DAS MAGAZIN |
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Nimms
in den Volksmund!
Lange ist’s her, da besass ich Ernest Bornemanns wunderbares
Buch «Sex im Volksmund. Die sexuelle Umgangssprache des deutschen
Volkes», ein Füllhorn schweinischer Verse, versauter Kinderlieder,
schmutziger Abzählverse und obszöner Gedichte, aus dem ich meinen
Freundinnen jeweils spätabends zwecks Einstimmung in die bevorstehenden
Aktivitäten vorzulesen pflegte. Irgendein WG-Bewohner auf der Suche nach
Stimulantien entlieh sich später das ebenso lustige wie lustvolle Werk
und behielt es gleich für sich. Schade, denn unterdessen ist es längst
vergriffen. Zum Glück gibt es nun im jungen Zürcher Verlag Walde+ Graf
eine nicht minder verschärfte Sammlung deftiger Volksdichtungen, in der
es, genau wie im vorliegenden Heft um die letztlich wichtigsten Dinge
des Lebens geht, um Geschlechtlichkeit und das ganze Drumherum, ums
Ficken, Bumsen, Vögeln, ums Lecken, Wichsen, Blasen. Von A bis Z, also
von «Der Adler fällt vom Büchsenschuss, der Arschfick ist ein
Hochgenuss» bis «Die Ziege auf dem Acker grast, die Zunge um den Kitzler
rast» führen uns die beiden Herausgeber Andreas Fischer und Manfred C.
Reimann sowie die Herausgeberin Gesine Karge vor, was Ihnen beim
Durchstöbern der expliziten deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts
besonders ins Auge oder sonst wohin stach.
Und dies tun sie zum Glück weit weniger enzyklopädisch und
akademisch als damals Bornemann, sondern stets mit Freude an der Sache
und ohne falsche, sprich aufs politisch Korrekte zielende Hemmungen;
sogar modische tierschützerische Überlegungen werden locker übergangen,
was auch interessanten und in den landläufigen TV-Tiersendungen eher
unterdrückten Beobachtungen Platz verschafft: «Ein Elefant poppt alles
auf der Welt, weil ihm das Poppen so gefällt. Am liebsten poppt er
kleine Spatzen, weil sie am Schluss so lustig platzen.»
Unterbrochen werden die Texte von vierzehn farbigen Bildtafeln,
hübschen geilen Miniaturen aus dem letzten Jahrhundert, an denen sich zu
ergötzen ein spritziges Vergnügen ist. Bleibt zu hoffen, dass bald auch
die nächsten beiden der drei geplanten Bänden erscheinen.
Christoph Schuler
Fischer, Karge, Reimann (Hrsg.):
«Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins», Band 1,
(Volkserotik). Walde+Graf, gebunden, vierfarbig, € 19.95 / sFR.
32.—
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Pulp Fiction
«Die Nacht war frisch. Parker verspürte plötzlich Hunger. Er
ging in sein Hotel, wo eine heisse Dusche und ein saftiges Steak auf ihn
warteten.» An diesen Sätzen wäre nichts Aussergewöhnliches, hätte
besagter Parker Momente vorher nicht einen Mann mit seinen blossen
Händen umgebracht. Nicht weiter erstaunlich, denn Parker ist ein
hartgesottener Ganove aus der Feder des amerikanischen Krimiautoren
Donald Westlake. Unter dem Pseudonym Richard Stark schrieb er zwischen
1962 und 1974 mehrere Romane, deren Hauptfigur der kaltblütige Gangster
Parker ist; ein Mann, der– so Westlake – aussieht wie der Schauspieler
Jack Palance. Der wortkarge Parker, der lieber seine Fäuste sprechen
lässt, ist ein physischer Mensch, der einzig seinem Körper vertraut. So
schreitet er am Anfang seiner Odyssee zu Fuss über die George Washington
Bridge Richtung New York, wo er seine Gegner ausschaltet.
Der erste Roman aus der Parker-Serie, der den Titel «The Hunter»
trägt, wurde nun vom kanadischen Zeichner Darwyn Cooke adaptiert. Cooke
hat sich in den 90ern einen Namen gemacht als Animator von Batman- und
Superman-Zeichentrickserien und später als Zeichner und Texter für
Marvel und DC. In seiner überaus erfolgreichen Mini-Serie «The New
Frontier» – eine Geschichte an der Schwelle zwischen «golden» und
«silver age» des Super-
heldencomics – wird Cookes stilistisches Flair für die 50er und
60er Jahre ersichtlich. Daher ist keiner so geeignet wie er, Mode und
Architektur des 1960er-Krimis einzufangen: New Yorks Fassaden mit seinen
Leuchtreklamen, Männer in eng geschnittenen Anzügen, schma-len
Krawatten und Fedoras, Frauen im Jackie-Kennedy-Stil. Im Gegensatz zur
Eleganz der Umgebung stehen die männlichen Protagonisten der Unterwelt
mit ihren kantigen Gesichtern und groben Zügen. Diese wiederum passen
zur kruden Geschichte. «The Hunter» ist nämlich nichts anderes als eine
einfache Rachegeschichte eines Mannes, der nach einem erfolgreichen Coup
von seiner Freundin und seinem Partner betrogen wird und nun
zielstrebig wie ein «Pistolenschuss in die Brust» in New York einfährt,
um die Verräter zu töten und sein Geld wiederzubekommen.
Giovanni Peduto
Darwyn Cooke: «Richard Stark’s Parker: The
Hunter».
IDW Publishing, San Diego 2009, 144 S., gebunden, zweifarbig, $
24.99
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Subjektive Liebe
Das Comicschaffen im frankophonen Raum sorgte in letzter Zeit
für wenig Aufregung, umso mehr setzt man die Hoffnung auf junge Autoren.
Der 26 jährige Bastien Vivès sorgte erstmals für Aufsehen, als er im
letzten Jahr mit dem Comic «Le goût du chlore» (erscheint im Sommer bei
Reprodukt unter dem Titel «Der Geschmack von Chlor») in Angoulême den
Preis für den besten Nachwuchszeichner erhielt. Die Geschichte handelt
von einer flüchtigen Liebesgeschichte im Hallenbad und von der
Schüchternheit des Protagonisten, der die Liebe im Keim ersticken lässt.
Das Ganze in einem simplen, in Hallenbadfarbton gemaltem Stil. Der
erzählerische Schwerpunkt und zugleich das Lieblingsthema von Bastien
Vivès ist die schwierige, erste Liebe zwischen jungen Menschen. So auch
in seinem folgenden Buch «Dans mes yeux». Die relativ einfache
Geschichte erzählt von einer Liebe zwischen zwei Studenten. Der
Protagonist (oder vielleicht die Protagonistin) lernt ein Mädchen
kennen, sie gehen aus, erster Kuss im Kino, unverständliche
Traurigkeitsattacken des Mädchens, erster Sex, das Mädchen hat
Gewissensbisse, Trennung, zurück bleibt ein ratloser Protagonist.
Die Geschichte ist in diesem Fall weniger ihres Inhalts wegen
interessant, sondern wegen ihrer graphischen und erzähltechnischen
Eigenheit. Vivès – dessen Arbeitsmethode es ist, alles, was er sieht, im
Kopf zu speichern und dann aus der Erinnerung zu zeichnen – erzählt die
Handlung aus dem subjektiven Blickwinkel des Protagonisten. Die Leser
sehen mit den Augen der Hauptfigur, während deren Stimme unhörbar
bleibt. Das zwingt die Leser, sich die Fragen oder Antworten des
Protagonisten hinzuzudenken. Vivès hat die Technik zwar nicht erfunden,
doch seine fragmentarische Erzählung, die der Leser selber zu deuten
hat, verleiht dem Buch eine gewisse Spannung. Ebenso interessant ist der
Gebrauch von Farbstiften, welche den Zeichnungen eine
impressionistische Stimmung verleihen und den subjektiven Blick betonen.
Giovanni Peduto
Bastien Vivès: «Dans mes yeux».
Casterman KSTR, 2009, 133 S., gebunden, farbig, € 16.— / sFr. 31.—
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Grosse Gefühle
Der deutsche Titel des neuen Taniguchi-Bandes klingt wie ein
philosophisches Werk: «Von der Natur des Menschen». Philosophiert wird
hier zwar nicht, aber um den Menschen geht es sehr wohl. Jiro Taniguchi
hat acht Erzählungen des japanischen Autors Ryuichiro Utsumi
zeichnerisch umgesetzt, in denen Menschen in verschiedensten
Lebenssituationen aufeinander treffen, Erwachsene und Kinder, Verwandte
und Nachbarn. Ein Mann trifft seine Tochter wieder, die er 23 Jahre
nicht gesehen hat. Ein Grossvater macht sich Sorgen um seine Enkelin,
weil sich ihre Mutter verantwortungslos verhält. Zwei Jungen versuchen
ihren Hund zu finden, den sie weggeben mussten. Die Geschichten handeln
von zwischenmenschlichen Alltäglichkeiten, von Versöhnungen, Verlusten,
späten Einsichten, oder auch einer Liebe in hohem Alter. Eine perfekte
Thematik also für Taniguchi, welcher der Entwicklung von Charakteren
stets viel Raum gibt und bei dem die innere Handlung sogar häufig eine
grössere Rolle einnimmt als die äussere. Und tatsächlich wird man in
dieser Hinsicht nicht enttäuscht. Taniguchis klarer, ruhiger Stil fängt
den nachdenklichen Ton der Erzählungen einfühlsam ein. Er illustriert
die Handlung teils in poetischen Naturbildern, teils in detailreichen
Darstellungen von Grossstädten und Innenräumen und setzt dabei auch
immer wieder seine faszinierenden Perspektivenwechsel ein.
So weit, so gut – wenn nur der Text nicht wäre. Davon gibt es
nämlich ganz einfach zu viel. Taniguchi ist normalerweise gerade dann am
stärksten, wenn er ohne Worte auskommt, denn dann erzählt er am
meisten. Hier jedoch ist in die meisten der Zeichnungen erzählender Text
eingebaut, der an vielen Stellen gar nicht notwendig wäre um die
Handlung zu verstehen. So wird leider immer wieder die magische Ruhe
gestört, die Taniguchis Bilder ausstrahlen. Hinzu kommt, dass einige
Passagen etwas arg gefühlsbetont daherkommen. Sie bewegen sich oft nah
am Kitsch und übertreten diese Grenze sogar in einigen Fällen.
Ein Genuss ist «Von der Natur des Menschen» trotzdem, und zwar
einfach aufgrund der meisterhaften und stimmungsvollen Zeichnungen, die
einen unwiderstehlich in ihren Bann ziehen. Für Taniguchi-Fans ist der
Band sowieso ein Muss.
Jan Westenfelder
Ryuichiro Utsumi (Text), Jiro Taniguchi
(Zeichnungen):
«Von der Natur des Menschen».
Carlsen, 219 S., Softcover, schwarz-weiss, € 14.90 / sFr. 27.50
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Voice of a Generation
«One Model Nation» entstand aus einer Idee von Courtney Taylor,
dem Frontmann der US-Rock-Band The Dandy Warhols. Passenderweise geht
es dabei auch um eine Band, eben One Model Nation, eine fiktive deutsche
Industrial-Art-Punk-Band, die Ende der 70er Jahre grosse Erfolge
feiert. Immer wieder werden ihr jedoch auch Verbindungen zur RAF
unterstellt, und tatsächlich versuchen die Terroristen – wie aber auch
die Medien und der Staat – das Image und die Musik der Band für
Propaganda-Zwecke zu benutzen. In der Folge werden die Musiker von One
Model Nation immer wieder als «Galionsfiguren ihrer Generation»
bezeichnet, die sie jedoch gar nicht sein wollen. Wichtig ist für sie
einzig ihre Musik, weshalb sie versuchen, sich von politischen Kontexten
zu distanzieren, worin sie letzten Endes aber scheitern.
Der Plot ist also äusserst viel versprechend, gerade auch, weil
ein Musiker für die Handlung verantwortlich zeichnet. Erstaunlicherweise
spielt die Musik selbst aber gar keine grosse Rolle. Aufgrund der
Instrumente und des Stylings der Band kann man sich zwar ungefähr
vorstellen, wie One Model Nation klingen könnte, nämlich wie eine
Mischung aus Kraftwerk, DAF und den Einstürzenden Neubauten,
thematisiert wird das aber nicht weiter. Überhaupt muss man bei der
Handlung einige Abstriche machen, denn sie wirkt stellenweise
unnatürlich verkürzt. So werden Handlungsstränge nicht zu Ende geführt
und auf Ereignisse später kein Bezug genommen. Auch die Dialoge wirken
mitunter etwas hölzern und uninspiriert. Was dazu am Ende irritiert:
Klappentext und Prolog versprechen, dass die Umstände des Verschwindens
der Band geschildert würden, doch dies ist nicht der Fall.
Umso gelungener ist die grafische Umsetzung der Geschichte.
Besonders durch spezifische Details im Hintergrund gelingt «Street
Angel»-Zeichner Jim Rugg eine realistische Darstellung der Zeit und der
Szene, wobei im Mittelpunkt immer die Figuren stehen. Sämtliche Farben
sind durch Grautöne bestimmt, wodurch der Eindruck von verblichenem
dokumentarischem Material entsteht. Wenn etwas farblich hervorgehoben
wird, dann durch Rot, das vor den Grautönen noch knalliger und
aggressiver erscheint. Die Panels sind grösstenteils regelmässig
angeordnet, aber immer wieder werden auch textlose, sozusagen «stumme»
Splash Panels eingebaut,die – Schnappschüssen gleich – besondere Momente
der Handlung hervorheben und festhalten.
Etwas enttäuscht ist man nach der Lektüre dennoch. Zu verkürzt
und ausschnittsartig werden hier Fakten aus der Geschichte der RAF
eingebaut und im Dienste der Story auch verändert, und zu wenig erfährt
man über die Musik der Band. Spannend und interessant ist der Comic aber
trotzdem. Abgesehen von den tollen Zeichnungen wird hier zumindest ein
Stimmungsbild vermittelt, und genau darin liegt die Stärke von «One
Model Nation».
Jan Westenfelder
C. Allbritton Taylor (Text),
Jim Rugg (Zeichnungen):
«One Model Nation».
Image Comics, Berkeley CA, 2009, 144 S., Softcover, farbig, $ 18.—
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Aufmerksamer
Beobachter
Eigentlich gab's während der Wirtschafts- und Bankenkrise wenig
zu lachen, hätte nicht Noyau mit seinen Cartoons die unfreiwillige
Komik des nicht selten surreal anmutenden Geschehens um faule
Wertpapiere, grandiose Bankrotte, überrissene Boni, uneinsichtige
Manager und den die Bankenwelt rettenden «Supersteuerzahler»
blossgestellt. Damit bewies er Woche für Woche in der in Zürich
erscheinenden Sonntagszeitung, dass eine witzige Zeichnung ebensoviel
aussagen kann wie der klügste Leitartikel, und das erst noch prägnanter
und verständlicher. In «Die Chronik der Krise» rollt dieser ökonomische
Wahnsinn ohne Methode in 49 Zeichnungen nochmals ab – eingefangen in
Noyaus aufwändig und elegant gemalten Miniaturen. Und weil die
Geschäftswelt wenig Einsicht zeigt, wird diese Fibel weniger an
Aktualität verlieren, als uns lieb ist.
Noyau – eigentlich Yves Nussbaum, ein in Zürich lebender und in
Strapazin immer gern gesehener Westschweizer – ist eine
Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Zeich- nerszene. Er ist, wie seine
vier in den letzten Monaten erschienenen Bücher beweisen, nicht nur ein
überaus begabter, sondern auch ein überaus vielseitiger Comic-Zeichner,
Maler, Cartoonist und Illustrator. Er beherrscht den politischen
Kommentar ebenso wie die hohe Kunst des komischen Comic-Strips; in
«Nile's Lines», seinem Skizzenbuch eines Ägypten-Aufenthalts, entpuppt
er sich als gut beobachtender Reisezeichner, und ähnlich treffsicher
versieht er im Postkartenbuch «Isch es wahr?» Matto Kämpfs
schwarzhumorige, in währschaftem Schweizer Dialekt verfasste
Kürzest-Moritaten aus den gottvergessenen Emmentaler Tälern mit
altmeisterlich gemalten, Postkarten nachempfundenen Impressionen aus
abgelegenen Käffern, wobei er jeglichen idyllischen Kitsch subtil
unterläuft.
Zur Höchstform läuft Noyau auf, wenn er mit hintergründigem
Humor Kunst, Künstler und den Kunstmarkt reflektiert. Vor einigen Jahren
setzte er der Schweizer Kunst der letzten hundert Jahre in seinem
epochalen «Musée Réduit» (das die Edition Moderne in Form einer
Landkarte veröffentlichte) ein liebe- und respektvoll ironisches
Denkmal. Nun, in «Faire Surface», setzt er sich mit monströsen
Kunst-am-Bau-Projekten und abstrakten Gemälden auseinander, wobei ihm
das Kunststück gelingt, selbst die abstraktesten Werke so in Szene zu
setzen, dass sie in seinen, eigenen, Bildern und Cartoons figurativ
werden. Ein Kunstgenuss der besonderen Art.
Christian Gasser
Noyau: «Faire surface».
Cadrat Editions, 88 S., Hardcover,
farbig, sFr. 60.—
Noyau/Peter Schneider:
«Die Chronik der Krise».
Walde+Graf, 64 S., Hardcover,
farbig, sFr. 25.—
Noyau: «Nile's Lines».
Gabel Shisha Publishing, Aswan/Zürich,
64 S., Softcover, farbig, sFr. 21.—
Matto Kämpf / Noyau: «Isch es wahr?».
Der gesunde Menschenversand,
Luzern, 12 Postkarten, farbig, sFr. 19.—
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Der Logiker als Superheld
Der Barbier von Sevilla hat ein einfaches Prinzip: Er rasiert
nur jene, die sich nicht selber rasieren. Damit verdient er sich sein
Geld, und seine Kunden sind zufrieden. Doch wenn er sich selber rasiert,
kommt er ins Grübeln, denn nun rasiert er ja doch nicht nur jene, die
sich nicht selber rasieren. Und wenn er sich gar nicht rasiert, dann
rasiert er mindestens einen nicht, der sich nicht selber rasiert. Der
Barbier zerbricht sich den Kopf und verliert die Ruhe in den Gedanken.
Sein Fall erinnert an den antiken Kreter, der sagte, alle Kreter würden
lügen – doch wenn er damit die Wahrheit sagte, dann log er.
Die Beschäftigung mit Paradoxen ist nicht jedermanns Sache,
schon gar nicht mit Paradoxen der Mathematik. Und doch gab es Denker,
die sich ganz der Suche nach den Fundamenten der Mathematik hingaben.
Einer von ihnen war der englische Philosoph Bertrand Russel, der
bemerkte, dass – ähnlich wie beim Barbier – die Menge aller Mengen, die
sich nicht selber enthalten, ein Paradox ist. Denn diese Menge ist nur
dann Element ihrer selbst, wenn sie es nicht ist. Ein anderer war der
österreichische Logiker Kurt Gödel, der die Mathematik in eine
«Grundlagenkrise» stürzte, weil er beweisen konnte, dass es – wie beim
Kreter – auch in jedem widerspruchsfreien formalen System der Mathematik
Sätze geben kann, die wahr, aber trotzdem nicht beweisbar sind.
Kann man aus derart alltagsfernen Gedankenspielen einen
unterhaltsamen Comic formen? Ja! Der Mathematiker Apostolos Doxiadis,
der Computerwissenschaftler Christos H. Papadimitrou, der Zeichner
Alecos Papadatos und die Koloristin Annie di Donna haben es versucht –
und ihr Experiment gelang. In Griechenland mauserte sich ihr «Logicomix»
zu einem veritablen Bestseller, und die renommierten Zeitungen
Financial Times und New York Times waren des Lobes voll für den Comic,
in dem »Superhelden über Mathematik und Wahrheit debattieren».
«Logicomix» besticht mit einer ästhetischen und erzählerischen Eleganz,
die Manga, «City of Glass» (Mazzucchelli) und «Maus» (Art Spiegelman)
kombiniert – und auch der mathematisch unbedarfte Leser wird mitgerissen
von dieser Odyssee, die Männer auf der Suche nach den
unerschütterlichen Fundamenten der Mathematik an den Rand ihres
Verstands und darüber hinaus treibt.
Florian Meyer
Apostolos Doxiadis, Christos H. Papadimitrou,
Alecos Papadatos & Annie di Donna.
«Logicomix. An Epic Search for Truth». Bloomsbury, 2009,
347 S., Softcover, farbig, £ 16.99 / sFr. 45.90
«www.logicomix.com/en/»
Videos zur Entstehung von
«Logicomix»:
«www.youtube.com/user/margarita metzger#p/a/f/0/XebglmXrgEc»
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Die Geometrie der
Emanzipation
Ein Mann geht an die Decke. Der Titel von Katharina Greves
Comic-Novelle ist wörtlich gemeint: Eines Tages löst sich ein Mann ohne
grosses Aufheben von den Zwängen des dreidimensionalen Raums und setzt
sich – sozusagen verkehrt herum – in der Stube auf die Zimmerdecke.
Einfach so, als wäre dies die normalste Sache der Welt.
Der Mann heisst Franz Fink und ist Fahrstuhlführer im Berliner
Fernsehturm. Täglich führt er die Besucher hinauf und hinunter, und es
käme ihm nie in den Sinn, dass sein Beruf etwas Besonderes sein soll,
nur weil sich ein Fahrstuhl-Führer in der Senkrechten bewegt, obschon
die Waagrechte die natürliche Bewegungs- und Orientierungsrichtung des
Menschen ist.
Der Raum und seine Dimensionen spielen in «Ein Mann geht an die
Decke» eine zentrale Rolle: Die Welt des Franz Fink ist durch und durch
geordnet, fast kleinkariert. Sein Leben vollzieht sich ohne Überraschung
zwischen Gedränge, Enge, Schwerkraft und Kreuzworträtsel. Raumnot
leidet Franz Fink eigentlich nur in den eigenen vier Wänden, weil seine
Frau Inge die ganze Wohnung mit Kartons voller Antiquitäten verstellt.
Nur das Sofa im Wohnzimmer ist frei: Auf dieses setzen sich Franz und
Inge allabendlich nebeneinander, um Kreuzworträtsel zu lösen.
Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Im Fernsehturm spricht
eine Frau Franz aus heiterem Himmel und gegen alle Regeln der
Schwerkraft von oben herab an! Von diesem Moment an steht Franz Finks
Welt auf dem Kopf: Er lernt Gabriele Koschel kennen, die in einer Welt
lebt, die quer zum normalen Raum steht. Und die Frau lehrt ihn, wie man
sich von der Schwerkraft emanzipiert. Doch Franz Fink lässt sich von der
seitenverkehrten Alternativ-Welt nicht verführen sondern emanzipiert
sich zu Hause.
So ruhig wie Franz Finks Leben ist auch Katharina Greves Strich
und Humor. Zwar bleiben Witz und Originalität von Marc Antoines Mathieus
«Der Ursprung» weiterhin das Mass aller Dinge im Comic, wenn es um den
Raum und seine Dimensionen geht, doch besticht «Ein Mann geht an die
Decke» mit einem konsequenten Erzählverlauf, bei dem sich die ganze
Kraft der Emanzipation im letzten Panel ballt und entlädt: Ein Mann hat
sich befreit – und geht an die Decke.
Florian Meyer
Katharina Greve:
«Ein Mann geht an die Decke».
Die Biblyothek, Edition Moritate, 46 S., Hardcover, s/w, € 14 /
sFr. 24.90
«www.ein-mann-geht-an-die-decke.de»
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Abstraktionen
Es ist die alte Frage, die sich immer wieder in die
Diskussionen über das Wesen der Comics drängt: Sind Comics eine
ausschliesslich figurative und narrative Ausdrucksform? Oder können
Comics abseits von Narration und Figuration als Comics funktionieren und
etwas vermitteln? So konsequent wie die von Andrei Molotiu
herausgegebene Anthologie «Abstract Comics» wurde diese Frage meines
Wissens noch nie gestellt; dieser schwere, geradezu luxuriöse
Hardcover-Band versammelt ab-
strakte Comics von 43 Künstlern, und abstrakt bedeutet hier
wirklich abstrakt, nämlich gar nicht oder nur andeutungsweise figurative
Bilder und keine offensichtlich narrativen Bildfolgen.
Das mag bis zu einem gewissen Grad widersinnig klingen,
andererseits aber beweist die Liste der veröffentlichten Autoren (von
Robert Crumb und Victor Moscoso über Gary Panter und J.R. Williams bis
zu Lewis Trondheim, James Kochalka oder den Schweizer Ibn Al Rabin,
sowie überraschenderweise auch «Mutts»-Zeichner Patrick McDonnell), dass
sich in den letzten vierzig Jahren durchaus nam- und ernsthafte
Comic-Autoren mit der Frage nach der Abstraktion im Comic
auseinandergesetzt haben.
Die stilistische Bandbreite ist gross – sie reicht von
Underground-Kritzeleien über geometrische Figuren und minimalistische
Krakeleien bis zu bunten Explosionen; manchmal hat man den Eindruck, an
Alpträumen, Drogentrips und anderen Erleuchtungen teilzuhaben. Andere
Abstraktionen wirken wie impressionistische Spaziergänge oder
Erinnerungsfragmente, oder wie der Versuch, mathematische Formeln zu
visualisieren; bei wieder anderen scheint es sich um ästhetische
Stilübungen zu handeln. Wobei diese Beschreibungen und Interpretationen
mit Vorsicht zu geniessen sind, da sie letztlich vor allem einiges über
den Betrachter und sein Bemühen, Sinn und Bedeutung in einer Bildfolge
zu lesen, aussagen… Letztlich ist allen Comics der bewusste Versuch
gemein, sich zumindest während ein paar Seiten von Figuration und
Narration zu befreien und sich in einem reinen Bilderfluss treiben zu
lassen – um anschliessend wieder zurück ins Konkrete zu finden, zur
Story. So ergeht es auch dem Betrachter und Leser von «Abstract Comics» –
der Wälzer ist gerade in diesen sehr story-orientierten
Zeiten ein willkommener und inspirierender Augenöffner und
Bewusstseinserweiterer, aber nach ein paar Seiten hat man umso mehr Lust
wieder auf etwas Handfestes.
Christian Gasser
Andrei Molotiu (Hrsg.):
«Abstract Comics».
Fantagraphics Books, Seattle, 2010, 232 S., Hardcover, farbig, $ 40
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Perspektivenwechsel
Dass sich Posy Simmonds für «Tamara Drewe» von Thomas Hardys
«Am grünen Rand der Welt» hat inspirieren lassen, erkennt der
einschlägig Belesene bereits auf der ersten Seite: Die Geschichte
beginnt mit einer Zeitungsanzeige, in der ein Refugium für Ruhe suchende
Schriftsteller mit eben jenem Titel des Hardy-Romans von 1874 beworben
wird. Stonefield heisst die ehemalige Farm, auf welcher der bekannte
Krimiautor Nicolas Hariman mit seiner Frau lebt. Während Hariman meist
zurückgezogen in seinem Cottage schreibt, kümmert sich seine Frau Beth
rührend um den Betrieb. Sie versorgt die Gäste, tätigt sogar
Schreibarbeiten für sie, und ihrem Mann nimmt sie alle Mühsal des
Alltags ab. Der lässt sich das gefallen, versüsst sich das Leben
allerdings auch noch regelmässig mit Affären. Als Tamara Drewe
auftaucht, die Tochter der verstorbenen Nachbarin von der Winnards Farm,
wirkt die auffällige Schönheit wie ein Katalysator auf das
oberflächlich funktionierende Gefüge auf der Farm und im anliegenden
Dorf.
Posy Simmonds hat sich mit ihrer Geschichte ganz dem Realismus
verschrieben. Sie beschreibt das Leben zwischen Stonefield, der Winnards
Farm und dem Dorf, das gespalten ist zwischen Alteingesessenen und
stadtflüchtigen Neureichen, minutiös und dem Schein der Idylle
angemessen in lieblichen Farbzeichnungen. Simmonds Geschichte suggeriert
zwar bis zum Schluss, auf Spannung angelegt zu sein, doch obwohl ein
dickes Ende schliesslich kommt, geht es hier vor
allem um genaue Charakterbeschreibung der Figuren. Das gelingt
der Autorin mit ständigem Perspektivenwechsel und einer ungewöhnlichen
Text-Bild-Kombination vorzüglich. Klassische Comicpassagen werden immer
wieder von längeren Textblöcken unterbrochen, in denen sie dem
Stream-of-Consciousness der einzelnen Protagonisten ihren freien Lauf
lässt. Der Sprung zwischen den Erzählformen irritiert zunächst,
entfaltet aber schnell ein spannendes, kaleidoskopartiges Bild, in dem
jede der sehr unterschiedlichen Figuren ihre innersten Beweggründe offen
legt. Dadurch, dass der Leser alles weiss, wird die Geschichte nicht
minder spannend. Das Spannende ist, wie diese Figuren durch ihr Denken
und Handeln umeinander kreisen, sich anziehen, gegeneinander prallen und
sich wieder abstossen. Ein in seiner Beobachtung menschlicher Affekte
bestechend genaues und in seiner formalen Gestaltung kluges Werk.
Christian Meyer
Posy Simmonds: «Tamara Drewe».
Reprodukt, 136 S., Softcover, farbig,
€ 20 / sFr. 37.90
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Vogelfrei
Mit seinen 450 Seiten ist das monströse Werk nicht nur mit
Abstand die bis dato dickste deutschsprachige Graphic Novel, es ist wohl
auch die gelungenste. Die autobiographische Geschichte erzählt von der
damals 17-jährigen Autorin, die Mitte der Achtzigerjahre als Punk in
Wien lebt. Als sie Edi trifft, beschliessen die beiden noch
minderjährigen Mädchen, ohne Gepäck und Geld nach Italien zu trampen. In
Rom treffen sie auf Gleichgesinnte, und das Leben in der neu gewonnenen
Freiheit macht zunächst noch Spass. Als die kalte Jahreszeit näher
rückt, planen sie zusammen mit dem Junkie Andreas weiter nach Süden zu
ziehen. Aber bereits in Neapel verliert die Hauptprotagonistin ihre
Weggefährten. Sie reist alleine nach Palermo, in der Hoffnung, dort
ihre Freunde wiederzutreffen. In Palermo findet sie sich in einem
komplett anderen Kulturkreis wieder. Dem dortigen Machismus ist sie
unvorbereitet ausgeliefert. Edi, die sie später hier wieder trifft,
ordnet sich dem Wertesystem unter, Ulli muss einen anderen Weg finden,
um dort ohne Geld und echte Freunde zu überleben.
In einem Video, das ich kürzlich gesehen habe, erzählt Lust, wie
schwer es ihr fiel, die Erlebnisse zu veröffentlichen. Lust erfährt in
Italien nicht nur Hunger, Angst vor der Polizei und aufdringliche Typen,
sie schwebt mehrmals in grosser Gefahr und wird schliesslich in Palermo
vergewaltigt. Zu Beginn ihrer Reise sucht sie die Freiheit, in Palermo
merkt sie, dass sie als Frau in dieser Machogesellschaft vogelfrei ist.
Es ist ein spannender Zufall, dass exakt zur selben Zeit von Lusts Reise
Agnès Varda in Südfrankreich ihr Ausssteigerporträt «Vogelfrei» drehte.
Die Hauptfigur ähnelt der 17-jährigen Ulli sehr.
Während die Alltagssituationen an Hand von Tagebüchern genau und
realistisch wiedergegeben sind, ändert sich der Erzählstil in den
bedrohlichen Momenten der Reise. Das Gefühl der Unsicherheit äussert
sich in einer Verschiebung der Perspektive – wir sehen nur noch den
Boden und Ullis Fussspitzen. Ein anderes Mal führt ihr Wunsch,
unsichtbar zu sein dazu, dass sie aus den Zeichnungen verschwindet. Die
Vergewaltigung schliesslich ist wie die Attacke eines wilden Tiers
dargestellt. Lusts Wechsel zwischen Realismus und surrealen Momenten ist
so gleitend, wie ihre Einschätzung der Gefahr: Im einen Moment fühlt
sie sich sicher, dann redet sie sich die Harmlosigkeit der Situation nur
noch ein, bis auch dies nicht mehr gelingen will und sie merkt, dass
sie in dieser von Männern beherrschten Welt als Freiwild gilt. Lusts
Wahrnehmung wird zur Wahrnehmung des Lesers und am Ende teilt man
uneingeschränkt ihren Wunsch: Bloss weg hier!
Christian Meyer
Ulli Lust:
«Heute ist der letzte Tag vom
Rest Deines Lebens».
avant-verlag, 464 S., Softcover, s/w,
€ 29.95 / sFr. 52.— |
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