MAGAZIN

Das Leben geht weiter, das Buch nicht.

Nach einem Viertel der 600 Seiten von Eddie Campbells «Alec: The Years Have Pants» sagt uns Alec McGarry, das autobiografische Double des Autors: «Weißt du, die letzten paar Jahre kämpfte ich mit dem Problem, die einfachsten Wahrheiten in der niederen Kunstform des Comicstrips darzustellen.» Dieser Satz, zusammen mit einem der einfacheren Panels des Albums (der Künstler, im Bett sitzend, konzentriert sich auf das Zeichenbrett in seinem Schoß), sollte als eine der größten Untertreibungen in die Geschichte des Comics eingehen, ist Campbell doch seit dreißig Jahren bemüht, die Autobiografie zu neuen Gipfeln zu führen. Ich sage bewusst «Autobiografie» und nicht «Comic-Autobiografie», denn die «Alec Stories» benötigen diese Art der Differenzierung nicht. Die Erzählungen in «The Years Have Pants» sind schlichtweg wunderbare und bewegende Erinnnerungen, die als Buchtext oder Film nie dieselbe Wirkung haben würden. Mit der Verbindung von bezaubernden Illustrationen und witzigen, gescheiten und oft selbstironischen inneren Monologen feiert Campbell die Philosophie des Banalen und die Freuden, die nicht unbedingt vom Tun kommen, sondern vom Sein. Wie Alec – ungeachtet seiner künstlerischen Ambitionen – einmal sagt: «Das Schönste im Leben ist, mit seinen Freunden zusammen zu sein.»
Der Band versammelt unter dem Untertitel «A Life-Sized Omnibus» sieben frühere Sammlungen von Werken, eine große Anzahl von Kurzgeschichten und Fragmenten, und fügt schließlich auch noch ein 35-seitiges Buch an. Alles in allem ist es ein rechter Ziegel von einem Buch, dessen Gewicht den leichten Inhalt Lügen straft. Mittels seinem Alter Ego Alec spielt Campbell den großen Erzähler, genau die Art von Mensch, mit der man gerne bei einer Flasche Bordeaux zusammensitzt. Eddie Campbell ist ein oft unterschätzter Zeichner. Nicht nur ist sein zehn Bände umfassendes Werk «Bacchus» die brillanteste Beschäftigung mit Mythologie, die je im Comic stattgefunden hat (sorry, Sandman-Fans!), es ist auch ein fröhliches Hohelied auf die Superhelden, während es sie gleichzeitig lächerlich macht. Alan Moore heimste einst allen Ruhm für die Jack the Ripper-Geschichte «From Hell» ein, aber diese Graphic Novel hätte ohne Campbells gefühlvollen und knappen Zeichenstil nur halb so viel Aufmerksamkeit bekommen. Als Illustrator mit klassischen Wurzeln besitzt Campbell zudem ein ausgeprägtes Verständnis für die Erzählform des Comics; in seinen eigenen Geschichten webt er Texte und Bilder so nahtlos aneinander, dass das Ergebnis größer ist als die Summe seiner Teile. Und immer sieht es bei ihm so verflucht einfach aus! Bei der Lektüre von «The Years Have Pants» vergisst man oft, dass es ein Buch ist, und nicht der Autor selbst, der neben einem steht und erzählt.
Wie James Boswells «Life of Johnson» (dt.: «Dr. Samuel Johnson»), vielleicht die großartigste mittels Anekdoten erzählte Lebensgeschichte, wird auch «The Years Have Pants» einen festen Platz neben meinem Bett bekommen, um es immer dann zur Hand zu haben, wenn ich daran erinnert werden will, dass das alltägliche Leben mit all seinen Ironien, glücklichen Zufällen und kleinen Enttäuschungen, stets die schönste Poesie bereit hält. Die Offenbarung, an der uns Campbell teilhaben lässt, ist ebenso einfach wie stark – dass unser Leben, was immer wir von ihm erhofft haben, genau das ist, was es ist. Und dass es gut so ist.

Mark David Nevins

Eddie Campbell: «Alec: The Years Have Pants». Top Shelf Productions,
640 S., s/w, 35 USD

 

 

Cover-Illustrationen von Lorelei Herrera


«Alec: The Years Have Pants»

 

Gärten und Wüsten der
Einsamkeit und der Liebe

Man möchte sie Zwillinge nennen, so nah verwandt sind die beiden Comics «Le jardin d’hiver» (dt. «Der Wintergarten») und «Le regard par-dessus l’épaule» (dt. «Der Blick über die Schulter»), die der Schweizer Verlag Paquet in seiner «Collection Blandice» aufgelegt hat: Beide Handlungen drehen sich um zwei schwarzhaarige Jungs mit Kulleraugen und Pausbacken. Beide Protagonisten bewegen sich in Umwelten, die kindhaft liebenswürdig und in den Ausmaßen leicht überzeichnet wirken – und doch ist das Kindliche vor allem Kulisse für wahrlich existenzielle Kämpfe.
Das große Thema, das die zwei Autorenteams (Pierre Paquet & Tony Sandoval und Renaud Dillies & Grazia La Padula) mit leichter Feder und raffinierten Szenarien ausbreiten, ist dasjenige der Einsamkeit und der seelischen Nöte, die einen Menschen aus seinem Alltag reißen und in seinem Leiden isolieren. Beide Erzählungen pendeln fortlaufend zwischen gräulicher Tristesse und farbenprächtiger Idylle und lassen abwechselnd Furcht auf Freude und Freude auf Furcht folgen. Die Bildsprachen kontrastieren die inhaltliche Schwere mit einer überraschenden Leichtigkeit, wobei sich auch die mit Bedacht gewählten Metaphern sehr nahe kommen: In beiden Comics geben verborgene Gärten in voller Blüte der Geschichte eine Wendung.
Beim Alter der Protagonisten jedoch und – damit verbunden – bei deren Erfahrungswelten, kommen die Unterschiede zum Tragen: In «Le regard par-dessus de l’épaule» wird der elfjährige Tagträumer Pepeto nach einem tragischen Erlebnis unvermittelt in eine alptraumartige Phantasiewelt geschleudert. Er muss sich in verschiedenen Schauplätzen bewähren und lernen, wie ein Erwachsener die großen Erfahrungen von Angst und Schuld, Läuterung und Liebe in all ihren Höhen und Tiefen bewältigen kann.
Demgegenüber steht Sam, der Barkeeper, in «Le jardin d’hiver» mit beiden Beinen in der Erwachsenenwelt: Er muss sich «nur» darin zurechtfinden. Das aber ist nicht so einfach in einer Lebens- und Arbeitswelt, die man über weite Strecken allein verbringt. Sam wehrt sich nach Leibeskräften gegen die Angst und Resignation, welche seine Einsamkeit erschweren. Sams Weg vom Regen auf der Strasse bis in den Wintergarten wird zugleich zur Wiederentdeckung von Freundschaft, Liebe und Lebensfreude – und sowohl Sam als auch Pepeto begehen Wege, auf denen sie der Leser gerne begleitet, auch wenn er manchmal nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll.

Florian Meyer

Pierre Paquet & Tony Sandoval: «Un regard par-dessus l’épaule quet»,
96 S., Hardcover, farbig, Euro 15.–, sFr. 28.–

Renaud Dillies & Grazia La Padula: «Le jardin d’hiver». Editions Paquet,
72 S., Hardcover, farbig, Euro 15.–, sFr. 28.–

 

 

 

«Un regard par-dessus l’épaule quet»

 

«Le jardin d’hiver»

 

Comic-Revue

Seit über zehn Jahren bietet der Genfer Comic-Verlag Atrabile eine Plattform für vor allem junge Autoren aus der Romandie. Seine Revue Bile Noire soll Neues und Außerordentliches aus dem nationalen, aber auch internationalen Comic-Schaffen vorstellen. Die Idee hinter dem Magazin ist, neuen Autoren die Möglichkeit für eine erste Publikation und etablierten Künstlern einen Raum für Experimente zu geben. Ein gelungene Umsetzung davon ist die Sondernummer Bile Noire 10x10 von 2007. Darin präsentieren die Autoren ihre Geschichten und Illustrationen auf Post-it-Zetteln in einem 10x10-Raster.
Die 17. Ausgabe stellt 28 Autoren vor. Darunter befinden sich langjährige Atrabile-Mitarbeiter wie Frederik Peeters, Pierre Wazem oder Baladi sowie neuere wie Rémi Cramet, Joseph Callioni oder Florian Martinez. Das Magazin bietet einen größeren Einblick ins internationale Schaffen. So stammen auffällig viele Zeichner aus dem asiatischen Raum. Nebst dem bekannten Chihoi aus Hongkong wird eine tagebuchartige Geschichte der jungen Ancco (Korea) präsentiert sowie eine lange, poetische Erzählung über die Jugenderinnerungen eines sterbenden Mannes von Kim Hanjo (ebenfalls aus Korea). Erwähnenswert ist die witzige und zugleich brutale Geschichte über die Leiden einer gebärenden Frau der Französin Peggy Adam oder die Comic-Umsetzung der griechischen Marsyas-Mythologie (ein Musikwettkampf zwischen dem Satyr Marsyas und Apollo) des ehemaligen Bildhauers Nicolas Presl. Unter den weniger bekannten Autoren stechen die dichromatischen Tuschezeichnungen des Israeli Gilad Seliktar über eine traumatische Erfahrung mit einem bewaffneten Nachbar heraus oder die urban-poetische Handy-Liebeskonversation des Franzosen Rémi Cramet. Stilistisch fallen die zwischen anatomischer Zeichnung und flüchtigem Ligne-Claire-Stil pendelnden Bilder von Joseph Callioni auf. So klar und detailreich sein Strich ist, so obskur wirkt seine Geschichte über einen kleinen Schnecken-Jungen. Bile Noir Dix-Sept bietet eine Momentaufnahme des internationalen Comic-Schaffens mit ein paar interessanten Highlights. Leider mangelt es dem Magazin aber an neuen nationalen Autoren (was nicht unbedingt die Schuld des Verlages sein muss) und kommt nicht an die Experimentierfreude der Sonderausgabe heran. Nichtsdestotrotz eine empfehlenswerte Lektüre.

Giovanni Peduto

Verschiedene Autoren: «Bile Noire Dix-Sept».
Atrabile, 248 S., Softcover, farbig und s/w, Euro 25.– / sFr. 37.–

 



«Bile Noire Dix-Sept»

 

Traumdeuter und Mafiosi

Hierzulande nehmen die meisten vermutlich nicht wahr, mit welcher Konsequenz David B. nach seinem autobiografischen Meisterwerk «Die heilige Krankheit» Jahr für Jahr mehrere Bücher veröffentlicht und an seinem großartigen Werk weiterarbeitet. In diesen mehrheitlich fiktionalen Stories – darunter hervorzuheben wären «Terre de Feu» mit Hugues Micol und «Par les chemins noirs» – umkreiste David B. mit gewohnter Hartnäckigkeit seine Obsessionen: bizarre Nebenschauplätze der Geschichte, schillernde Betrüger, Häretiker und andere Fanatiker …
In «Journal d’Italie» versucht sich David B. nun an einer anderen Gattung, dem Reisetagebuch. Wer jedoch flüchtige, vor Ort eingefangene Bilder und kaum leserliche Legenden erwartet, wird bald eines Besseren belehrt. Auch in seinem Reisejournal bleibt David B. er selber. Auf seiner ersten gemeinsamen Italienreise mit seiner (italienischen) Frau taucht David B. tief ein in die Obsessionen, die seinen Kosmos bevölkern: Er schildert die Begegnung mit einem merkwürdigen deutschen Traumforscher; in einem Buchantiquariat stößt er auf Bücher über Mörder und Mafiosi und erzählt uns die wahre Geschichte von Lucky Luciano; er geht einem mysteriösen Verbrechen an einer jungen Frau nach, und immer wieder taucht er in seinen Träumen ein in eine Welt zwischen Schlaf, Wachen und Wahnsinn.
Die offene Form des Journals liegt David B.. Der Zwang, sich gewissen narrativen Regeln zu unterwerfen, lässt seine eher klassischen Comics manchmal etwas steif wirken. Im «Journal d’Italie» hingegen nutzt David B. die Möglichkeit, seine Erfahrungen und Erkenntnisse, seine Albträume und all die aufgeschnappten wahren und erfundenen Geschichten in aller Freiheit zu erzählen. Dabei entpuppt er sich als unterhaltsamer Causeur, dem man künftig gerne in hoffentlich noch zahlreichen weiteren Journalen zuhören möchte. Auch zeichnerisch werden diese Freiheiten sichtbar: Die Zeichnungen sind sehr lebendig, durch wenige, geschickt eingesetzte Farbtöne belebt, aber von gewohnter David B.’scher Qualität und Intelligenz. Auch in seinen italienischen Aufzeichnungen deutet er die Wirklichkeit, überhöht sie metaphorisch und findet prägnante Bilder nicht nur für abstrakte Gedanken, sondern auch für die Philosophie der Mafia …

Christian Gasser

David B.: «Journal d’Italie 1: Trieste Bologna».
Delcourt, Collection Shampooing, 150 S., Softcover, farbig,
Euro 14.95 / sFr. 29.20

David B: «Par les chemins noirs», 2 Bände.
Futuropolis, je 64 S., Hardcover, farbig, je Euro 14.– / sFr. 28.20
(Erscheint demnächst auf Deutsch im Avant-Verlag)

David B./Hugues Micol: «Terre de Feu»,
2 Bände. Futuropolis, je 64 S., Hardcover, farbig, je Euro 16.– / sFr. 31.30

 




«Journal d’Italie 1: Trieste Bologna»

 

Großstadt-Soziologie

Will Eisners «Ein Vertrag mit Gott» markiert vielleicht den Beginn des modernen Comics. Natürlich gab es in den 60er und 70er Jahren den Comix-Underground für Erwachsene, aber erst mit Eisners Werk von 1978 erhielten Comic-Geschichten eine der Komplexität des Romans entsprechende Form (und Umfang), die Eisner in Analogie dazu sogleich Graphic Novel taufte. Ein Ausdruck, der erst 30 Jahre später seinen Siegeszug antreten sollte und sich nun auch langsam im deutschsprachigen Raum durchgesetzt hat. Der schicke Sammelband von Carlsen, auf den man seit der ersten Ankündigung ein paar Jahre warten musste, vereint Eisners Mietshausgeschichten, die im jüdischen Milieu der Bronx angesiedelt sind: Zum einen ist darin enthalten die titelgebende Kurzgeschichtensammlung von 1978, dann «Lebenskraft» («A live force») von 1983, wo Eisner wie John Dos Passos 60 Jahre zuvor in «Manhattan Transfer» das Großstadtleben mittels einer Vielzahl ineinander verwobener Handlungsstränge und Figuren erfasst. «Dropsie Avenue» von 1995 ist schließlich ein mehr als 100 Jahre umfassender Abriss urbaner Entwicklungen, von der ersten Erschließung des Gebiets über die Urbanisierung, den Zustrom von Migranten, den Austausch von gesellschaftlichen Schichten und Ethnien, den unaufhaltsamen Verfall in den 60er bis 80er Jahren und schließlich die Gentrifizierung seit den 90er Jahren. Die Straße, in der auch die anderen Geschichten spielen, ist fiktiv, sie steht aber für die Entwicklung einer typischen Straße der South Bronx. Mit seinen Mietshausgeschichten lässt Eisner ganze Epochen urbaner Kultur aller Schichten und Ethnien wieder auferstehen und setzt ihnen ein Denkmal.
Mit der Seitengestaltung geht er sehr frei um, wechselt vom Splash-Panel zu kleinen, eingerahmten Panels, die wiederum von größeren, ungerahmten abgewechselt werden. Mitunter baut er auch Split-Panels ein. Man merkt seinem dynamischen Seitenaufbau die Vergangenheit als spannungsorientierter Genre-Autor für die «Spirit»-Hefte an, mit denen er bereits 40 Jahre zuvor den Comic verändert hatte. Zugleich lässt er den vergleichsweise formelhaften Stil der Comic-Hefte nun weit hinter sich.
Der 500 Seiten starke Sammelband enthält ein Nachwort von Andreas C. Knigge und ein Vorwort von Will Eisner, das der Autor anlässlich der amerikanischen Ausgabe des Sammelbands Ende 2004 verfasst hat, wenige Tage vor seinem Tod. Eisner ist 87 Jahre alt geworden. Mit zwei weiteren Bänden der Eisner-Bibliothek würdigt Carlsen den großen Meister des Comic.

Christian Meyer

Will Eisner: «Ein Vertrag mit Gott – Mietshausgeschichten». Carlsen,
528 S., Hardcover, s/w, Euro 36.– / sFr. 59.90

 




«Ein Vertrag mit Gott – Mietshausge...»

 

Toleranz

Er gilt als Gott des Manga: Osamu Tezuka hat in den 50er Jahren so populäre Figuren wie «Astro Boy» und «Kimba» erfunden, hatte aber mit seinen an Kinder gerichteten Mangas im folgenden Jahrzehnt Schwierigkeiten, als die Gekiga aufkamen, die sich an ein erwachsenes Publikum richteten. Im Zuge dieses Wandels wandte auch er sich ernsteren Themen zu. Schon mit «Kihirito» widmet er Anfang der 70er Jahre – kurz bevor er mit dem 25-bändigen Werk «Black Jack» einen Arzt als Hauptfigur berühmt macht – eine Geschichte seiner zweiten Passion: der Medizin. Tezuka konnte sich leicht ins Milieu einfühlen, war er doch selber ausgebildeter Arzt.
In drei Bänden und auf fast 900 Seiten erzählt der Manga-Meister Osamu Tezuka die Geschichte einer merkwürdigen Krankheit: An mehreren abgelegenen Orten in der Welt mutieren Menschen zu hundeähnlichen Wesen. Ein Arzt will die Hintergründe der Krankheit aufklären, doch durch ein Komplott gerät seine Forschungsarbeit zur Odyssee: Er steckt sich selber an und wird zum gejagten Außenseiter. Tezukas 1970 entstandenes Werk mutet zunächst wie abstruse Fantasy an, offenbart jedoch schnell seinen zutiefst humanistischen Kern. «Kirihito» ist zum einen eine Abrechnung mit den Hierarchien in der japanischen Gesellschaft, zum anderen mit dem offenen Rassismus im Land. Stilistisch pendelt Tezuka zwischen detailliertem Realismus und einem erstaunlich experimentellen Stil. Der dritte und letzte Band dieses verstörend düsteren Werks ist soeben erschienen (Carlsen).
Direkt nach «Kirihito» veröffentlichte Tezuka 1973 «Barbara». Die zweibändige Geschichte schlägt eine ganz andere Tonart an, ist allerdings wie «Kirihito» ein klares Plädoyer für die Toleranz gegenüber allem anderen. Das ‘Andere’ ist hier eine obdachlose, trunksüchtige junge Frau, die der erfolgreiche Schriftsteller Mikura aufliest und bei sich wohnen lässt. Trotz ihres unmöglichen Benehmens hält er an ihr fest, füllt sie doch sein bei näherer Betrachtung schales Leben in der kulturellen High Society mit Leben. «Barbara» ist episodisch erzählt und erscheint in zwei Bänden.

Christian Meyer

Osamu Tezuka: «Kirihito», 3 Bände. Carlsen, 288 S., Softcover, s/w,
Euro 16.90 / sFr. 30.90

Osamu Tezuka: «Barbara», 2 Bände.
Schreiber & Leser, 208 S., Softcover, s/w, Euro 14.95 / sFr. 25.50

 




«Barbara»

 

Spital der Geister

Frederik Peeters erzählt ergreifende Geschichten ohne großes Aufsehen zu erregen. Seine autobiografische Erzählung «Blaue Pillen» über eine Beziehung mit einer aidskranken Frau und deren Kind ist bewegend, aber nicht dramatisch. «Lupus» und «Koma» sind Sci-Fi- bzw. Fantasie-Abenteuer, die ohne Action auskommen. Der Krimi «RG» konzentriert sich hauptsächlich auf den Gemütszustand der Hauptfigur. Nicht nur Peeters’ Erzählrhythmus trägt zur ruhigen Grundstimmung seiner Geschichten bei, sondern auch seine Bildsprache. In Peeters’ neuem Buch «Pachyderme» (französisch für Dickhäuter) wird man sich seiner gekonnten visuellen Erzählkunst, die vor allem hier an jene des Films anlehnt, besonders bewusst. Inhaltlich vereinigt es ein bisschen von allem aus seinem Geschichtenrepertoire: Beziehungsdrama, Spionagethriller, surreale Gruselgeschichte. «Pachyderme» spielt 1951 in der Westschweiz. Zentrale Figur ist eine Frau, die ihren Ehemann im Spital besuchen will. Auf dem Weg dorthin gerät sie in einen Verkehrsstau, der durch einen verunglückten Elefanten verursacht worden ist. Sie beschließt, zu Fuß weiterzugehen, und von da an nimmt die Geschichte ihren unwirklichen Lauf. Der Weg zum Krankenbett ihres Mannes stellt sich als traumartige Odyssee heraus, in der sich Realität und Fantasie vermischen. Alienartige Wesen weisen der Frau den Weg, Geheimagenten mit langer Nase (à la Christophe Blain) tauchen aus dem Nichts auf und warnen sie vor gefährlichen Machenschaften. Dann wiederum trifft man auf sehr reale Figuren, wie den Chefarzt des Krankenhauses, der ein dunkles Geheimnis mit sich trägt. Über große Umwege erzählt «Pachyderme» eigentlich nichts anderes als den Versuch einer Frau, ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Dabei sind nicht nur Peeters’ Bildkompositionen und häufige Rückblenden kinematischer Art, auch das Krankenhaus, die surrealen Figuren oder die unheimliche Atmosphäre erinnern an David Lynch, das Overlook Hotel aus «Shining» oder Lars von Triers Fernsehserie «Geister».
Obwohl mit Fortschreiten der Lektüre die Gefahr droht, sich – ähnlich wie die Hauptfigur – im Surrealismus der Geschichte zu verlieren, schafft es Peeters den manchmal verwirrenden Erzählstrang gegen Ende wieder zu entflechten und dem surrealen Albtraum ein Ende zu setzen. Wenn auch kein gutes.

Giovanni Peduto

Frederik Peeters: «Pachyderme». Gallimard, 90 S., Hardcover, farbig,
Euro 16.50 / sFr. 33.90

 




«Pachyderme»

 

Nachschlagewerk Illustration

Die Stiftung Illustration hat sich einer Angelegenheit angenommen, die längst überfällig war. Mit dem «Lexikon der Illustration», kurz «LdI», wurde nun erstmals eine Publikation ins Leben gerufen, die sachkundig und ausführlich die Illustrationskunst im deutschsprachigen Raum seit 1945 präsentiert. Der Sitz der Stiftung ist am Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf bei Köln, das sich unter der Leitung von Maria Linsmann zu einem der wichtigsten Zentren für Illustration und artverwandte Bereiche entwickelt hat. Und so versammelt die Erstausgabe des «LdI» 30 Artikel über Illustratorinnen und Illustratoren, die in den vergangenen 50 Jahren nicht nur bedeutende Beiträge zur Buchillustration geleistet haben und leisten, sondern ebenso in den Gebieten des Cartoons, des Comics, der Plakatgestaltung oder der Werbegrafik tätig waren und sind. In dem nun erschienenen Grundwerk finden sich unter anderem Monografien über Jutta Bauer, Rotraut Susanne Berner, Aljoscha Blau, Heinz Edelmann, Klaus Ensikat, Anke Feuchtenberger und F.K. Waechter. Autorisierte Fachleute wie Andreas Platthaus, Helmut Kronthaler, Andreas Bode, Jens Thiele und viele weitere Autoren analysieren in essayistischen Texten exemplarisch die wichtigsten Werke der Künstlerinnen und Künstler und zeigen darin stilistische Einflüsse und Besonderheiten auf. Das angehängte Werkverzeichnis, die Auflistung der wichtigsten Ausstellungen, Publikationen in Anthologien und Zeitschriften sowie die Werke in öffentlichen Sammlungen und der Sekundärliteratur, machen das «LdI» zu einer fundierten Quelle über Illustration im Grenzbereich von angewandter und freier Kunst. Der angehängte Bildteil, in dem sich für die Illustratorinnen und Illustratoren typische Arbeiten finden, lockert das Textvolumen auf und lädt zum Blättern, Entdecken und Querlesen ein.
Um das Lexikon einmal jährlich aktualisieren sowie um jeweils zehn weitere Monografien ergänzen zu können, wurde die Publikationsform des Loseblattwerks gewählt, was leider eine Standardisierung im Layout, in der Papierwahl und im Format nach sich gezogen hat. Dies macht bereits deutlich, an wen sich das «LdI» insbesondere wendet, nämlich an Personen und Institutionen, die sich professionell mit der Kunst der Illustration beschäftigen: Bibliotheken, Hochschulen, Museen, Illustratoren, Kunsthändler, Buchhändler, Verlage, Werbeagenturen, Journalisten und Sammler. Das «LdI» ist ein umfangreiches und stetig wachsendes Arbeits- und Informationsmedium, das zwar die besondere Schönheit jedes einzelnen illustrierten Originalbuchs weder haptisch noch optisch transportieren kann, dessen Texte und Abbildungen aber große Neugierde auf die vielfältigen Werke der Illustratorinnen und Illustratoren im deutschsprachigen Raum wecken.

Matthias Schneider

Stiftung Illustration (Hg.): «LdI. Lexikon der Illustration im deutschsprachigen Raum seit 1945». Edition Text + Kritik, Loseblattwerk, ca. 500 S., farbig und s/w, Euro 95.–

 




«LdI. Lexikon der Illustration im deutschsprachigen Raum seit 1945»

 

Bilderbuchreise

Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt – im gezeichneten wortlosen Reisetagebuch von Ingo Giezendanner (auch als GRR bekannt) startet sie unweit vom STRAPAZIN-Atelier entfernt, an der Zürcher Bullingerstraße. Im Vordergrund Schrebergärten, über denen eine türkische Fahne weht, dahinter der Schlachthof. Dann geht’s per Tram zum Hauptbahnhof und danach im Zug geradewegs Richtung Osten, über Österreich, Serbien, Kroatien, Bulgarien, die Türkei und Georgien nach Baku in Aserbeidschan, eine Strecke von 4600 Kilometern, im Buch auf 176 Seiten konzentriert. Der Leser, die Leserin wird zu Giezendanners Auge, schweift mit ihm von der vorbeiziehenden österreichischen Alpenlandschaft zum Gepäcknetz über dem Liegesitz, vom Taksim-Platz in Istanbul zum undurchdringlichen Blätterwald im botanischen Garten von Tiflis in Georgien. Was auf den ersten Blick wie abgezeichnete Fotos erscheint, entpuppt sich beim Eintauchen und Verweilen als spannende und vielschichtige Interpretation der Realität, als Potpourri von flüchtigen Eindrücken, wie sie sich auf Zugreisen in die Netzhaut und ins Gehirn einbrennen. Straßenschilder, Aufschriften auf Güterwagen, Minarette, Verkehrstafeln, Werbeplakate, Bäume, Berge, die Armlehne des Zugsessels, die Wasserflasche des Zeichners, Strukturen und Muster von alten Mauern und Häuserruinen – alles wird vom Künstler akribisch betrachtet und exakt wiedergegeben, aber nicht wahllos, sondern einer inneren Logik folgend, die man als Betrachter schnell zu seiner eigenen macht. Bald hört man den Rhythmus der Räder und riecht die eisenbahntypischen Gerüche nach Desinkfektionsmittel, Schmieröl, Staub und verschwitzten Socken, man lehnt sich in den Polstern zurück und lässt sich bereitwillig auf die lange Reise entführen. GRR sagt dazu: «Meine Aussage ist: Geht hinaus in die Welt, aber nicht im Flugzeug, sondern nehmt euch die Zeit und genießt den Blick aus dem Zugfenster.» Wer noch unsicher ist, ob er oder sie das Buch kaufen sollte, kann auf GRRs Website einen Blick hineinwerfen: www.grrrr.net/bakuback

Christoph Schuler

Ingo Giezendanner: «Baku & Back».
Nieves Verlag, 176 S., Softcover, s/w, Euro 19.– / sFr. 29.80

 




«Baku & Back»

 

Undurchdringliche Kinderängste

Mir fallen spontan zwei Gründe ein, warum ein Zeichner Grimms Märchen illustriert. Der erste ist kommerziell: Die Märchen der Gebrüder Grimm sind Longseller, die sich von selber verkaufen. Der andere ist künstlerisch: Der Eindruck, gewisse Märchen seien bisher nie adäquat in Bilder umgesetzt worden.
Schon das Cover von «Hänsel et Gretel» macht deutlich, dass nicht kommerzielle Anreize Lorenzo Mattotti dazu verlockt haben, einen dermaßen verbrauchten Stoff aufzugreifen: In der Mitte des Bildes, schemenhaft angedeutet und nur gerade drei Zentimeter klein, eilen ein Mädchen und ein Junge durch eine kleine Lichtung. Sie sind von allen Seiten umrankt, eingeschlossen, ja bedroht von einem undurchdringlichen Urwald, den Mattotti mit expressiven, dicken, schwarzen Pinselstrichen gemalt hat. Der Inhalt des Buches intensiviert diese Stimmung: Auf zwölf großformatigen Doppelseiten, in denen immer der dunkle Wald im Zentrum steht, gibt Mattotti dieser grausamen Geschichte ihren ursprünglichen Schrecken zurück. Fern von aller Lebkuchenhausidylle und klischiertem Hexenwahn macht er die Einsamkeit der verlassenen Kinder sichtbar, ihre Angst, die Bedrohungen, ihre Hoffnungslosigkeit.
Die Figuren – die Eltern und Kinder, aber auch die Hexe – sind Schatten ohne Gesichter, vom wuchernden Wald in den Hintergrund oder an den Rand gedrängt. Auch der Wald ist nicht naturalistisch gemalt, das dichte Gewirr aus Bäumen, Ästen, Wurzeln und Steinen, durch das kaum ein Sonnenstrahl fällt, wirkt abstrakt – oder besser diffus. Diffus wie die Ängste, die einen als Kind terrorisiert haben. Lorenzo Mattotti bietet zwar keine neue Deutung von «Hänsel et Gretel», doch gibt er, wie gesagt, diesem Märchen seinen klaustrophobischen Horror zurück.
Christian Gasser

Lorenzo Mattotti: «Hänsel et Gretel». Gallimard Jeunesse, 42 S.,
Hardcover, s/w, Euro 17.– / sFr. 33.50

 




«Hänsel et Gretel»

 

Faust 2.0

Schon früh in seiner Karriere als Comic-Zeichner hat sich Flix mit Goethes «Faust» beschäftigt. Seine 1998 bei Eichborn erschienene Parodie des Klassikers mit dem Titel «Who the fuck is Faust» war seine erste Publikation überhaupt. Elf Jahre später hat er sich dem Stoff erneut gewidmet und seine Adaptation neu erzählt. Sein 'neuer' «Faust» wurde zwischen Juli und Dezember 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht und ist nun, geringfügig überarbeitet und um einige Seiten ergänzt, bei Carlsen als Buchausgabe erschienen.
Den Rahmen der Handlung bildet bei Flix wie bei Goethe eine Wette zwischen Mephisto und Gott um Fausts Seele. Die Geschichte spielt hier jedoch in der Gegenwart und dazu in Flix’ Wahlheimat Berlin. Heinrich Faust ist Taxifahrer und verliebt sich in Margarethe, die im türkischen Bio-Laden an der Ecke arbeitet. Mephisto gelingt es, Fausts Vertrauen zu gewinnen, und schliesst mit ihm einen Pakt: Wenn er es schafft, innerhalb von fünf Tagen Fausts größten Wunsch zu erfüllen, erhält er nach dessen Tod seine Seele. Faust wünscht sich, dass sich Margarethe in ihn verliebt, worauf Mephisto fünf Tage lang daran arbeitet, die beiden mit allen möglichen Mitteln zusammenzubringen. Gott hingegen versucht immer wieder, genau dies zu vereiteln und funkt Mephisto ordentlich dazwischen. So gerät Faust von einer absurden Situation in die nächste, bis Mephisto am Ende kurz davor ist, zu gewinnen und Gott nur noch ein Ausweg bleibt… Flix’ Adaptation ist auf allen Ebenen mehr als gelungen. Er versucht gar nicht erst, die Handlung des Originals eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen, sondern übernimmt lediglich grundlegende Handlungselemente und Figuren. Die daraus entstandene Geschichte ist rasant und abwechslungsreich erzählt und dazu toll getextet und gezeichnet. Neben den witzigen Dialogen und Zeichnungen sorgen auch diverse Details am Rande sowie Running Gags für einen Lacher nach dem anderen, seien es Gottes Vorliebe für Ramazotti, ein dauerhechelnder Pudel namens Charlotte von Stein oder zwei kleine Teufelchen, die in Mephistos Auftrag immer die Deppenaufgaben erledigen müssen. Mit seiner Version des "Faust" ist Flix eine originelle Neuerzählung gelungen, die so spannend wie amüsant ist und ein einziges großes Lesevergnügen bietet.
Jan Westenfelder

Flix: «Faust. Der Tragödie erster Teil». Carlsen, 96 Seiten, Hardcover, s/w,
Euro 14.90 / sFr. 27.50

 




«Faust. Der Tragödie erster Teil»

Arsen und Spitzenhäubchen

Ein Historien-Comic der ganz besonderen Art ist «Gift», den der Bremer Schriftsteller Peer Meter und die Berliner Illustratorin Barbara Yelin gemeinsam geschaffen haben. Das Besondere an dem Comic ist seine narrative Dichte, die vielschichtige und mit Spannung erzählte Geschichte sowie die zeichnerisch ausdrucksstarken Comic-Bilder, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann ziehen. Grundlage für den Comic bildet die historische Begebenheit, als in Bremen 1831 die mehrfache Giftmörderin Gesche Margarete Gottfried öffentlich hingerichtet wird. Die 43-Jährige hat gestanden, dass sie von 1813 bis 1827 fünfzehn Menschen vergiftet hatte, darunter ihre zwei Ehemänner, ihre Eltern und ihre Kinder, und dass sie von 1823 bis 1828 mindestens neunzehn Menschen Gift in nichttödlicher Dosis verabreicht hatte. Der Fall löste damals Aufsehen in Deutschland, Europa, sogar in Übersee aus, unter anderem auch, weil Frau Gottfried kein eindeutiges Motiv für ihre Taten nennen konnte. Über die Dauer von drei Jahren schleppte sich das Gerichtsverfahren hin, in dem sich mehr als deutlich abzeichnete, dass die Frau psychisch krank war, wovon die Richter jedoch Abstand nahmen. Peer Meter, der sich über Jahre hinweg mit dem Kriminalfall auseinandergesetzt und für diesen Comic auf die Verhörprotokolle der Verurteilten zurückgegriffen hat, arbeitet in seiner Erzählung insbesondere die Bestürzung und den Abscheu des Bremer Bürgertums heraus, das in seinen biedermeierlichen Grundfesten erschüttert wurde.
Mit der literarischen Figur einer jungen Schriftstellerin, die einen Reisebericht über die Stadt Bremen schreiben soll, betritt der Leser das historische Szenario. Sowohl auf der Basis der Erzählung als auch der Schwarzweißzeichnungen schlägt ihm von Anbeginn die Zurück­weisung einer Gemeinschaft entgegen, die auf jede Form der Andersartigkeit oder Fremdheit misstrauisch reagiert. Der Kriminalfall ist längst zum Politikum geworden und der Leser dringt mit der Schriftstellerin immer tiefer in eine bigotte Gesellschaft vor, für die die Giftmörderin einen Schandfleck darstellt, dem man sich in Form eines Todesurteils entledigt. Barbara Yelin, die ­ ebenso Mitherausgeberin der Comic-Anthologie «Spring» ist, hat Meters Erzählung kongenial in einen Bilderfluss überführt, in dem sie pointiert Perspektivenwechsel und Bildausschnitte einsetzt. Manch fabelhaften Bildfolgen wünscht man weitaus mehr Raum, damit Yelins ausdrucksvolle Bildsprache noch besser zur Geltung kommt. Und so kann man nicht umhin, den Comic gleich mehrmals zu lesen, zunächst die Geschichte und dann immer wieder die Bilder.
Matthias Schneider

Peer Meter, Barbara Yelin: «Gift». Reprodukt, 200 S., Softcover, s/w,
Euro 20.– / sFr. 33.50




«Gift»