S T R A P A Z I N

Wissenschaftlichen Studien zufolge denken die meisten Menschen mehrmals am Tag nicht an Sex. Männer ein bisschen weniger, Frauen angeblich häufiger. Gemeinsamer Nenner aller Untersuchungen ist die menschliche Natur, sie ist bei beiden Geschlechtern nachweisbar. Ihr begegnete man in der Vergangenheit mit Misstrauen; imaginäre Zäune wurden errichtet zwischen der kultivierten Welt des Geistes und der wilden ungeordneten Natur. Letztere war nun für viele Jahrhunderte draussen, aber beunruhigenderweise blieb

  sie trotzdem drinnen. Mitte des 19. Jahrhunderts, am traurigen Höhepunkt dieser kollektiven Psychose, schrieb ein ungenannter Autor: «Dem Körper zu entkommen dient die ganze Anstrengung der Kultur, ihm die Natur auszutreiben», und vergisst nicht, hinzuzufügen: «Die Frau ist nur Natur, sie kann die Seele vom Körper nicht trennen, sie ist so einfach wie die Tiere. Die Frau ist natürlich, das heisst: abscheulich. » An lehrreichen Versen zur Austreibung immanenter Scheusslichkeiten mangelte es nicht:
Die Kultivierungsknute wurde natürlich gegen beide Geschlechter geschwungen (erfinderische Gemüter konnten nicht unerheblichen Genuss daraus ziehen), die Hauptlast aber hatte die weibliche Hälfte der Bevölkerung zu tragen. Es verwundert nicht, wenn Wolfgang Bortlik in diesem Heft in seiner Kolumne «Das geschriebene Wort» in 400 Jahren Sex-Lyrik deutscher Autoren schwelgen kann, während die Autorinnen züchtig schweigen. Noch die Generation unserer Grossmütter hatte keinen Namen für ihre irgendwo da unten verorteten Organe. Die Zeiten haben sich glücklicherweise geändert, heute nennen wir sie Feuchtgebiete.
Der eine chinesische Comic dieser Ausgabe erzählt von einer Frau, die in einer Vase geboren wurde, nur der Kopf schaut heraus. Die Vase umschliesst ihren Leib, jenes kostbare Gefäss, ihren Unterleib, die verborgene Büchse.

  Eine geheimnisvolle Büchse kennt auch die griechische Mythologie, die uns vorsorglich warnt: «Wehe, wenn sie geöffnet wird!»
Wir haben uns in diesem Heft erlaubt, den Deckel des Schatzkästchens zu lüpfen. Passend zum Frühlingsbeginn haben wir Zeichnerinnen und Zeichner um erotische Geschichten gebeten. Und siehe da, die befreite Frau in der chinesischen Geschichte verzichtet darauf, Rache zu nehmen oder sonstige Übel zu verbreiten. Sie entdeckt die Freuden des neugewonnenen Körpers und will sie geniessen, anstatt ihre Zeit zu vergeuden. In diesem Sinn wollen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, einladen, teilzuhaben und gegebenenfalls auch Hand anzulegen.

Viel Vergnügen!
Ulli Lust