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Das geschriebene Wort
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TIERISCHES
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nebst vier Animalerotica
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Von Wolgang Bortlik

 

 

 

Perverse Viecher! Treiben sich da draussen herum. Direkt vor der Haustür, im Wohngebiet. Knabbern meine Zehenschläppli an, die ich vor dem Eingang liegen habe. Schleppen das Schuhwerk in den Schutz der Hecke und zerbeissen die Plastikriemen. Dann spucken oder kotzen sie den halbverdauten Kunststoff wieder aus. Marder möglicherweise. Kommen bei den Autos nicht mehr an die
Plastikteile ran. Vielleicht aber auch Füchse. Schon gesehen, diese Gesellen. Immer Montagabend schleicht
sich Reineke an. Die Leute stellen die Abfallsäcke schon am Vorabend der Abfuhr an die Strasse. Der Fuchs dankt es ihnen und reisst den Plastik auf. Da warten Köstlichkeiten. Die verteilt der schlaue Räuber dann in den Gärten. Gammelfleisch, mmmh, lecker. So zieht ein Düftchen nach totem Tier und letztem Abenteuer durch die ruhige Strasse des Vororts. Aber auch die übliche tierische Besatzung hier dreht durch. Elstern, die uns vergelstern. Raben fressen die Beeren des Hartriegels und versumpfen dann mit ihrem Dünnschiss ganze Rasenflächen. Worauf dort jene merkwürdigen Pilze mit den dünnen gelben Stengeln
wachsen, an welche die Katzen so gerne gehen. Die sich dann nach dem Schwammerlgenuss unglaublich schlecht aufführen. Sie fallen uns plötzlich an, unsere Büsis, wie in jener unvergesslichen Folge von «Schirm, Charme und Melone», wo der Bösewicht ein Gerät konstruiert hat, das in schnusige Schosskatzen implantiert wird und aus ihnen menschenmordende Raubtiere macht. Atavismus pur! Dann liegt man in seinem Blut und es kommen die Nackt- schnecken. Schleimen über einen weg, blutblubbernde Schaumblasen.
Sonst noch hier im Vorort: Hundelärm und -dreck. Kreuzspinnen grösser als der Papst. Heimtückisch lauernde Eichhörnchen. Übergriffige Blattläuse. Libellen und Bierschwammdardanellen. Wespen, Hornissen, Bienen, Pferde-bremsen mit mörderischen Stacheln. Verrückte Fauna. Die Natur schlägt zurück. Ich warte ja nur noch auf den Wolf. Der wandert von Norden und von Süden her ein. Deswegen: Abends die lärmigen kleinen Biester, also Kinder und Hunde, ins Haus holen, bevor es dunkel ist und Meister Isegrim zuschlägt.
Bleibt nur noch die Frage:
Wann kommt der Elch?
Aber meinst du, die Literatur wendet sich diesen Gefahrenherden zu und klärt diesbezüglich auf! Keineswegs, der Mensch, der hilflose Knochensack, bleibt im Mittelpunkt der Romane und Erzählungen. Mehr denn je. Krumme kleine Würstchen, den eigenen Tücken und inneren Tümpeln ausgeliefert statt dem Tier. Aber noch gibt es ein paar wenige Werke, in dem Bestie, Scheusal, Animale, Schosstier, Zoon, Vieh und Biest die ihr oder ihm zustehende Rolle spielen.

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Maus im Haus, o Graus
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Die Maus ist möglicherweise ein etwas unmodernes, ja rückläufiges Tiermodell. Man denkt bei dem Namen auch eher an das Computer-Utensil. Aber früher, als man noch im unsanierten Altbau logierte und die Speisekammer voll Dinkel und Grünkorn war, da hatte man mit diesen kleinen lästigen Biestern viel zu tun. So wie Finn Linder, der Antiheld in diesem Roman. Der Mann setzt seinen Lebensfrust in Lebensmittelzusichnahme um. Als Teenager hatte er seinen Magen im Griff, und aus Liebe nahm er einst auch ab. Doch die Enttäuschung kam immer prompt: Mutter, Ehefrau, Chefs, sie alle trieben Linder wieder zum ungezügelten Fressen. Nun sitzt er nur noch am Computer und spielt die Wirklichkeit nach. Dabei stört ihn die Maus. Sie treibt ihn zum Wahnsinn, denn wie der Titel des Romans schon evoziert: Die Maus ist im Kopf von Linder. Sie treibt ihn zur Rache an Mutter, Frau und Chef. Sprengstoff wird besorgt und raffiniert appliziert. Aber diese gottverdammte Maus im Kopf.
Der zweite Roman der in Allschwil bei Basel lebenden Sandra Hughes ist manchmal etwas kompliziert, der Verfall ihres Helden ist stellenweise ein bisschen überkandidelt und uneinsichtig dargestellt. Die Figur dieses
Unglücksraben Finn Linder jedoch ist eindrücklich gezeichnet: Ein trostloser, verzweifelter Luftballon, den die häss-lichen Leibesausdünstungen der ihm nächsten Menschen durch eine verbohrtbetonierte Stadt treiben.

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Sandra Hughes: «Maus im Kopf». Limmat Verlag, 200 S., gebunden, Euro 21.50 / sFr. 32.–

 

 

Zur Nachtzeit fasst der Kormoran
Zu gern die Kormoranin an
Was diese, wenn auch ungern, duldet
Weil sie ihm zwei Mark fünfzig schuldet.
Robert Gernhardt

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Die unbewusste Hyäne
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Der Surrealismus in Leonora Carrington ist den Tieren sehr zugetan: «Zu der Zeit, als ich eine Debütantin war, ging ich häufig in den Zoo. Ich ging so oft dahin, dass ich die Tiere besser kannte als gleichaltrige Mädchen.» Die Debütantin trifft dort die Hyäne, die sich bereit erklärt, für das widerwillige Mädchen zu dessen erstem Ball zu gehen: In Stöckel- und Handschuhen und verkleidet mit einem Menschengesicht, dem eines Dienstmädchens, welches die Hyäne beim Fressen übrig gelassen hat. Weil sie so fürchterlich stinkt, wird die Hyäne aber als solche entlarvt. Dumme, unverständige Menschen. Das Tier ist das Unbewusste bei Leonora Carrington. Aber es bewegt sich ganz selbstverständlich durch die Geschichten. Die Autorin schreibt über fleischfressende Kaninchen, white rabbits, 25 Jahre bevor Jefferson Airplane davon singen. Es gibt bei ihr sowjetrussische Ratten, die operieren können. Die Mutter als Kuh. Weisses Mädchen Apfelstute.
Carrington floh als Zwanzigjährige mit Max Ernst aus dem unfreundlichen englischen Elternhaus in die karge Ardèche. Emigrierte dann wegen der Nazis aus Südfrankreich nach Mexiko und später in die USA. André Breton bezeichnete sie als schöne Hexe und nahm die Story mit der Hyäne in seine berühmte «Anthologie des Schwarzen Humors» auf. Leonora Carrington soll sich einmal während eines Galadiners mit anständigen Leuten die nackten Füsse mit Senf bestrichen haben.
Surrealismus. Sie malte wunderliche Bilder mit Tieren und Menschen und Zwischenwesen. Ihre Erzählungen sind verstörend. Es sind grandiose Zeugnisse von Angst und Verzweiflung, von tiefstem Wissen um das Tier im Menschen. Oder umgekehrt!

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Leonora Carrington: «Die Windsbraut». Edition Nautilus, 256 S., broschiert, Euro 14.90 / sFr. 26.50

 

Der Haubenbär spricht mit
Bedacht:
«Die Bären werden nachts
gemacht!»
Dann rennt er mit Gegröhle
In seine Bärenhöhle.
F. W. Bernstein

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Der Wolf als Ornament
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«Schenken Sie dem Wolf keine Beachtung. Und tun Sie keine Lebensmittel in Ihren Rucksack.» Das empfiehlt der Leiter des Philosophieseminars seinen Studenten. Denn dieser Mann namens Mark Rowlands hat einen Wolf namens Brenin. Das Tier, einst als süsser Welpe gekauft, begleitet den Philosophen auf all seinen Wegen. Erwarte das Unerwartete! Kann der Mensch etwas von den Tieren lernen? Selbstverständlich. Das Wichtigste im Leben, so Rowland, hat er nicht von Edmund Husserl oder Ludwig Wittgenstein, sondern von seinem Wolf gelernt. Zum Beispiel in der Hoffnungslosigkeit noch Haltung zu bewahren. Und die wölfische Maxime ist sowieso: Erst beschnüffeln, dann vollständig zerstören.
Rowlands Wolf-Philosophie ist ein hübscher Text über eine herausfordernde Beziehung. Oft wird der Wolf von den Menschen idealisiert, aber angesichts des rätselhaft wirren Treibens dieser haarlosen Menschenaffen, die ihn umgeben, ist das durchaus verständlich und verzeihlich.

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Mark Rowlands: «Der Philosoph und der Wolf». Verlag Rogner & Bernhard, 284 S., gebunden, Euro 19.90 / sFr. 48.–

 


Der Wal vollzieht den Liebesakt
Zumeist im Wasser. Und stets nackt
Robert Gernhardt

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Die chinesische Comic-Katze
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Dawei studiert – wir schreiben das Jahr 1989 – in der chinesischen Hauptstadt Peking. Er tut das aber nicht an einer der grossen, wichtigen Universitäten, weil seine Eltern des westlichen Abweichlertums verdächtigt werden. Das beweist schon sein Name, denn Dawei ist die chinesische Form von David. Dawei interessiert sich eigentlich nur für Comics – in die Studentenunruhen dieses Jahres gerät er auch nur hinein, weil er sich in eine der Rädelsführerinnen verliebt hat. Dann aber erlebt er das Massaker am Tian’anmen-Platz mit, und nichts mehr ist so wie vorher. Unterdessen ist Dawei auch eine Katze zugelaufen, die er Haohao nennt. Irgendwann beginnt das Tier zu sprechen und schliesslich wandert es an Stelle seines Herrchens nach Hollywood aus. Dort wird Haohao nach allerhand Unbill zum Filmstar!
Li Dawei hat einen ziemlich merkwürdigen Roman geschrieben, der ganz anders ist als all das Zeug, das wegen der Einladung Chinas an die Buchmesse auf den Markt gehauen wurde. Hier handelt es sich um einen radikal subjektiven Bericht mit animalischen Abweichungen, ein Bericht, der in seinen schönsten und verzweifeltsten Momenten beispielsweise an Oskar Maria Grafs Revolutionsgeständnisse heranreicht.

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Li Dawei: «Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam».Knaus Verlag, 318 S., gebunden,
Euro 19.95 / sFr. 34.90

 


Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.
F. W. Bernstein

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Sture Stiere
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Auch der gehörnte Kollege, bekannt als Werbe-Silhouette des Weinbrands der Marke Osborne, darf hier in seiner bedrohlichen Allegorik nicht fehlen. Der Stier als Star in Pamplona. Wenn in der Hauptstadt der Provinz Navarra dasjunge Hornvieh losgelassen wird und durch die Stadt klötert, dann saust den Stieren eine weiss gekleidete Menge Abenteuerlustiger voraus. Die Suche nach der Grenze, aber schon so was von explizit! Weil dann einzelne dieser Menschlein ab und zu aufgespiesst werden, so klimpern die Synapsen und Tasten: Existentielle Erfahrung! Prima Romanstoff! Irgendwie in Zusammenhang bringen, am besten mit verratener Liebe!
Ach je, Pamplona, dort hab ich mal als junger Mensch bzw. langhaariger Hippie ein Hotelzimmer gesucht und selbstverständlich keines bekommen. Erwartet also nicht, dass ich Pamplona gut finde. Wie das schon klingt. Pam-pig. Genauso war der Mann an der Hotelrezeption. Pamplona, eine geistige Pampelmuse. Pampa. Pampf. Leicht angefault! Wie dieser Roman. Es schmerzt mich in der Seele, aber dieser Boxer, der als Ersatzschwängerer in die Emotionsfalle gerät, die vermeintliche Geliebte misshandelt und in Pampelmusia den Deathwish entdeckt, ist ein literarischer Pamploneser. Da nützen auch ein paar schöne Stellen über das Boxen nichts!

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Jan van Mersbergen: «Morgen sind wir in Pamplona». Kunstmann Verlag, 188 S., gebunden, Euro 19.95 / sFr. 31.50

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Illustration: M.S.Bastian