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Buchumschläge: M.S.Bastian ---------------------------------

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Neue Bücher von Atak
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Ja, ich muss gestehen, ich bin ein echter Fan. Ich bin ein Fan von den Büchern des Berliner Zeichners, Illustrators und Künstlers Atak. Und wenn dann gleich zwei Bücher kurz hintereinander auf den Markt kommen, hüpft dem Fan das Herz. Doch zu den Fakten.
«Struwwelpeter» ist die eine der Neuerscheinungen. Ursprünglich von Heinrich Hoffmann in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts geschaffen, entwickelt die adaptierte Geschichte ein starkes Gefühl traumwandlerischer Sicherheit, mit der ein Nebeneinander von Abschreckung und Faszination
in Verse gefasst und illustriert wurde. Einige Adaptionen des Bilderbuch­klassikers hat uns die Zeit inzwischen beschert: vom englischen «Struwwel­hitler» aus dem Zweiten Weltkrieg über den antiautoritär geprägten «Anti-Struwwelpeter» von F. K. Waechter aus den frühen 1970ern bis hin zum grafisch ins 21. Jahrhundert geholten «Struwwelpeter» von Bob Staake. Die Adaption von Atak und seinem Kollegen Fil ist dabei wohl am ehesten mit der von Bob Staake zu vergleichen. Denn sie gehen nicht moralisch an die Geschichten heran, schreiben sie nicht neu, sondern geben diesen einen eigenen Klang. Sie covern das Buch wie eine Rockband, die einen Klassiker spielt, dem man trotz Distanz Respekt ent­gegenbringt. Zu den zehn Geschichten nach dem Original legen Atak und Fil noch eine drauf. Die Geschichte handelt von Justin, einem ganz normalen Jungen, der sich nichts sehnlicher als eine Spielkonsole wünscht. Die Zugabe bringt den Betrachter schon formal in die Gegenwart zurück. In einem reduziert grafischen Stil, der sich stark vom Rest des Buches abhebt, wird direkt die Interaktion zwischen Computergames und Krieg benannt. Die Moral indessen bleibt draussen, der Betrachter muss sich und seine Sicht auf die Welt selber einbringen.
Die zweite Neuerscheinung ist ein Kinderbuch mit dem Titel «Verrückte Welt». Dem ist eigentlich nicht mehr viel beizufügen. Die Protagonisten machen das Gegenteil des Erwarteten, Ereignisse finden statt, wie sie eben nicht stattfinden und Geschichten werden verkehrt herum erzählt. Auch dieses Buch ist eine Art Adaption. Denn die visualisierte Umkehrung der Welt ist in der Kulturgeschichte immer wieder anzutreffen. Der tierische Mensch und das vermenschlichte Tier sind eine beliebte Bildmetapher, um sich über die moralische Verdorbenheit des Menschen zu beklagen. Doch weit über einen solchen kulturgeschichtlichen Verweis hinaus ist Ataks Bildwelt in diesem Buch einfach ein wunderschön romantischer Hintergrund auf dem sich kindliches Staunen breit machen kann. Neben den klassischen Helden wie Cowboys, Indianern oder Feuerwehrmännern sind es dann aber die zahlreichen Zitate aus der Welt des Comics und des Films, die auch die erwachsenen Betrachter zum intensiven Studieren der Bilder einladen. In Ataks Buch wird die Welt ohne Worte völlig auf den Kopf gestellt. Leider nur im Kinderbuchformat, denn nach 32 Seiten ist der Augenschmaus vorbei.
Roland Fischbacher
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Atak & Fil: «Der Struwwelpeter». Verlag Kein & Aber, 96 S., Hardcover, farbig, Euro 29.90 / sFr. 49.90
Atak: «Verrückte Welt». Verlag Jacoby Stuart, 32 S., Hardcover, farbig, Euro 14.95 / sFr. 29.20
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Die Liebe als Zugang
zum Schrecken
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Deutschland 1932. Der Nationalsozialismus breitet sich aus und wird gesellschaftsfähig.
Martin Mahner bereitet sich auf sein Abitur vor und träumt von der Schriftstellerei und vom Theater. Doch die Zeiten sind schlecht für die freien Künste. Und sie sind grausam für einen Deutschen, der eine Jüdin liebt.
Comics über Nazi-Deutschland oder den Holocaust sind heikel: Wenig hätte gefehlt und «Unter dem Hakenkreuz. Der letzte Frühling» wäre – trotz der späteren Häufung von Preisen an namhaften Comic-Festivals (Angoulême, Genf, Montreal) – missglückt.
Schon der deutsche Titel – im Gegensatz zum französischen «Amours Fragiles» – lässt befürchten, Hitler, Hakenkreuz und Holocaust müssten vor allem als Verkaufsargument für eine Erzählung herhalten, die in jeder anderen,
allerdings weniger medienwirksamen Zeit oder Region hätte spielen können. Auch inhaltlich riecht manches zunächst nach Klischee und Stereotyp. Die Aussagen der auftretenden Politiker, Lehrer, Händler und Schüler wirken stellen­weise wenig authentisch, wie aus einem gymnasialen Lehrbuch abgekupfert.
Auch die Protagonisten der Erzählung sind in ihren Charakterzügen
sattsam bekannt: Das gilt für den frauenscheuen und prinzipientreuen Intellek­tuellen genauso wie für den wortgewandten und weltanschaulich schlüpfrigen Wendehals oder die Figur des «guten Nazi». Das gilt auch für den Aufsteiger, der um seinen hart erkämpften Wohlstand bangt, genauso wie für den Aussenseiter, der erst bei den Nazis jene Heimat findet, die ihm die bürgerliche Gesellschaft verwehrt, und das gilt auch für den Bankier, der die Nazis trotz Desinteresse bezüglich deren Ideolo­gie unterstützt, solange sie für Stabilität sorgen.
Doch der erste Schein trügt. Die feinfühlige Art, mit der Zeichner Jean-Michel Beuriot und Szenarist Philippe Richelle die individuellen Lebensgeschichten mit der Weltgeschichte verknüpfen, lässt kaum Raum für Klischees.
Die «verbotene» Liebe zwischen Martin Mahner und der Jüdin Katharina Braun ist der Ausgangspunkt, von dem aus Beuriot und Richelle die persönlichen und die politischen Beziehungen einer deutschen Stadt in den 1930er-Jahren in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Ambivalenz ausleuchten. Anhand der verschiedenen Schicksale zeigen die beiden Franzosen auf, wie das Regime der Nationalsozialisten politisch die Macht ergreift und das Denken und Handeln der Deutschen im Einzelnen unmerklich, im Ganzen aber unaufhaltsam auf ihre menschen-verachtende Ideologie einstimmt.
Nicht nur Richelles Szenario, auch Beuriots Panelsequenzen unterstützen den Gesamteindruck einer von grosser Verunsicherung geprägten Zeit: Wenn Beuriot eine Seite mit zwei grossen Panels aufmacht und den Leser in einen Festsaal führt, wo unbeschwertes Treiben bei Wein und Tanz herrscht, den Abgang des gekränkten und auf Vergeltung sinnenden Nazi-Ideologen jedoch in schmale Panels im Sockel der Seite zwängt, dann sagt das alles aus über eine Stimmung, in der man das kommende Unheil noch nicht wahrhaben, sondern verdrängen will.
Florian Meyer
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Jean-Michel Beuriot & Philippe Richelle: «Unter dem Hakenkreuz.
Der letzte Frühling». Schreiber & Leser, 86 S., Hardcover, farbig,
Euro 22.80 / sFr. 41.50
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Ein trügerisches Paradies
für niedliche Teufelchen
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Das Schöne entpuppt sich als das Schaurige und das Niedliche wandelt sich zum Teuflischen – das ist, in Kürzestform zusammengefasst, was der Zeichner Kerascoët und der Szena­rist Fabien Vehlmann in «Jolies ténèbres» (wörtlich: «Niedliche Finsternis», deutscher Titel: «Jenseits»), ihrem Märchen für Erwachsene, vorführen. Fasziniert folgt der Leser einem Pfad, der von einem anfänglichen Idyll in ein regelrechtes Inferno führt und selbst am Schluss noch offen lässt, ob der Friede wieder eingekehrt ist oder ob es sich nur um eine Pause vor dem nächsten Desaster handelt. Die Faszination wächst und wächst, gerade weil man sich keinen Reim auf das Geschehen und die Motive der Figu­ren machen kann und beim Lesen nie Gewissheit gewinnt. Liest man eigentlich ein Märchen oder eine Schauermär?
Der Anfang ist idyllisch: Die Jungfrau Aurora empfängt den Prinzen Hector zum Rendez-vous. Doch die Romantik wird – bildlich und wörtlich – von einer roten Masse erdrückt. Aurora wird in eine neue Welt geschwemmt und findet sich auf einer Wiese im Wald wieder. Auf dieser Wiese liegt ein grosses, offensichtlich totes Mädchen und neben ihm, im Gras verstreut, seine Schulsachen. Dem Kör-per des Mädchens entsteigen weitere, zumeist fingergrosse, kobold­artige Figu­ren – sind es eigenständige Lebewesen oder Kreationen der Fantasie des Mädchens, die sich nach dessen Tod eine neue Heimat suchen müssen? Der Leser erfährt es nicht. Die Herkunft der Figuren bleibt im Dunkeln verborgen. Der Leser beobachtet bloss, was nun passiert.
Putzig wie Puppen und niedlich wie Kinder sind diese kleinen Wesen, die da unvermittelt der rauhen und wilden Welt ausgesetzt werden. Hilflos sind jedoch ihre Versuche, mit der Natur zurecht zu kommen, und zunehmend bösartig und intrigant wird ihr Verhalten untereinander. Ein eigentlicher Totentanz setzt ein, und das einzig Märchenhafte, das vom anfänglichen Idyll übrig bleibt, ist, dass zuletzt nur der redlich­ste aller Charaktere, Aurora, überlebt und mit einem neuen Zuhause belohnt wird. Selten hat man das Schaurige so genossen und sich am Absurden so gefreut wie in der «Niedlichen Finsternis» von Kerascoët und Vehlmann.
Florian Meyer
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Kerascoët & Fabien Vehlmann: «Jenseits». Reprodukt, 96 S., Softcover, farbig, Euro 18.– / sFr. 34.90

 

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Kostüme, Kräfte
und Megaschurken
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Alle kennen Superman und Batman. Aber wer erinnert sich an Rex Dexter from Mars? An Cosmic Carson, der sich, um fiese Ausserirdische zu bekämpfen, mit der schönen Space-Piratin Elramis zusammenschliesst? Vergessen sind auch Marvelo the Monarch of Magicians, der dank seiner hypnotischen Zauberkräfte die Statue von George Washington höchstpersönlich auf Verbrecherjagd schickt. Auch The Comet, der Mann mit dem tödlichen Blick, musste sein lachhaftes, mit Mondsicheln und Sternen verziertes Kostüm kurz nach seinen ersten Auftritten in den Schrank hängen, und selbst Yarko the Great, der sich bisweilen erfolgreich mit dem Tod anlegte, war nicht gegen das Vergessen gefeit.
Mit Superman entstand 1938 das einzige genuin comic-spezifische Genre, und sein gewaltiger Erfolg rief unzäh­lige Nachahmer auf den Plan; Männer in bizarren Kostümen und mit noch bizar­reren Fähigkeiten, die heute grösstenteils zu Recht vergessen sind. Zu Recht? Ja und nein, wie der Band «Supermen! The First Wave of Comic Book Heroes 1936–1941» beweist. Diese Sammlung von 20 Comics (plus zahlreiche Cover- und andere Illustrationen) aus den Gründerjahren des «Golden Age of Comic Books» erzählt, weitab vom Kanon, eine aufschlussreiche Parallelgeschichte der Superhelden und ihrer anarchischen Anfänge. Man beobachtet, wie ein Genre entsteht, wie Zeichner und Helden sein Potential und seine Grenzen ausloten, wie sie sich bisweilen in Exzessen oder Sackgassen verirren, und wie sich Stereotypen herausschälen. Diese Comics sind Trash, aber sie sind dank ihrer unbändigen, geradezu pubertären Direktheit, ihrer begeisterten Erzählweise und vielen abstrusen Einfällen von überwältigender Vitalität.
Interessant ist, dass schon damals Zeichner am Werk waren, die später zu grossem Ruhm kommen sollten. «Supermen!» versammelt selten gesehene Frühwerke blutjunger Anfänger wie Jack Kirby, Will Eisner, Basil Wolverton oder Jack Cole. Die Höhepunkte in «Supermen!» sind allerdings die beiden Comics von Fletcher Hanks, «Phantomah. Mystery Woman of the Jungle» und «Stardust the Superwizard». Fletcher Hanks war bereits 53, als er 1940 seinen ersten Comic zeichnete. Anderthalb Jahre und knapp 40 Geschichten später verschwand er von der Bildfläche – bis zu seinem Tod 1976 als obdachloser Alkoholiker in New York. Seine Comics waren so gut wie vergessen, bis sie unlängst in zwei Bänden wiederveröffentlicht wurden – und wegen ihrer Einzigartigkeit für Furore sorgten.

Fiebrig
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Stardust the Superwizard, der extragalaktische Supertyp mit dem dicken Nacken und den unförmig breiten Schultern reinigt die Erde pausenlos vor Schurken, Betrügern, Kommunisten und ausserirdischen Halunken, die zumeist nichts weniger als unsere Unterwerfung im Sinne haben; Phantomah tut das­selbe im Dschungel. Dabei legte Hanks sein Augenmerk weniger auf die Heldentaten seiner formidablen Kraftmeier, sondern auf die Bestrafung der Übel­täter. Statt diese einfach zu verprügeln oder einzusperren, entwickeln Stardust und Phantomah ausgeklügelte und durchaus pervers anmutende Strafen. So verwandelt Stardust den grössenwahnsinnigen Wissenschaftler Kaos, der die Erde mit der Hilfe venusianischer Geier erobern will, in einen fetten Wurm – und wirft ihn den Geiern zum Frass vor …
Zu diesen bizarren Stories passt auch die Umsetzung. Fletcher Hanks’ Erzählweise ist fiebrig, die Sprache simpel, die Dialoge hölzern, der Strich kantig und ungelenk – in diesen Space- und Dschungel-Opern ist man dem Art Brut spürbar nahe. Diese ästhetische Kompromisslosigkeit, gekoppelt mit der Rauheit der Stories, macht aber ihre Eigenständigkeit und visionäre Kraft aus.
Die Pionierzeit des Superhelden-Genres dauerte bis 1941. Im Jahr des amerikanischen Kriegseintritts wurde der Superheld nach Supermans Vorbild gezähmt und auf ein paar Klischees reduziert. So wurde er gesellschaftlich integriert bzw. instrumentalisiert als Soldat für den American Way of Life.
Christian Gasser
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Greg Sadowski (Hrsg.): «Supermen! The First Wave of Comic Book Heroes 1936–1941». Fantagraphics Books, 192 S., Softcover, farbig,
US$ 24.99
Fletcher Hanks: «I Shall Destroy All the Civilized Planets!». Fantagraphics Books, 122 S., Softcover, farbig, US$ 19.95
«You Shall Die by your own Evil Creation!». Fantagraphics Books,
224 S., Softcover, farbig, US$ 24.99
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Furios und fulminant
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Das Cover sticht ins Auge: Bunt, verschnörkelt und nostalgisch die Gestaltung der Almanache des frühen 20. Jahrhunderts beschwörend. Auch der Titel «Pinocchio» verweist in die Vergangenheit: Carlo Collodi verfasste seine rabenschwarze Erziehungsmoritat 1883, Walt Disney versüsslichte sie 1940 in seinem wunderbaren Film, seither ist Pinocchio eine immer wieder neu interpretierte Ikone der populären Kultur.
Genau das reizte auch Winshluss. Der 1970 geborene Franzose ist nicht in erster Linie aus dem STRAPAZIN (siehe Nummern 67 und 76) bekannt, sondern als Vincent Paronnaud, Co-Regisseur von Marjane Satrapis «Persepolis». Wo aber Winshluss drauf steht, ist auch Winshluss drin: Winshluss ist eine unerschrockene und kompromisslose Underground-Grösse, der ohne Furcht vor Tabus und Unkorrektheiten das subversive Potential der Comics erforscht und zelebriert.
Gepetto ist hier ein skrupelloser Waffenfabrikant, Pinocchio – ein niedlicher Roboter mit Flammenwerfernase – ist seine Wunderwaffe zur Weltunterwerfung, und die Grille Jiminy ist eine obdachlose Kakerlake, die sich im hohlen Schädel des Roboters einnistet. Auch Winshluss’ Pinocchio verlässt seinen Schöpfer – und stürzt ab in eine grausame Welt voller Zynismus und Zerstörung, voller Neonazis, religiösen Fundis und Mördern, voller Sex, Atommüll und vielen anderen Schrecklichkeiten mehr.
Auf 200 weitgehend wortlosen Seiten reisst uns Winshluss mit auf eine furiose und fulminante Tour de Force durch den aktualisierten «Pinocchio»-Stoff und verarbeitet auch gleich die Geschichte der populären Kultur der letzten hundert Jahre, mit besonderer Berücksichtigung des Disney-Kosmos’ und von Filmklassikern wie Fritz Langs «Metropolis». Virtuos verzerrt, missbraucht, pervertiert und reflektiert er die Codes und Klischees der populären Kultur und schreckt, ganz im Geiste des Punk, auch nicht vor pubertären Scherzen und Provokationen zurück. Erzählerisch verknüpft er in Schwindel erregender Manier verschiedene Plots und Sub-Plots, und auch zeichnerisch schöpft er aus dem Vollen – von skizzenhaftem Schwarzweiss bis zu barock verkitschten Farborgien.
Vielleicht wollte Winshluss zu viel, vielleicht war er eine Spur zu ambitioniert – nicht immer geht sein Konzept auf. Und doch ist sein «Pinocchio» ein sensationeller Wurf und ein grossartiger Spass. Er wurde völlig zu Recht in Angoulême zum besten Comic des Jahres 2008 gekürt.
Christian Gasser
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Winshluss: «Pinocchio». avant-verlag, 192 S., Hardcover, farbig,
Euro 29.95 / sFr. 52.–
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Dort drüben
und hier drüben
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Ob sich Simon Schwartz’ Beitrag zum Jubiläum des Mauerfalls in den Trend der autobiografischen Graphic Novels einreiht, lässt sich nicht so genau sagen. Ist eine Geschichte autobiografisch, wenn deren Schlussszene mit der ersten bewussten Erinnerung des Autors zusammenfällt? Denn Schwartz erzählt weniger von sich als von seinen Eltern und Grosseltern und deren Leben in der DDR. Er erzählt, wie sein Vater und seine Mutter gemeinsam an einem Punkt ankommen, an dem sie beschlies­sen, ihre Heimat für immer zu verlas-sen. Er selber war zum Zeitpunkt der Ausreise erst zwei Jahre alt. Der Vater kommt aus einem regimetreuen Elternhaus, seine Mutter hingegen hatte reli­giös bewegte Eltern, die dem Regime gegenüber skeptisch waren. Dadurch, dass Schwartz’ Eltern so unterschiedlich sozialisiert waren, kann er sehr gut vermitteln, wie man einerseits regimekonform in der DDR leben konnte, andererseits aber auch die Repressionen gegen die «Abweichler» schildern.
Der Zeichenstil ist sehr klar, flächig und plastisch, der Kontrast durch Graustufen gedämpft. Insgesamt verströmen die Zeichnungen einen naiven Charme, der dem kindlichen Erzählstil der eigenen Erinnerungen wie auch der von den Eltern aus zweiter Hand erfahrenen Ereignisse angemessen ist. Obwohl Assoziationen zu einigen US-Zeichnern aufkommen können, ist der Zeichenstil von Schwartz durchaus eigenständig. Einige visuelle Ideen sind sehr raffiniert in die Story integriert. So sieht man auf einer Doppelseite, wie die unterschiedlich alten Väter von Simon Schwartz miteinander diskutieren und des Vaters Entwicklung vom FDJ-begeisterten Knirps zum «Republikflüchtling» besprechen. Die Schlussszene mit der Aus­reise ist richtig spannend geraten, obwohl es ja keine Nacht-und-Nebel-Flucht war, sondern eine genehmigte Ausreise. Mit der Ankunft der Familie bei Freunden in West-Berlin – zuvor ausgereiste ehemalige Freunde aus der DDR – endet der Band. Eine Fortsetzung ist durchaus denkbar. Wie es dort drüben war, wissen wir jetzt. Aber wie ging es hier drüben weiter?
Christian Meyer
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Simon Schwartz: «drüben!». avant-verlag, 112 S., Softcover, s/w,
Euro 15.95 / sFr. 28.90
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Live is live?
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Im Januar kommt bereits die gleichnamige Verfilmung mit Bruce Willis ins Kino, gerade noch rechtzeitig erscheint die Comic-Vorlage «The Surrogates» in deutscher Übersetzung. Robert Vendittis und Brett Weldeles Protagonist muss im Jahr 2054 eine «Mordserie» aufklären. Mordserie in Anführungsstrichen, weil es sich eigentlich nur um Sachbeschädigung handelt. Echte Menschen trifft man im Alltag kaum noch, sie sitzen zu Hause und sind mit ihren Surrogaten, quasi Menschmaschinen, verlinkt, die an ihrer Stelle vor die Tür gehen. Doch es gibt Leute, denen diese Entwicklung nicht behagt. Als der Surrogat von Leutnant Greer «getötet» wird, muss er erstmals seit Jahren wieder «live» seinen Dienst verrichten. «The Surrogates» hat nicht nur eine gute Grundidee und eine spannende Story zu bieten. Auch die grafische Umsetzung – und da wird es im SF- und Superhelden-Genre oft langweilig – ist bemerkenswert. Dünne, krakelige und rudimentäre Zeichnungen liegen auf aquarellartig farbigen Hintergründen, hinterlassen eine mulmige Grundstimmung und lassen der Fantasie viel Raum. In kleinen Exkursen wird der historische Hintergrund beleuchtet: Einmal die Entstehungsgeschichte der Surrogates anhand alter Zeitungsartikel, dann die Hintergründe und Folgen einer früheren Revolte in Form einer Internet-Zeitung inklusive Kleinanzeigen (Surrogat An- und Verkauf, Stellenanzeigen), dann ein Fachartikel zu Surrogaten und dann wieder ein transkribiertes Interview einer TV-Show. Nicht zuletzt deshalb erinnert «The Surrogates» an «Watchmen» von Alan Moore und Dave Gibbons. «The Surrogates» rückt mit einer ebenso spannenden wie klugen und sozialkritischen Story tatsächlich in die Nähe – auch qualitativ – von Alan Moores oder Frank Millers Versuchen in den 1980er-Jahren, das Super­helden-Genre zu dekonstruieren. Eine Fortsetzung ist bereits geplant.
Wie immer beim Verlag Cross Cult gibt es viele Hintergrundinfos in der Edition dieser Gesamtausgabe der Einzelhefte: Neben einer Cover-Galerie und Hommagen von Kollegen findet man einen ausführlichen Werkstattbericht von Robert Venditti, Deleted Scenes, ein Interview mit den Autoren und eine Ausweitung der im Comic erwähnten Anzeigenkampagne für die neusten Surrogat-Modelle. Mit diesem Konzept hat Cross Cult die Idee der DVD-Extras gelungen auf den Comic übertragen.
Christian Meyer
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Robert Venditti & Brett Weldele: «The Surrogates». Cross Cult, 158 S. + 50 S. Bonusmaterial, Hardcover, farbig, Euro 26.– / sFr. 42.–
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Schnitzlers
«Fräulein Else»
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Literarische Adaptionen sind eine heikle Sache. Was soll übernommen, was ausgelassen werden? Nicht selten scheitern sie an dieser Frage und die Komplexität des literarischen Textes geht verloren. Das Können des Autors, der einen Text adaptiert, äussert sich als Erstes in seiner Auswahl. Der italienische Comic-Autor Manuele Fior hat sich für eine Comic-Adaption von Arthur Schnitzlers Novelle «Fräulein Else» entschieden und damit eine gute Wahl getroffen. Denn vor allem Fiors eleganter Zeichenstil passt zu den künstlerischen Strömungen, die Schnitzlers Werk repräsen­tiert.
Die 1924 erschienene «Monolog­novelle» handelt von der jungen Else, die einige Tage Urlaub in einem italienischen Kurort verbringt. Dort erhält sie einen Eilbrief von ihrer Mutter, in dem sie erfährt, dass ihr Vater wegen Veruntreuung ins Gefängnis muss, wenn er die Geldsumme nicht innert drei Tagen zurückzahlt. Die Tochter soll deshalb den reichen Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen bitten. Dieser willigt zwar ein, doch unter der Bedingung, Else nackt sehen zu dürfen. Else – hin und her gerissen zwischen der Loyalität zur Familie und ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit – bricht nach und nach unter dieser Verantwortung zusammen. Schnitzlers Glanzleistung – und gleichzeitig die Knacknuss für die Adaption – ist Elses innerer Monolog, aus der die Novelle zum grössten Teil besteht. Der Leser wird vom immer frenetischeren Wortschwall, der sich in Elses Kopf unendlich um den Konfliktpunkt dreht, mitgerissen und kann den aufkommenden Wahn der jungen Frau regelrecht spüren. Für diese Eigenheit der Novelle fehlt es auf den 87 Seiten des Comics schlicht an Platz. Fior wählt zwar eine gute Zusammenfassung des Textes, die Stärke des Buches liegt aber in seinen Bildern. Er bezieht sich – passend zur Zeit des Geschehens – auf Künstler der Wiener Sezession wie Schiele oder Klimt und auf Expressionisten wie Munch und schafft so eine zugleich klassische wie auch moderne Eleganz. Elses Gemütszustand wird weniger über ihre Gedanken als mittels Bildkomposition und einer eindrücklichen Farbwahl dargestellt. Und dennoch wünscht man sich, dass die Adaption ein wenig mutiger ausgefallen wäre. Gerade bei einer Novelle, die derart vom Wort getragen wird, könnte man ein grösseres Zusammenspiel zwischen Text und Bild erwarten. Trotzdem bleibt «Mademoiselle Else» eine sehr gelungene Adaption und eine ergänzende Lektüre für alle Schnitzlerliebhaber. Vorerst leider nur auf Französisch.
Giovanni Peduto
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Manuele Fior: «Mademoiselle Else». Delcourt Mirages 2009, 87 S.,
Hardcover, farbig, Euro 14.– / sFr. 32.–
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Minimal-Krieg
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Tom Gauld ist bekannt für seine minimalistischen Geschichten. Mit wenig Strichen vermag er komplexe Sachverhalte nicht nur einfach, sondern auch auf lus­tige Weise darzustellen. In «The Gigantic Robot» macht er sich daran, den Krieg – den die Briten sonst noch so gerne glorifizieren – auf eine kümmerliche Militärübung zu reduzieren. Schauplatz ist eine karge Landschaft im Nirgendwo, es könnte Gaulds Heimat Schottland sein. Im Kontrast dazu steht neben dem Eröffnungsbild der erste Satz des Buches: «The war rages on». Einen stärkeren Gegensatz zwischen Wort und Bild hätte man nicht besser und vor allem nicht simpler zeigen können. Man fragt sich: Hat der Krieg schon in dieser vielleicht einst fruchtbaren Landschaft gewütet und nur noch einen kleinen nackten Baum hinterlassen? Oder soll es die Ruhe vor dem Sturm darstellen? Viel eher ist es ein Ort, der weit weg vom Geschehen ist, an dem aber über den Verlauf des Krieges entschieden wird. In einem knappen, aber vor Pathos strotzenden Satz wird dem Leser erklärt, dass es sich um den Standort für ein geheimes Projekt handelt. Eine Kriegsmaschine in Form eines riesigen Roboters wird hier ent­wickelt. Als schliesslich die ultimative Waffe be-reitsteht und mit den Worten «The gigantic robot is revealed» angekündigt wird, schaltet sich Gaulds wunderbar trockener Humor ein: Auf der folgenden Seite steht der Roboter bereits wieder demontiert da, begleitet vom Text «The gigantic robot doesn’t work».
Auffallend ist die für einen Briten typisch pragmatische und distanzierte Art der Aussage. Kein Ausrufezeichen schliesst den Satz ab, wie es vielleicht der Amerikaner gemacht hätte, sondern ein neutraler Punkt. Das Projekt wird aufgegeben, langsam fällt die Kriegsmaschine zusammen, ohne dass sie sich jemals von ihrem Entstehungsort wegbewegt hätte. Der Krieg geht zu Ende, ein neuer beginnt, der Roboter aber fristet ein ein­sames und nutzloses Leben. Bis er schliesslich ganz von der Bildfläche verschwindet. Mit nur 32 Seiten – pro Doppelseite je ein Panel und ein Satz – vermag Tom Gauld mehr über den Krieg auszusagen als manches Geschichtsbuch.
Giovanni Peduto
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Tom Gauld: «The Gigantic Robot». Buenaventura Press 2009, 32 S.,
Softcover, s/w, US$ 16.95
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Einmal herumtollen
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«Die Wahrheit, sieht man die?», fragt der kleine Lukas seinen Vater, den Illustrator Thomas Müller. Es ist eine gran­diose Frage, wie meist nur Kinder sie stellen können. Sie ist so simpel und poetisch zugleich, dass man als Erwachsener um eine Antwort ringen muss. Müller antwortet auf seine Art, nämlich in Form von Illustrationen. Seine Zeichnungen zu dieser und anderen Äusserungen seines Sohnes finden sich nun gesammelt in dem kleinen, aber feinen Buchband «Zu einer schönen Mama gehört Kuchen». Herausgeber ist Armin Abmeier, der für den Berliner Verlag Jacoby&Stuart eine neue Edition betreut, die Reihe Kunterbunt. Die Serie startet aktuell mit Yvonne Kuschels «Die Zukunft gehört den Mutigen», Axel Schefflers «Über das Halten von Eichhörnchen» sowie Wolf Erlbruchs «Ratten». Die Titel sind bei der Büchergilde bereits als «Tolles Heft» erschienen, aber sind entweder vergriffen, wie zum Beispiel Erlbruchs grossartige Illustrationen zu Gottfried Benns Gedicht «Schöne Jugend», oder wurden überarbeitet, wie Schefflers humorvoller Eichhörnchen-Ratgeber. Müllers Wort-Bild-Dialog mit seinem Sohn ist dagegen eine Erst­ausgabe. Für das kommende Jahr ist in der Reihe Kunterbunt die Wiederveröffentlichung eines raren Skizzenbuchs von Volker Pfüller geplant, von Scheffler das Büchlein «Der Verdrüssliche», das einst in einer Kleinstauflage für Freunde des Illustrators erschienen ist sowie ein völlig neues Projekt von Jutta Bauer. Die Bücher der Reihe Kunterbunt haben einen kartonierten Einband, und sind von Abmeier liebevoll gedruckt und gebunden worden, im normalen Offsetdruck und fadengeheftet. Die Tollen Hefte werden von der Reihe Kunterbunt nicht berührt, Abmeier wird sie weiterhin edieren. Aktuell ist dort Christoph Feists auffällig gestaltetes «Orfeus & Eurydike» erschienen, das an Ovids «Verwandlungen» angelehnt ist. Jede Doppelseite zeichnet sich durch einen spezifischen Seitenaufbau aus, in dem sich Hinter- und Vordergrund, Figuren, Gestalten und Gegenstände mehrschichtig überlagern und dabei ein farbenprächtiges Zusammenspiel von Wort und Bild eingehen. Die Zerrissenheit und Tragik des Protagonisten verstärken Feists Illustrationen kongenial, wie es bisher kaum einer anderen Adaption gelungen ist. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Tollen Hefte eine der tollsten Illustrationsserien der Welt sind. Ob mit viel oder wenig Text, manchmal literarisch, poetisch oder auch etwas dadaistisch, die Hefte sind in ihrer Vielfalt und Eigenwilligkeit kaum zu übertreffen, ganz abgesehen von ihrer unvergleichlich grossartigen illustratorischen Gestaltung. Man kann sich nur wünschen, dass einige der Tollen Hefte in der Reihe Kunterbunt weiterleben und sich auch auf den Tischen der Buchhandlungen behaupten können, denn sie können gar nicht genügend Leser erreichen!
Matthias Schneider
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Lukas Göhlich & Thomas Müller:
«Zu einer schönen Mama gehört Kuchen».
Axel Scheffler: «Über das Halten von Eichhörnchen»
Wolf Erlbruch: «Ratten».
Yvonne Kuschel: «Die Zukunft gehört den Mutigen».
Alle bei Jacoby & Stuart, 40–48 S., Hardcover, farbig,
Euro 9.95 / sFr. 18.90
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Christoph Feist: «Orfeus & Eurydike».Büchergilde Gutenberg,
Die Tollen Hefte, 32 S., Softcover, vierfarbige Original-Flachdruckgrafiken, Euro 16.90 / sFr. 32.90
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Finstere Machenschaften
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Die Reihenfolge, in der Panini die «100 Bullets»-Reihe veröffentlicht, macht scheinbar nicht viel Sinn. Doch es gibt tatsächlich einen logischen Grund dafür: Die deutsche Ausgabe wurde nämlich zuerst bei Speed Comics begonnen, deren Bände 1 bis 8 den ersten fünf Bänden der Originalausgabe von Vertigo entsprechen. Panini führt die Reihe seitdem fort, orientiert sich dabei aber an der US-Ausgabe und begann deshalb mit Band 6. Danach machte Panini mit den Folgebänden weiter, brachte aber zwischendurch nach und nach auch die ersten fünf Bände heraus.
Soweit alles klar? Wenn nicht, auch egal. Beim mittlerweile 10. Sammelband namens «Dekadent» angekommen, der wiederum die Episoden 68 bis 75 enthält, ist die Story nämlich mittlerweile so verwickelt, dass man sowieso kaum folgen kann – was wohl auch gilt, wenn man die vorhergehenden Bände gelesen hat. Denn dermassen verstrickt sind die Handlungsfäden und zu zahlreich die Nebenfiguren, als dass man alle Puzzleteile der Geschichte direkt zuordnen könnte. In der grossen Rahmenhandlung geht es um die Geschichte der Minutemen, eine Gruppe speziell ausgebildeter Auftragsmörder, die von ihrem früheren Auftraggeber, einer konspi­rativen Organisation, die sich «der Trust» nennt, verraten wurde. Der frühere Anführer der Minutemen, Agent Graves, hat dem Trust den Kampf angesagt. Vor diesem Hintergrund spielen sich verschiedene Nebenhandlungen ab, die oft innerhalb von zwei oder drei Episoden abgeschlossen werden. Tatsächlich ist Graves die einzige echte Konstante, die sich durch die gesamte Serie zieht. Er sucht Menschen auf, die ungerecht behandelt wurden, übergibt ihnen einen Aktenkoffer mit Beweisen, eine Pistole – und 100 Kugeln. Er bietet ihnen damit die Gelegenheit, Rache am Schuldigen zu nehmen, wobei er garantiert, dass es von offizieller Seite keine Strafverfolgung geben wird.
Eine solche Story klingt stark nach Film Noir und Pulp, nach Tarantino, Dashiell Hammet und Raymond Chandler. Und in diesem Stil setzt Eduardo Risso sie auch um, mit viel Schwarz, überzeichneten Figuren und natürlich auch einigen blutigen Szenen. Seine Bilder sind das wirklich Meisterhafte an «100 Bullets». Was vordergründig gerade passiert und was gesprochen wird, ist gar nicht immer das wirklich Wesentliche. Wichtiger sind oft die Bilder selbst, in denen viel mehr geschieht als auf den ersten Blick offensichtlich ist, und die mehr erzählen als der Text. Vieles bleibt im Schatten, geschieht im Dunkeln und in der Nacht – die schwarzen Flächen und Panel-Zwischenräume funktionieren stellenweise sogar wie eine eigene Figur.
Bei welchem Band von «100 Bullets» man einsteigt, spielt keine so grosse Rolle. Man wird wohl, wenn dann alle 13 Bände erschienen sind, sowieso noch einmal alles von vorne bis hinten lesen müssen, um alle Handlungsstränge entwirren zu können. Aber auch wenn man das grosse Ganze nicht sofort durchschaut, kann man die Einzelteile durchaus geniessen. Auch im zehnten Band werden wieder einige tolle Geschichten erzählt, spannend, düster und böse, die meist schlecht oder sogar tödlich ausgehen. Und Rissos Bilder machen sie zu einem grossen, dunklen Vergnügen.
Jan Westenfelder
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Brian Azzarello & Eduardo Risso: «100 Bullets Band 10: Dekadent». Panini, 192S., Softcover, farbig, Euro 24.80 /
ca. sFr. 42.–
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Hund im Weltall
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Als ich irgendwann Mitte der 1990er das erste Mal «Space Dog» in der Hand hatte, legte ich den grossformatigen Band schnell wieder zur Seite. Cover und Titel sowie die kantigen Figuren und die knallig bunten Farben fand ich zwar sehr ansprechend und witzig, aber mich auf die wortlose Bildergeschichte einzulassen und sie wirklich zu «lesen», erschien mir zu mühsam. Und überhaupt war das Ganze für meinen Geschmack irgendwie zu avantgardistisch und zu «arty». Hier könnte man eine Diskussion über die Definition von Comics beginnen, und ebenso darüber, wo Comic aufhört und Kunst anfängt und ob Comic nicht immer und per se schon Kunst ist. Viel besser aber ist, man macht sich darüber nicht allzu viele Gedanken und schaut sich «Space Dog» einfach noch einmal in Ruhe an. So viel gleich vorneweg: Es lohnt sich!
Erzählt wird die Geschichte eines kleinen roten Hundes, der durch allerhand Zufälle von seinem heimischen Hof in die grosse Stadt und schliesslich zur NASA gerät, die ihn in einer Rakete ins All schiesst. Wieder auf der Erde wird er berühmt, stürzt ab, verliebt sich, muss vor Gefahren fliehen und sich von äusseren Zwängen befreien. Auf seiner abenteuerlichen Reise lernt er verschiedenste Tiere, Menschen und andere Wesen kennen, von denen einige gute Freunde werden.
Umgesetzt ist die Story in regel­mässig angeordneten Panels, mit dicken Strichen und flächigen, nuancenlosen, knalligen Farben, die sich klar vom meist dunklen, oft sogar schwarzen Hintergrund abheben. Gewisse Pop-Art-Einflüsse sind nicht zu übersehen. Der rote, namenlose Hund hat aber auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Tims Struppi, und sein orangefarbener Raumanzug und vor allem die Rakete mit Schachbrettmuster verweisen auf die beiden Bände, die Tim und Struppis Mondfahrt schildern. Aber auch sonst gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken, denn Handlung wie Bilder stecken voller Details und Anspielungen.
Kurz gesagt: Die Zweitlektüre von «Space Dog» hat mich extrem begeistert. Die Geschichte funktioniert auch ohne Text bestens, und Sprechblasen fehlen einem irgendwann überhaupt nicht mehr. Ganz im Gegenteil, es ist schlicht faszinierend, wie detailreich Dorgathen ohne jeglichen Text zu erzählen vermag, wie viel Ideenreichtum und Witz er in seinen Bildern unterbringt.
Edition Moderne hat «Space Dog» in einer handlichen Taschenbuch-Ausgabe wieder veröffentlicht. Trotz kleinerem Format büssen die Bilder nichts von ihrer Faszination ein, und allen, denen es mit «Space Dog» einst genauso ging wie mir, sei dringend empfohlen, das Buch noch einmal in die Hand zu nehmen. Dieses kleine Meisterwerk weiterhin zu verschmähen, wäre wirklich unverzeihlich.
Jan Westenfelder
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Hendrik Dorgathen: «Space Dog». Edition Moderne, 64 S., Softcover, farbig, Euro 9.80 / sFr. 14.80
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