DIE MICRO-EDITION  

 

Klein und fein: Ein neues Phänomen geht um in Frankreichs Comic-Szene: Die Micro-Edition. Das sind alternative Autorenkollektive und Mini-Verlage, zumeist im näheren Umfeld von Kunsthochschulen gegründet, die mit unkonventionellen Ideen, frischen Geschichten und hübschen Artefakten die französische Comic-Szene aufmischen.

Während die ersten Autorinnen und Autoren dieser Szene bereits kurz vor dem Durchbruch stehen und in angesehenen Anthologien wie im Lapin (die dreimonatliche Anthologie von L’Association) abgedruckt werden, bekennt sich die Micro-Edition mit Charme und Eigensinn zum Kleinsein und Kleinbleibenwollen.

Die Auflagen liegen in der Regel zwischen 200 und 300 Exemplaren, gewisse Publikationen gibt’s aber auch nur 20-mal, Editionen von 1000 Exemplaren bilden die Ausnahme. Der Verkauf erfolgt in einigen ausgewählten Läden, über Mailorder und vor allem an Festivals, wo der direkte Kontakt zu den Leserinnen und Lesern gesucht wird.

Auch wir sind an einem Festival auf diese Micro-Verlage und ihre Macherinnen und Macher gestoßen: In Angoulême 2009 haben wir uns dabei ertappt, wie wir immer länger an ihren Ständen verweilten, in ihren Publikationen blätterten, mit den Macherinnen und Machern redeten und diskutierten – und schließlich ihre Hefte und Bücher kauften, um sie zuhause in Ruhe zu lesen. Wir erfreuten uns an den kleinen Geschichten, die sie uns erzählen, an ihren experimentellen Entwürfen, an ihrem Humor, am mal leichten, mal verschrobenen, mal dümmlichen Witz, der sie durchdringt, und der es im Zeitalter der Ernsthaftigkeit im Comic bei anderen Verlagen und in den Medien nicht eben leicht hat, obschon er Frische und Leichtigkeit in die Szene bringt. So reifte die Idee, diese Szene auch im deutschen Sprachraum vorzustellen.

Alternative Kleinverlage und unabhängige Autorenkollektive sind natürlich keine neuen Erfindungen. Die gab’s schon immer, und sie haben immer wieder eine große Rolle in der Geschichte der Autoren­comics gespielt. Neu ist vielleicht, dass die Micro-Edition sich eine Nische zwischen dem klassischen Fanzine, dem Selbstverlag und unabhängigen Verlagen wie L’Association, Atrabile und Ego Comme X eingerichtet hat. Neu ist auch, dass die digitalen Techniken das Bücher­machen verändert haben und es heute einfacher und billiger ­
ist als je zuvor, auch qualitativ hochwertige Publikationen in Kleinst­auflagen zu drucken. Diese Möglichkeiten nutzen die Micro-Verlage, um sehr ansprechende Bücher und Hefte zu machen.

Auch wenn die Idee nicht neu ist, erachten wir die Philosophie der
Micro-Edition im aktuellen Kontext als wichtig: Die Micro-Edition bildet einen notwendigen Gegenpol, ja Widerspruch zur Gigantomanie der französischen Mainstream-Verlage, denen es nur noch um Quantität geht. Und da diese Kleinstverlage so klein sind, dass sie außerhalb jeglicher Markt-(Un)logik funktionieren, sind sie auch
weit weniger krisenanfällig als größere Verlage, denen nach all den Exzessen nun sehr harte Zeiten bevorstehen.

Die Redaktion