toulouse. Seine ersten Comics veröffentlichte er 1988 im Comicmagazin Fluide Glacial, seither sind seine Bücher in zahlreichen Verlagen und seine Illustrationen in Zeitungen und Zeitschriften wie Libération, Inrockuptibles und The New Yorker erschienen. Ausserdem realisierte er einen Beitrag für den Animationsfilm «Peur(s) du noir». Für «Vitesse moderne» erhielt er 2002 den Prix International de la Ville de Genève, für «Blotch» 2003 den Humorpreis am Comic-Festival von Angoulême. 2009 wurde Blutch der Grosse Preis der Stadt Angoulême zugesprochen.
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Chihoi
  STARS
    *1977, lebt und arbeitet als Comiczeichner in Hongkong. Publikationen (Auswahl): «Train», Dark Eyes Ltd. 2007 (Italienische Version bei Canicola 2008) / «Hijacking – Hong Kong Comic Literature», Joint Publishing 2007 / «A l’Horizon», Atrabile 2008. Chihoi zum Beitrag «Stars»: Mein Comic ist ein Versuch, die Gefühle im Lied «When you see the stars in the sky» von Jim Wong, gesungen von Mary Cheung, darzustellen. Der Plot in meinem Comic deckt sich nicht unbedingt mit dem des Liedes, er zeigt vielmehr was der Mix aus Musik und Liedtext bei mir bewirkte.
www.chihoi.net

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Diceindustries
  SPACE IS THE PLACE
    *1970, lebt in und arbeitet seit 1990 von Hamburg aus an den Randbereichen des Mediums Comic. Seit 2006 Teil des Kunstvereins «Linda E.V.». Publikationen: «Rimini Redux», Reprodukt 2003 / «Low Frequency», Eigenverlag 2008 / «Der grosse Malspass», Kabinett für Wort und Bild 2009. Dice zu seinem Beitrag, angelehnt an Sun Ras «Space is the place»: Sun Ra, Scharlatan der Space-Dekonstruktion, fand während der 70er-Jahre Geschmack an Filmmusiken Walt Disneys und flocht Versatzstücke daraus in seine Kompositionen ein. So interpretierte er z. B. auch eine Version von «Pink elephants on parade», der reichlich halluzinogenen Sequenz aus dem Trickfilm «Dumbo». Meine Version von «Space is the place» versucht quasi via Reverse-Engineering eine grafische Form desselben Stückes von 1972 zurückzuerlangen.
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    FRAGEN SIE IHREN APOTHEKER!
    ANWENDUNGEN DER MUSIK IM GESCHRIEBENEN WORT
von Wolfgang Bortlik

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    DAS MAGAZIN, KURZ & GUT