KURZ UND GUT

 

 

Neben sozialrealistischen Krimis ist Jacques Tardis liebstes Genre der Anti-Kriegs-Comic. Mit «Elender Krieg» legt er abermals eine zweibändige Geschichte zum Ersten Weltkrieg vor. «Bericht» statt «Geschichte» würde Tardis neue Arbeit allerdings besser beschreiben, da er dieses Mal mit einem relativ starren Seitenaufbau und ohne Sprechblasen seinen Protagonisten in detailliert gezeichneten Tableaus erzählen lässt. Im Gegenzug gibt es einen 20-seitigen Anhang des Historikers Jean-Pierre Verney, der mit seinem Text und historischen Fotos Hintergründe liefert.

Tardi & Verney:
«Elender Krieg 1914–1915–1916».
Edition Moderne, 72 S., Hardcover, farbig,
€ 19.80 / sFr. 29.80

Underground-Legende Robert Crumb beschäftigt sich mit Religion. Nichts Geringeres als eine Adaption der Genesis legt er vor. Entgegen aller Vorahnung ist die Bibelgeschichte bei ihm weder blasphemisch gewürzt noch sexuell übersteuert. Es ist schlicht ein Versuch, diese starke Erzählung in all ihrer Kuriosität, Redundanz und Fragwürdigkeit wiederzugeben. Womit wir beim Problem wären: Die
Säkularisierung hat zwar ganz automatisch einen leicht spöttischen Unterton, doch will man sich das über 200 Seiten antun? Eine blasphemischere Interpretation wie bei Ralf König macht da klar mehr Spass. König legt nach seiner Genesis-Interpretation «Prototyp» mit «Archetyp», der Geschichte um die Arche Noah, nicht minder komisch nach: Der alte Noah ist hier ein verblendeter Fanatiker, der immerzu «Verderbnis!» ruft und die Sintflut einfordert. Das ist sogar Gott zu viel, und so wird Noah ein lehrreicher Streich gespielt.

Robert Crumb: «Genesis».
Carlsen, 224 S., Hardcover, s/w,
€ 29.90 / sFr. 50.90

Ralf König: «Archetyp».
Rowohlt, 144 S., Hardcover, farbig,
€ 16.90 / sFr. 31.80

François Bourgeons «Reisende im Wind», ein Klassiker des Historiencomics aus den späten 70er und frühen 80er Jahren, wird anlässlich der anstehenden Fortsetzung wiederveröffentlicht. Isa muss aufgrund einer Verwechselung statt des behüteten Lebens als Tochter eines Adeligen allerlei Abenteuer erleben. Die draufgängerische Schönheit reist über die Meere, trifft den Matrosen Hoel, mit dem sie schliesslich im soeben erschienenen dritten (von sechs) Band mit einem Sklavenschiff nach Afrika gelangt. Dass Bourgeon vor seiner Karriere als Comiczeichner Glasmaler war, merkt man den detailreichen und farbintensiven Zeichnungen an. Dass er ein solch guter Erzähler ist, der galant zwischen grausamem Realismus und keckem Humor wechselt und dabei stets die Spannung hält, hätte man bei einem Glasmaler nicht unbedingt vermutet.
«Cheri-Bibi», nach einem Roman von Gaston Leroux («Das Phantom der Oper») von Pascal Bertho und Marc-Antoine Boidin in Szene gesetzt, ist ebenfalls ein Seestück. Wie Isa Ende des 18. Jahrhunderts, ist der Metzgerlehrling, der sich später Cheri-Bibi nennt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch eine Intrige zu einem anderen Leben verdammt. Man schiebt ihm einen Mord unter, er wird gejagt, verhaftet und deportiert. Doch während eines Gefangenentransports gibt es eine Meuterei, deren Anführer Cheri-Bibi ist. Zeit für Rache! Boidin zeichnet die von Bertho spannend erzählte Geschichte kantig und mit leicht expressiven Zügen. Ein düsterer Thriller, der stets noch eine Überraschung in der Hinterhand hat.

François Bourgeon:
«Reisende im Wind».
Splitter, je 48 S., Hardcover, farbig,
€ 14.80 / sFr. 27.90

Pascal Bertho & Marc-Antoine Boidin: «Cheri-Bibi».
Splitter, 176 S., Hardcover, farbig,
€ 22.80 / sFr. 41.80

So unspektakulär die Geschichte von «Das Nest» auch ist, die Protagonisten in dem kleinen Dorf in Kanada wachsen einem von Band zu Band mehr ans Herz. In «Bekenntnisse», dem vierten Teil, haben sich die Einwohner des Dorfs längst an den Fremden Serge gewöhnt. Der gebildete Grossstädter ist hier Anfang des 20. Jahrhunderts gestrandet. Mit der Witwe Marie verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Sie weiss inzwischen, dass er schwul ist, aber begreift sie es wirklich? Und wie soll man der Dorfgemeinschaft das erklären? Das schön bebilderte Werk der Altmeister Loisel und Tripp erzählt liebevoll und romantisch, ohne zu verklären.

Loisel & Tripp:
«Das Nest 4 – Bekenntnisse».
Carlsen, 72 S., Hardcover, farbig,
€ 18 / sFr. 32.90

Als sein bester Freund und Angelpartner stirbt, weiss der Rentner und Witwer Èmile nicht mehr so recht, was er auf dieser Welt soll. Er bricht noch einmal auf zu einer Reise in den Tod, findet stattdessen aber das Leben. Pascal Rabaté erzählt in «Bäche und Flüsse» mit dünnem Strich und gedeckten Farben von der wiederentdeckten Lust am Leben und an der Liebe – auch der körperlichen.
Ebenfalls im ländlichen Frankreich angesiedelt ist «Elende Helden» von Baru. Die Adaption eines Romans von Pierre Pelot erzählt von einem Verlierer, einer Erzieherin, einem behinderten Kind und wie unglückliche Umstände zu einer Katastrophe in der Kleinstadt mit dem düsteren Kinderheim führen. Barus dynamischer Zeichenstil passt vortrefflich zu der energiegeladenen Story, in der die Beteiligten zu Überreaktionen neigen, die die sozialen Umstände verständlich machen. Ein desolates Szenario voller Spannung und latenter Gewalt.

Pascal Rabaté: «Bäche und Flüsse».
Reprodukt, 96 S., Softcover, farbig,
€ 18 / sFr. 33.90

Baru & Pierre Pelot: «Elende Helden».
Edition 52, 96 S., Softcover, farbig,
€ 18 / sFr. 33.90

Der umtriebige Joann Sfar hat gerade eine Adaption von Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» vorgelegt. Die Buchvorlage ist ja bereits mit Zeichnungen versehen, es ist also nur ein halber Wechsel des Mediums. Sfar, ansonsten gerne wild, nähert sich dem ruhigen melancholischen Ton der Vorlage und verdichtet die Essenz des weisen Werks für Kinder und Erwachsene.

Joann Sfar: «Der kleine Prinz».
Carlsen, 112 S., Hardcover, farbig,
€ 14.90 / sFr 27.50

Canardo, der melancholische Enten-Detektiv im Trenchcoat kommt in „Die Frau ohne Gesicht“ diesmal mit der High Society in Berührung. Die ist mindestens so niederträchtig und pervers wie das Rotlichtmilieu, dem die titelgebende Frau entstammt. Sokal ist wieder einmal eine kongeniale Film-Noir-Hommage gelungen

Sokal: «Inspektor Canardo 18 –
Die Frau ohne Gesicht».
Schreiber & Leser, 48 S., Softcover, farbig,
€ 12.95 / sFr. 25.80

Hervé Bourhis erzählt mit «Das kleine Rockbuch» seine subjektiv geleitete Geschichte der Rockmusik. Er reiht kurzweilig Anekdoten, legendäre Posen, Porträts oder schlicht Plattencover und Lieblingslisten aneinander. Ein Coffetable-Book unter den Comics.

Hervé Bourhis: «Das kleine Rockbuch».
Carlsen, 208 S., Softcover, s/w,
€ 19.90 / sFr 35.90

«Gustav und der Professor» ist der zweite Teil der «Erstlesercomics» des Autors Haimo Kinzler und des Kölner Zeichners Leo Leowald («Zwarwald»). Wie im ersten Band geht es surreal und actionreich zur Sache. Die Story dieses Comic/Bilderbuch-Zwitters erinnert ein wenig an Joann Sfar, die Zeichnungen an Lewis Trondheim. Keine schlechten Bezugspunkte.

Leo Leowald:
«Gustav und der Professor».
Stromboli, 86 S., Hardcover, farbig,
€ 10 / sFr. 19.90

Einen guten Einstieg in das Universum der Comic-Kultur und ein fundiertes Nachschlagewerk für Kenner bietet «Die grossen Künstler des Comics» des Kölner Autoren Klaus Schikowski. In knappen Porträts werden 32 Comic-Künstler fundiert vorgestellt. Nebenbei ergibt sich so auch eine reich bebilderte Chronologie der Comicgeschichte, die bis in die aktuellste Gegenwart reicht.

Klaus Schikowski:
«Die grossen Künstler des Comics». Edel, 256 S., Hardcover, s/w u. farbig,
€ 29.95 / sFr. 52.—


3. Mai bis 7. Mai: Fumetto Comic-Workshop 2010
mit Patrice Killoffer!

Mit «Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer» schuf der französische Zeichner Killoffer einen der zehn besten Comics des letzten Jahrzehnts. Daneben hat er sich durch seine vielen Illustrationen für Tageszeitungen, vor allem für die «Libération», einen Namen gemacht. Der Workshop bietet Platz für maximal 12 BewerberInnen. Der Bewerbung sind Fotokopien eigener Arbeiten beizulegen.

ANMELDUNG :
Hochschule Luzern
– Design&Kunst, StR ILLUSTRATION –
Stichwort «Fumetto Comic Workshop 2010», z.Hd. Katja Hunkeler, Sentimatt 1, CH–6003 Luzern, Schweiz.
Für Studenten von Kunstschulen, Akademien und Fachhochschulen aus dem In- und Ausland ist die Teilnahme kostenfrei (Bitte Kopie eines Studentenausweises beilegen).
Alle anderen bezahlen einen Unkosten­beitrag von sFr. 160.­— Bewerbungsschluss ist der 31. März (Poststempel)