KURZ UND GUT

von Christian Meyer

 

Brian Fies hat in «Mutter hat Krebs» autobiographische Erlebnisse verarbeitet. Mit seiner neuen Graphic Novel «Und wir träumten von der Zukunft» scheint er zunächst auch Autobiografisches zu erzählen – diesmal vom Vater: 1939 gehen Vater und Sohn gemeinsam auf die Weltausstellung und sind fortan gebannt vom technischen Fortschritt. In den 40er bis 60er Jahren schwelgen sie in Utopien, denen die Gesellschaft mit der Mondlandung rasch näher kommt. Doch dann gehen die Interessen langsam auseinander: Der Sohn empfindet angesichts des Kalten Krieges und anderer Vorkommnisse die technische Entwicklung zunehmend als problematisch, während der Vater weiter naiv staunt.
Brian Fies’ allegorische Vater-Sohn Geschichte spiegelt Fortschrittsglaube und Ernüchterung in einer emotionalen Geschichte. Fies’ klarer Zeichenstil variiert in mehreren Comic-im-Comic-Passagen. Wenn klassische Buchverlage Comics veröffentlichen, kann’s auch mal kurios werden: «Mit 345 Abbildungen...» steht da – hat tatsächlich jemand die Panels gezählt?

Brian Fies: «Und wir träumten von der Zukunft». Knesebeck, 202 S., Hardcover, farbig, Euro 24.95 / sFr. 42.90 

Eine auf über 400 Seiten angelegte, zweibändige Graphic Novel über einen österreichischen Fußballer der 20er und 30er Jahre – das klingt sehr speziell. Aber «Der Papierene», so der Spitzname des schmächtigen Ballkünstlers Matthias Sindelar, vermag auch ohne übermäßiges Interesse an Fußballhistorie zu fesseln. Sascha Dreier entfaltet im ersten Band neben Sindelars Biografie, in dessen Mittelpunkt der Sport und die Liebe steht, auch ein detailliertes und umfassendes Porträt der österreichischen Gesellschaft , die sich zunehmend nazifiziert.

Sascha Dreier: «Der Papierene Bd.1» Ueber­reuter, 200 S. Softcover, s/w,
Euro 19.95 / sFr. 34.80

«Unterwegs mit Samuel» ist eine Reise in eine surreale grafische Welt. Tommi Musturi begibt sich mit seinen nur vage narrativen, wilden Farbexplosionen auf die Spuren der Avantgarde der 60er Jahre, auch wenn sein Zeichenstil sehr klar und modern ist. In abstrakten Szenen durchwandert Samuel eine wilde, mal freundliche und mal grausame Welt. Die lose aneinandergereihten Szenen spielen assoziativ mit Bildern der Evolution, streifen den Urknall, kreuzen die Triebe, durchschreiten philosophisch Gut und Böse oder die Entwicklung der Zivilisation, zum Beispiel die Entstehung von Kunst und Musik

Tommi Musturi: «Unterwegs mit Samuel». Reprodukt, 136 S., Hardcover, farbig, Euro 20.– / sFr. 33.50

Die Zombie-Reihe «The Walking Dead» ist inzwischen beim zehnten Buch und damit sagenhaften 1400 Seiten angekommen. Ein Ende ist nicht abzusehen, im aktuellen Band geht es wieder ans Eingemachte. Nachdem Rick im achten Band Frau und Baby verloren hatte und nunmehr nur noch seinen Sohn hat, scheint erstmals eine Erklärung für die Zombie-Seuche greifbar nahe. Doch auch unter den Menschen verschwindet das Menschliche immer mehr. Die Story vereint gewohnt souverän Action und Drama mit moralisch-ethischen Fragestellungen.

Robert Kirkman & Charlie Adlard: «The Walking Dead». Cross Cult,
je ca. 140 Seiten, Hardcover, s/w, Euro je 16.– / sFr. je 26.90

Nicolas Mahler zählt inzwischen zu den meistpublizierten deutschsprachigen Künstlern: Seine oft absurden, minimalistischen Strichmännchen-Strips speisen sich vom schwarzen österreichischen Humor. Zeitgleich erscheinen nun «Engelmann» und «Pornografie und Selbstmord». Während Letzteres hinter die Kulissen blickt und abstruse Alltagserlebnisse eines Comic-Zeichners wiedergibt, beschäftigt sich «Engelmann» mit einem wenig erfolgreichen Superhelden, dessen Charakter wegen Erfolglosigkeit von seinen Erfindern ständig umgeschrieben wird und schließlich eine Psychose erleidet. Ein Seitenhieb gegen Comic-Nerds, der ebenso Spaß macht wie seine Alltagsbeobachtungen: Mahler in Bestform!

Nicolas Mahler: «Engelmann». Carlsen, 96 S., Hardcover, farbig,
Euro 14.90 / sFr. 27.50

Nicolas Mahler: «Pornografie & Selbstmord».Reprodukt, 128 S.,
Softcover, s/w, Euro 14.– / sFr. 23.90

Mit der derzeitigen Aufmerksamkeit für Comics kommt auch Schwung in die deutschsprachige Sekundärliteratur: Florian Schwebel rekapituliert in seinem Buch «Von Fritz the Cat zu Waltz the Bashir. Der Animationsfilm für Erwachsene» die Geschichte des Animationsfilms bis in die Gegenwart und konzentriert sich dabei auf das Langformat.
Der Ch. A. Bachmann Verlag publiziert schon länger mit seiner Reihe «Yellow – Schriften zur Comicforschung». Bislang sind eine Abhandlung über Batman, eine spannende Analyse von Marc-Antoine Mathieus medienreflexiver Komik und zuletzt «Outcault – Die Erfindung des Comic» von Jens Balzer und Lambert Wiesing, eine kluge Reflexion über die Anfänge des Comics, erschienen. Im Sommer folgt ein Band zur «Verweisstruktur der Watchmen». Im selben Verlag hat soeben Dietrich Grünewald seinen Reader «Struktur und Geschichte der Comics» veröffentlicht. Die 300-seitige Aufsatzsammlung vereint spannende Beiträge zu den ersten drei Tagungen der Gesellschaft für Comicforschung über Erzähltheorien, Montagetechniken, aber auch politische und soziologische Betrachtungen der Comics.
Ole Frahm arbeitet anhand verschiedener Begriffe wie Figur, Zwischenraum, Line, Panel, Mythos oder Svtereotyp daran, eine Sprache des Comics zu skizzieren, ohne einerseits zu pauschal zu werden und andererseits zu sehr am Einzelfall hängen zu bleiben. Ein spannendes Unterfangen, das viele interessante Ähnlichkeiten herausarbeitet.

Florian Schwebel: «Der Animationsfilm für Erwachsene». Schüren,
172 S., Softcover, s/w, Euro 22.90 / sFr. 38.50

Diverse: «Yellow – Schriften zur Comicforschung», bislang 3 Bände.
Ch. A. Bachmann, je ca. 100 bis 130 S., mit teils farbigen Abbildungen,
Euro je 11–16.–

Dietrich Grünewald (Hg.): «Struktur und Geschichte der Comics».
Ch. A. Bachmann, 336 S., mit teils farbigen Abbildungen,
Euro 29.90

Ole Frahm: «Die Sprache des Comics». Philo Fine Arts, 388 S., s/w,
Euro 22.– / sFr. 36.90

 

 

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