Franzosen, alt, aber oho!

Das geschriebene Wort von Wolfgang Bortlik

 

Niemand da. Vergebliche Suche nach jungen Französinnen und Franzosen im geschriebenen Wort. Die fehlen momentan in ­
der Literatur, jedenfalls in der, die ins Deutsche übertragen wird. Der olle Philippe Djian mit seinen ewiggleichen Männerverzweiflungen und die olle Virginie Despentes mit ihrer «Baise-moi»-Libertinage – das ist ja nicht mehr jung und alles eigentlich immer wieder das Gleiche!
Vorhanden ist höchstens der gehobene Frauenschicksalskitsch von Justine Lévy, der schöngeistig schreibwütigen Tochter des Starphilosophen und Schwurbelkopfs Bernard-Henri Lévy. Justines neuer Roman heißt «Schlechte Tochter» und umweht eine Thematik, die ganz offensichtlich der eigenen Biografie entstammt: Louise, die glücklich frisch schwangere Tochter erfährt, dass ihre einst schöne und begehrte Mutter todkrank ist. Louise will sie pflegen und dabei das Gefühl loswerden, als ­
Kind nie geliebt worden zu sein. Ob das wohl hinhaut?
Auch die gute alte Skandalbiografie, welche den gewöhnlichen Spießbürger in Angstlust erschauern lassen soll, gibt es immer wieder: 2002 schrieb der Maler und Autor Grégoire Bouillier sein Erstlingswerk «Rapport sur moi». Das ist jetzt Deutsch als «Ich über mich» herausgekommen und manchmal einigermaßen originell und in gewissen Passagen auch sehr schön zu lesen. Aber mir will scheinen, dass es immer noch gewinnbringender ist, Topors «Memoiren eines alten Arschlochs» zu lesen.
Bei den jüngeren französischen Literaten ist vieles ein bisschen langfädig, -wierig und -weilig und nur wenig unterhaltsam, spannend, lehrreich und komisch. Offensichtlich machen die jungen Franzosen, die was drauf haben, heutzutage alle Comics.

Gehen wir also zurück, weit zurück in die Zeit, als Paris noch die Hauptstadt der Welt war. Als diese Welt müde war und sich von einem Krieg der Völker untereinander ihre Widergeburt erhoffte.
Alfred Jarry war schon vier Jahre tot, als 1911 sein Roman «Hel­dentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker» endlich erschien. Jarry, der Schöpfer des «Ubu Roi», war ein großer Einzelgänger der Literatur und ein begeisterter Velofahrer. Sein «Faustroll» ist eine anarchische Textansammlung, ein völlig wahnwitziger oder – nach Jarrys eigenen
Worten – ein «neowissenschaftlicher Roman».
Und die Nacht berechnete ihre Stunden, sodass man die Lam­­­-
pen anzündete. Plötzlich grollte der absteigende Grimmdarm der Kröte, und die unverdauliche Speisekugel aus reinem Feuer nahm ihren gewohnten Weg zum Pol des Teufels Plural.

1911 war André Breton ein 16jähriger Gymnasiast, der gerade Baudelaire, Mallarmé und Joris-Karl Huysmans las. Noch weit weg, jenseits des Völkerschlachtens im Ersten Weltkrieg, lagen Dada und Surrealismus, die organisierte literarische Avantgarde.
Ein Jahr vorher hatte der junge und kommende große Literat in jener Zeit, Guillaume Apollinaire, seinen Erzählband «Erzketzer & Co.» veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt. Darin finden sich merkwürdig hermetische Geschichten von großer Symbolkraft, etwa wie Märchen oder Legenden, aber gänzlich ohne Pathos und sehr modern geschrieben. 1911 saß Apollinaire allerdings als vermeintlicher Kunsträuber eine Woche lang im Gefängnis. Ein «Freund» hatte ihm eine geklaute Skulptur in die Wohnung gestellt. Von Apollinaire stammt übrigens auch der Begriff Surrealismus, welchen André Breton später für die von ihm initiierte und organisierte künstlerische Avantgarde benützen würde.
Und am Morgen des 21. Dezembers 1911 geschah in der Ge­schich­te der Kriminalistik Einmaliges: In Paris wurde der erste Raubüberfall mit einem Automobil verübt. Der Chauffeur der Delauney-Limousine war ein gewisser Raymond Callemin, genannt la Science. Das Fahren beigebracht hatte ihm ein gewisser Jules Bonnot, den man allgemein für den Anführer der Bande hielt. Nun handelte es sich bei den Räubern aber um Anarchisten und die haben ja bekanntlich keinen Chef. Und insofern war der Überfall auf die Filiale der Société Générale de Banque in der Rue Ordener auch kein gewöhnlicher Banküberfall, sondern ein Akt des Klassenkampfs.
Damals tobte ein erbarmungsloser Kleinkrieg zwischen Staat und Anarchisten. 1891 hatte die französische Polizei Maschinengewehre gegen eine friedliche 1. Mai-Demonstration eingesetzt und 14 Menschen erschossen. Aus Rache warf der Anarchist Ravachol drei Bomben auf Richter und Polizisten. Er wurde gefasst und 1892 guillotiniert. Auguste Vaillant warf ein Jahr später eine Bombe ins Parlament und Emile Henry eine in ein neu eröffnetes Luxus-Café. Sante Caserio schließlich ließ den damaligen französischen Präsidenten Carnot in die Luft fliegen.
Aber auch unter den Anarchisten tobte der Kampf: Sie waren tief gespalten in eine syndikalistische, gewerkschaftliche Bewegung und in die Vertreter der «Propaganda der Tat», die mit ihren Attentaten das Proletariat ermutigen und zur Revolution anstacheln wollten.
Die Mitglieder der Bande à Bonnot jedenfalls verkehrten alle in den anarchistischen Kreisen in Paris, wo der Exilrusse Victor Kibaltschitsch alias Victor Serge den Ton angab.
Vor einigen Jahren hat der italienische Autor Pino Cacucci in seinem Roman «Besser auf das Herz zielen» das Leben von Jules Bonnot nacherzählt. Dabei hat Cacucci auch aus Serges «Erinnerungen eines Revolutionärs» abgeschrieben. Keine schlechte Quelle! Cacuccis biografischer Roman idealisiert den Menschen Bonnot vielleicht ein bisschen, aber er ist sehr anrührend geschrieben, dokumentiert genau gesellschaftliche Spannungen und gibt ein schönes Bild des Rebellen, der uns doch immer wieder aufs Neue fasziniert. Jetzt ist das Buch frisch übersetzt in der Hamburger Edition Nautilus erschienen.

Der Erste Weltkrieg kam und schnell legte sich anhand des grauenvollen Geschehens jegliche Kriegsbegeisterung. Apollinaire wurde von einem Granatsplitter am Kopf verletzt und starb 1918 an der Spanischen Grippe, die letztlich in Europa mehr Menschenleben kostete als der Erste Weltkrieg.
Dada war die einzig mögliche künstlerische Antwort auf den gesellschaftlichen Irrsinn und die kriegerische Machtpolitik Europas. Paris wurde eines der Zentren des Dadaismus, vor allem des literarischen. Neben Tristan Tzara, dem Hansdampf in allen Avantgarde-Gassen, war André Breton, der während des Weltkriegs widerwillig als Hilfspfleger in einem Lazarett tätig gewesen war, bald eine wichtige Figur bei Dada Paris. Man entdeckte das automatische Schreiben, das später die wichtigste surrealistische Disziplin werden sollte. Schon nach einem Jahr zerstritten sich Tzara und Breton, und die meisten Pariser Dadaisten folgten Breton 1920 in den Surrealismus. Im Glanze dieser künstlerischen Avantgarde erstrahlte auch das gute alte Paris ganz neu.
Im Jahr 1920 wurde in einem Villenvorort der französischen Hauptstadt ein gewisser Boris Vian geboren, der zuerst eine gutbürgerliche Karriere als Bürokrat anstrebte, ehe er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in die Kreise von Jean-Paul Sartre geriet und abends in Jazzkellern Trompete spielte. Bekannt wurde er 1947, als es einen Skandal um einen von ihm verfassten Kriminalroman gab: «J’irai cracher sur vos tombes» war ein brutales Sex & Crime-Machwerk und trug Vian eine Verurteilung wegen Unmoral ein. Dabei hatte Vian vorgegeben, diesen Roman lediglich aus dem Amerikanischen übersetzt zu haben, Autor des Krimis sei ein gewisser Vernon Sullivan, ein Farbiger. Insgesamt fünf dieser Krimis schrieb Boris Vian neben seinen
wunderbaren, durchaus surrealistisch beeinflussten Romanen wie «L’écume des jours» oder «L’arrache-coeur».
Vian starb mit 39 Jahren an einer Herzschwäche. Er soll sich über eine Verfilmung von «Ich werde auf eure Gräber spucken» dermaßen aufgeregt haben, dass sein von einer schweren Lungenkrankheit angegriffenes Herz versagte. Kurz vorher hatte Vian noch einmal zugeschlagen und anlässlich des Algerienkriegs sein berühmtes Chanson «Le déserteur» komponiert, in dem er zur Fahnenflucht aufrief.
Ende der 70iger Jahre wurde das literarische Werk von Vian in Deutschland entdeckt und seine Romane und Schriften kamen in einer sehr schönen Werkausgabe heraus. Jetzt gibt es zwei Sammelbände, einen mit seinen Vernon-Sullivan-Krimis und einen mit seinen Romanen.

 

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Buchliste:

Justine Lévy: «Schlechte Tochter», Roman.
Kunstmann Verlag, 175 S. Hardcover, Euro 17.90 / sFr. 31.90

Grégoire Bouillier: «Ich über mich».
Nagel & Kimche, 160 S.
Hardcover, Euro 15.90 / sFr. 27.90

Apollinaire: «Erzketzer & Co.».
Verlag Wunderhorn, Heidelberg, 298 S., sFr. 39.–

Pino Cacucci: «Besser auf das Herz zielen», Roman.
Edition Nautilus, 350 S., sFr. 35.90

Von den Surrealisten ist vieles übersetzt worden:
Bretons Romane, Pérets Poesie etc.
Um das Ganze anzugehen, empfehle ich dieses Buch:

Heribert Becker (Hrsg.): «Es brennt! Pamphlete der Surrealisten».
Edition Nautilus, 156 S., sFr. 20.50

Boris Vian: «Die Krimis: Ich werde auf eure Gräber spucken/Tote haben alle dieselbe Haut/Wir werden alle Fiesen killen/Die kapieren nicht/Aufruhr in den Ardennen». Verlag Zweitausendeins, 732 S., sFr. 29.90

Boris Vian: «Die Romane: Der Schaum der Tage. Herbst in Peking.
Der Herzausreißer. Das rote Gras. Drehwurm, Swing und das Plankton.»
Verlag Zweitausendeins, 1212 S., sFr. 37.50

 

 

 

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